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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

Ernst Herter. 
Ein Hauptvertreter der Berliner Bildhauerschule, ein führender Meister, der, auf der Ueber- 
lieferung eines großen Jahrhunderts fußend, erfolgreich Schule gemacht hat, Professor Ernst 
Herter, hat am 14. Mai vorigen Jahres das 70. Lebensjahr überschritten und zugleich eine 
akademische Lehrtätigkeit von 25 Jahren abgeschlossen. Die Mitwelt reicht dem Meister den 
Ehrenkranz und in der Nachwelt werden seine Werke fortleben, wird gewiß auch seine menschlich 
edle Erscheinung nicht vergessen werden, der Ruf, den er gewann als aufrechter Mann und 
unerschrockener Verkündiger der Wahrheit und Schönheit, ein Vorbild von Sittenstrenge und nimmer 
ermüdender Güte, wie auch ein Vorbild unverwüstlicher Arbeitskraft. Eine ganze Reihe neuer 
Werke, die aus 1916 und 1917 stammen, steht uns vor Augen. Hie und da berührt der heiße 
Atem des Krieges diese edlen Gestaltungen, gleich als ob der betagte Meister, um Zeugnis für 
den deutschen Geist abzulegen, mit den jüngsten Feldgrauen an Frische habe wetteifern wollen. 
Auf den 400jährigen Gedenktag der Reformation, am 31. Oktober 1917, zielte Herters Luther- 
Standbild, in welchem ein heiliger Kriegszorn sozusagen vergeistigt ist, und ebenso die wahrhaft 
monumental empfundene Luther-Plakette, die in deutschem Eisen gegossen wird. Aus dem 
Schmerz der Zeit geboren ist die neue Gruppe „Fürs Vaterland“, der Genius, der den ge 
fallenen Helden emporgehoben und erschütternde Wehklage an den Himmel richtet. In den 
jüngsten Tagen ist ebenso die Grabtafel mit den drei Marien vollendet, ein Werk des hohen 
Reliefstils, der Engel am leeren Grabe Christi gewaltig groß und die drei Frauen fassungslos 
und unsäglich bewegt durch die Kunde. Schließlich hat Herter seinen alten Ruhm als Bildnis- 
plasti£ er in einer streng geformten Büste des berühmten Naturforschers Robert v. Mayer gewahrt. 
Das ist gewiß viel für die Frist eines Jahres. 
Wir wollen hier nicht des Künstlers ganzes Lebenswerk aufrollen. Dieses Werk ist fast 
unübersehbar groß und es ist überraschend vielseitig, es ist ebenmäßig gereift, Zug um Zug 
mit Geist und Fleiß bis zum äußersten vollendet. Herter ist ähnlich wie der große Schadow 
Idealist und Realist zugleich und darin ein echter Berliner; er verliert nie den Boden unter den 
Füßen, versucht sich nicht am Unmöglichen oder an des Gedankens Blässe, die herbe Göttin 
Natur behütet ihn vor dem hohlen Pathos und dem Kitsch, auch vor dem akademischen Schema, 
seine Gestalten sind, wenn es etwa eine kunstgewerbliche Stilisierung nicht anders verlangt, 
saftvoll und blutwarm, und alle von einer sicheren und männlichen Hand gestaltet. Dem Künstler 
ist nichts zu klein, er adelt auch das Kunstgewerbliche, das Leuchterweibchen, den Ehren 
humpen, den Tafelaufsatz. In Medaillen und Plaketten wie in Riesendenkmälern weist ihn ein 
traumwandlerisch sicheres Formgefühl auf den rechten Weg und wie er es versteht, das Material 
naturgemäß vollauf auszuwerten, Marmor, Bronze, Stein, Holz, Elfenbein, Edelmetall, das be 
zeugen auch seine vielen Schüler, die der Meister vorzeitig auf die Bahn der Zukunft geleitet 
hat, die heute zum Teil schon selber berühmte Künstler geworden und dem alten Lehrer, 
Berater und Freund in Liebe und Dankbarkeit zugetan geblieben sind. Im übrigen sprechen 
unsere Bilder für sich selber. M. Rapsilber.
        
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