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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

Plötzlich begann sie: „Uebrigens bin ich IhnenjOffen- 
heit schuldig, lieber Rechtsanwalt.“ 
Fragend sah er sie an. „Kennen Sie Doktor Müller?“ 
„O ja,“ sagte er nur, wurde aber aufmerksam. 
„Kennen Sie ihn genauer?“ 
„Auch das.“ 
„Er ist doch ein recht guter, braver Mensch, nicht 
wahr?“ 
„O ja“ — und er legte Messer und Gabel fort. 
„Ich halte Doktor Müller für einen prächtigen Mann, 
dem man sich wohl anvertrauen könnte, — aber bitte, 
nehmen Sie doch noch ein wenig, bitte!“ 
„Danke, danke,“ sagte er nur. 
„Ein Stückchen Pastete, — etwas Salat.“ 
„Ich muss wirklich danken,“ sagte er jetzt, fast zu 
energisch, so dass sie ihn scheinbar erstaunt ansah. 
„Aber was fehlt Ihnen denn, mein lieber Freund? Sie 
sind ja plötzlich ganz erregt!“ 
„O, es ist wohl nur der Tee, ich habe ihn wohl etwas 
zu schnell getrunken“ — mit Gewalt nahm er sich zu 
sammen und luhr dann ruhiger fort -— „übrigens, woher 
kennen Sie denn den Doktor so genau, wenn die Frage 
gestattet ist?“ 
„Er interessierte mich.“ 
„So so.“ 
„Und ich wollte gern wissen, ob ich mich in meinen 
Beobachtungen nicht getäuscht hatte.“ 
„Und deshalb Hessen Sie mich kommen? Mit schlecht 
verstecktem Aerger sah er sie an. 
„Ja,“ sagte sie mutig. 
Schweigen. 
Ganz harmlos, als ob nichts geschehen wäre, sass sie 
da und knabberte an einem Kakes, während er nervös 
über seine Serviette strich. 
Endlich begann er mit leise vibrierender Stimme: 
„Also bitte, fragen Sie nur; was wünschen Sie von mir 
über Herrn Doktor Müller zu wissen, — wie seine 
Finanzen sind, oder wie viel Bier er trinkt, oder ob er 
sonst üble Angewohnheiten hat? — Fragen Sie nur ganz 
frei heraus, wenn ich kann, will ich die denkbar beste 
Auskunft geben, denn so viel habe ich ja schon ge 
merkt, — der gute Doktor hat grosse Anwartschaft, der 
bewusste „Rechte“ zu sein.“ 
„Lächelnd sah sie ihn an. „Lieber Freund, Sie sind 
eifersüchtig und das ist keine gute Eigenschaft.“ 
„Ich bedaure ausserordentlich, dass ich Ihnen miss 
falle, gnädige Frau und bin überzeugt, dass meine Chancen 
nunmehr sehr schlecht stehen,“ sagte er mit ironischem 
Lächeln; „aber ich kann mir nicht helfen, das ist eben 
mein Naturell.“ — Damit erhob er sich. 
„Dann beneide ich diejenige, die einmal Ihre Frau 
wird, gewiss nicht.“ — Auch sie stand auf, verletzt durch 
seine Rücksichtslosigkeit. 
„Sie gestatten wohl, dass ich mich empfehle, gnädige 
brau?“ 
„Herr Rechtsanwalt!“ 
Mit stummem Gruss verschwand er. 
Als sie allein war, hatte sie den Aerger bereits über 
wunden und lachte nun fröhlich auf, — das fehlte ihr 
auch gerade noch! Deshalb noch einmal ins Ehejoch 
gehen I Der erste ein Phlegmatiker, dem sein Magen über 
alles ging, und der zweite ein eifersüchtiger, selbstherr 
licher Narr, der seinem Willen alles unterordnen würde, — 
ach nein! Dann lieber Witwe bleiben bis an das 
Lebensende! 
Aber da war ja noch der Dritte, aut engere Wahl 
gestellte Freier! Gut, versuche man auch das Letzte 
noch. Und sie setzte sich nieder und lud den Direktor 
Schmelzer für den nächsten Tag zum Diner, um auch 
an ihm die Probe zu machen. 
Direktor Schmelzer, ein Mann von fünfunddreissig 
Jahren, war Vorstan l einer grossen Versicherungsgesell 
schaft; früher war er Offizier gewesen, ein schneidiger 
Soldat und ein toller Reiter, der für jeden ulkigen Streich 
zu haben war, dann aber musste er Schulden halber den 
Dienst quittieren und sich eine bürgerliche Existenz 
gründen; jetzt hatte er sich mit Hilfe eines Onkels so 
weit arrangiert, dass seine Zukunft gesichert war. 
Am andern Tage erschien dieser Dritte bei Frau 
Melanie, die ihn freundlicher empfing, als die zwei 
ersten Freier. 
„Nun, meine Gnädige“, sagte er mit leichtem Sarkas 
mus, „was verschafft mir denn die Ehre, wieder mal 
Ihr Gast sein zu dürfen?“ 
„Geschäftliche Frage, lieber Freund, über die ich 
mich mit Ihnen beraten möchte.“ 
„Oh, wollen Sie Ihr kostbares Leben versichern?“ 
Lächeln verneinte sie. „Sie überschätzen den Wert 
meines Daseins ganz entschieden.“ 
„Ganz gewiss nicht! Für mich hat ei einen unbezahl 
baren Wert!“ 
„Für Sie? Und das soll ich Ihnen glauben?“ 
„Weshalb möchten Sie es denn nicht glauben?“ 
„Weil ich Ihnen gar nicht so viel Geduld zutraue, dass 
Sie sich die Zeit nehmen, meinen Daseinswert zu prüfen.“ 
„Den versteckten Vorwurf fühle ich ganz deutlich.“ 
„Aber ich will Ihnen gar keinen Vorwurf machen, 
im Gegenteil, ich kann es recht gut verstehen, wenn ein 
Mann sein Leben geniesst und das Gute nimmt, wo er 
es findet —“ 
Er aber machte ein würdevolles Gesicht und sprach: 
Das war einmal, das liegt weit hinter mir, jetzt bin ich 
schon lange vernünftig geworden, so vernünftig, dass ich 
sogar ganz ernsthaft an —“ 
„An eine Heirat denke“, vollendete sie schnell. 
„Wie Sie doch alles gleich erraten“, neckte er sie, 
„Damit imponieren Sie mir aber gar nicht, lieber 
Freund, mir waren Sie viel lieber, so lange Sie nicht 
ans Heiraten dachten“, rief sie lustig. 
„Erlauben Sie, bitte, gedacht habe ich ans Heiraten 
schon, so lange ich hier bei Ihnen ein- und ausgehe, 
nur habe ich bisher nie davon gesprochen“. 
„O, Sie schlechter Mensch!“ heuchelte sie. „Das 
verdient, energisch bestraft zu werden“, und drohend 
erhob sie die Hand. 
„Ich strafe mich sofort selber“, rief er heiter, nahm 
ihre Hand und bedeckte sie mit vielen innigen Küssen. 
„Man kann Ihnen wirklich nicht zürnen“, rief sie 
lachend. 
„Das soll man auch nicht!“ entgegnete er mit an 
genommener Würde, in dem er ihre Hand streichelte, 
„im Gegenteil, man soll mich recht gut und lieb be 
handeln und wenn ich jetzt ‘■•age: Frau Melanie, ich habe 
Sie recht von Herzen lieb, dann soll man mir antworten: 
ich Dich auch!“ — Und wieder küsste er die kleine 
weisse Hand. 
„Sie sind heute besonders gut bei Laune“, rief sie 
und entzog ihm schnell die Hand. — Ins wischen war 
das Essen fertig. 
„Kommen Sie zu Tisch. S : e unartiger Mensch.“ 
Belustigt reichte er ihr den Arm. „Ich verspreche 
Ihnen hier reuevoll, dass ich mich bessern werde.“ 
„Ueber die Brücke würde ich gewiss nicht gehen.“ 
„Sie können es dennoch, — als angehender Ehemann 
muss ich ja vernünftig werden.“ 
Als sie sich gegenüber sassen, goss er ihr Wein ein, 
während sie ihm die Speisen auf legte. 
„Schmeckt es Ihnen?“ fragte sie, nachdem sie ihn ein 
Weilchen beobachtet hatte. 
„Von Ihrer Hand serviert schmeckt mir alles.“ 
„Ich liebe keine Komplimente.“ 
„Ich auch nicht.“ 
„Weshalb machen Sie sie mir?“ 
„Ich sprach die Wahrheit.“ 
Sie lächelte, schüttelte den Kopf und sagte; „Was soll 
man mit Ihnen anfangen!“
        
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