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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

Frau Schröter blickte ihn befremdet an. Der Herr 
sah zwar recht intelligent aus, schien aber sehr schwer 
fällig zu sein. 
„Das ist doch klar“, sagte sie, „Sie gehen entweder 
zu ihrem Schneider oder, wenn Sie Ihre Kleidung fertig 
beziehen, in ein gutes Herren-Garderobe-Geschäft und 
kaufen sich einen Ueberzieher.“ 
„Wenn das nur so leicht ginge,“ seufzte er. „Dazu 
brauche ich doch einen Bezugsschein.“ 
„Nun, dann wandern Sie eben in das betreffende 
Büro und lassen sich einen ausstellen. Das ist doch 
furchtbar einfach.“ 
„Einfach furchtbar ist’s!“ platzte er heraus. „Gnädige 
Frau, haben Sie denn eine Ahnung, was es heisst, sich 
um einen Bezugsschein zu bemühen. Da muss man eine 
Geduld haben, sage ich Ihnen, eine Geduld, die kein 
moderner Mensch mehr aufbringen kann. Und überhaupt 
—■ ein jäher Schreck durchzuckte ihn und verzweifelt 
blieb er stehen, — „werde ich denn überhaupt einen 
neuen Bezugsschein erhalten, wo ich doch erst vor ein 
paar Tagen einen bekommen habe.“ 
Frau Schröter beruhigte ihren aufgeregten Begleiter. 
„Nehmen Sie zur Sicherheit Ihren zerrissenen Ueber 
zieher mit, zeigen Sie ihn vor, erzählen Sie von dem 
Unglück, das ihnen damit passiert ist und an dem ich 
leider nicht so ganz unschuldig bin —■ und der betreffende 
Beamte wird keinen Anstand nehmen, Ihnen einen neuen 
Bezugsschein auszuhändigen. Zur Sicherheit, und wenn 
es Sie beruhigt, werde ich Sie morgen in das Büro be 
gleiten und Ihre Aussage bekräftigen. Im übrigen sind 
wir angelangt.“ 
Vor einem vornehmen Mietshaus blieb sie stehen. 
Sie forderte ihn auf, einzutreten und öffnete die Tür 
zum Fahrstuhl. Im zweiten Stockwerk stiegen sie aus — 
Frau Schröter, Hoppe und der Dackel. Ein Druck auf 
die elektrische Klingel, das Dienstmädchen öffnete und 
beguckte neugierig den fremden Gast. 
„Ist der Herr zu Hause, Anna?“ 
„Jawohl, gnädige Frau. Nur Fräulein Edith ist aus 
gegangen, muss aber jeden Augenblick wieder hier sein.“ 
Frau Schröter führte ihren unfreiwilligen Besucher in 
das Empfangszimmer und bat ihn, Platz zu nehmen. 
Sie wollte schnell ihren Mann unterrichten und Hess ihn 
darum allein. 
Er machte sich’s in einem der Klubsessel bequem, 
beschaute interessiert die gediegene Einrichtung und 
übersah es, dass eine junge Dame eingetreten war. Ein 
leichter Ruf der Ueberraschung machte ihn aufmerksam. 
Hastig sprang er auf. 
„Erlauben Sie — Erich Hoppe.“ 
Sie nickte freundlich. 
„Edith Schröter — ich bin hier zu Hause.“ 
„Also Fräulein Tochter?“ bemerkte er. 
„Geraten!“ erwiderte sie belustigt. „Aber was ver 
schafft uns das Vergnügen?“ 
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Abends nach der Kerle 
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Familien-Auf enthalt 
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Er geriet in eine gelinde Verlegenheit, fasste sich aber 
schnell. 
„Als ein Vergnügen sehe zwar ich es an, bei Ihnen 
zu verweilen — ob aber Ihre werte Familie — das dürfte 
immerhin fraglich sein.“ 
Verwundert hatte Edith ihn angehört. Was dieser 
junge Mann, der einen so vorteilhaften Eindruck machte, 
sagte, das war ihr einigermassen rätselhaft. Da fiel ihr 
Blick auf den Ueberzieher. Immer unverständlicher dünkte 
sie der seltsame Besuch. Ein so elegant aussehender 
Herr mit einem derartig defekten Kleidungsstück! 
Die Aufklärung sollte nicht auf sich warten lassen, 
denn gleich darauf erschienen die Eltern auf der Bild 
fläche. Schnucki, den Attentäter, schleifte der Herr des 
Hauses an einer kurzen Lederleine hinter sich her. 
Photo-Leisegang 
Tauentzien-Str. 12 BERLIN Schlossplatz 4 
hält grösstes Lager in Apparate 
Objektive von Qoerz, Ernemann, Nettei, Busch etc. 
Abt. Antiquariat hat viele 
Gelegenheitskäufe. 
Interessenten verlangen die Lagerliste. 
Frau Schröter stellte vor. Als sie auch die Tochter 
mit ihm bekannt machen wollte, unterbrach sie Hoppe; 
„Ich hatte bereits das Vergnügen.“ Und er betonte das 
letzteWort so nachdrücklich und sah dem jungen Mädchen 
so innig in die Augen, dass über Ediths schönes Gesicht 
eine flammende Röte jagte. Sie wurde verlegen, aber 
nicht böse. 
Mit korrekter Sachlichkeit erörterte Herr Schröter den 
Fall, drückte sein lebhaftes Bedauern aus und fragte nach 
dem Preis des Ueberziehers, indem er sein Scheckbuch 
entfaltete, um den Betrag auszuschreiben. 
Erich Hoppe zögerte. Was ihm noch kurz zuvor als 
so selbstverständlich erschienen war, die Wiedererstattung 
des Betrages für den zerrissenen Ueberzieher, das berührte 
ihn jetzt ausserordentlich peinlich. Er sah die Blicke des 
jungen Mädchens auf sich ruhen — Blicke aus grossen, 
dunkelblauen Augen -— Blicke, die ihn warm machten. 
Und darum versuchte er eine vornehm abweisende 
Bewegung. „Aber ich bitte Sie, Herr Schröter, lassen 
wir das. Ich werde diesen Ueberzieher der Altkleider 
stelle überweisen. , Es ist ja schliesslich nicht der Rede 
wert. Die Angelegenheit ist für mich durch Ihre und 
Ihrer Frau Gemahlin Entschuldigung erledigt. Und dem 
armen Schnucki trage ich sein Verbrechen auch nicht 
weiter nach, also bitte, bestrafen Sie ihn. nicht.“ 
„Das ist nobel gesagt“, dachte Edith, ohne es aus- 
zusprecheu. 
Es war natürlich, dass die Eltern den grossmütigen 
Verzicht nicht annehmen wollten, und eben so natürlich, 
dass die Unterhaltung darüber sich in die Länge zog. 
Denn an Fräulein Leni, die am Bahnhof Zoo auf ihn 
wartete, dachte er nicht mehr. Erst nach zwei Stunden 
erhob sich Erich Hoppe, um das gastliche Haus zu ver 
lassen, nachdem er mit Herrn Schröter eine gute Zigarre 
geraucht und mehrere Glas Burgunder getrunken, und 
mit der Frau des Hauses eine Zusammenkunft wegen der 
gemeinsamen Besorgung des Bezugsscheins verabredet. 
Man hatte Gefallen an einander gefunden und sich so 
ausgezeichnet unterhalten, dass der junge Mann aufge 
fordert wurde, seinen Besuch bald zu wiederholen. Be 
geistert gab er das Versprechen, als er Ediths ermunterndes 
Lächeln gewahrte. 
Und er fühlte sich so froh und glücklich, dass er 
sogar dem Dackel Schnucki liebkosend über den Rücken 
fuhr; eine Zärtlichkeit, die Schnucki mit einem wütenden 
Schnappen nach der Hand des Besuchers erwiderte. 
Als Erich Floppe endlich ging, war seine Brust ge 
schwellt von Freude, Hoffnung und Glück. Woran er 
niemals geglaubt, worüber er oft gespöttelt hatte — sie war 
da, die Liebe auf den ersten Blick. Edith! zärtlich sprach 
er den Namen vor sich hin. Denn das war das Herr 
liche; aus diesem Hause, dass ihm innerhalb so weniger 
Stunden so wert und teuer geworden war, ging er wohl 
mit einem zerrissenen Ueberzieher, nicht aber mit einem 
zerrissenen Herzen. 
lim
        
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