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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

so schäbig und so fadenscheinig sei, dass 
ihn selbst der abgerissendste Pennbruder 
mit einer Gebärde der Verachtung zurück- 
weisen würde — hatte er endlich den heiss 
begehrten Bezugschein auf einen Sommer 
überzieher erhalten. Und so konnte Erich 
Hoppe nunmehr mit einem Prachtstück von 
einem funkelnagelneuen, eleganten, hell 
braunen Sommerüberzieher aufwarten, den 
er für hundertundsechzig Mark käuflich er 
worben. 
Mit berechtigtem Stolz führte er ihn 
spazieren. Er lustwandelte über die Linden, 
ging durch das Brandenburger Tor in den 
Tiergarten und freute sich der goldgelben 
Sonne, des blitzblauen Himmels und seines 
hellbraunen Ueberziehers, der ihm gute 
Dienste leistete, denn trotz des lockenden 
Sonnenscheins war es ein kühler Tag. 
Dann wanderten seine Gedanken zu den 
schweren, aber stolzen Tagen zurück, die er als Soldat 
an der Front erlebt, bis ihn der Lungenschuss, der ihm 
fast ans Leben gegangen war, dem Heeresdienste entzogen 
und seinem bürgerlichen Beruf wieder zurückgegeben hatte. 
Er zog die Uhr. In einer Stunde wollte er am Bahnhof 
Zoologischer Garten mit Leni Krüger Zusammentreffen, um 
mit ihr in den Grunewald zu fahren. Er hatte sie erst 
vor einer Woche kennen gelernt. Sie gefiel ihm, war 
hübsch, flott und fesch, und eine gute Gesellschafterin. 
Allerdings als Ehefrau würde sie kaum die Rechte für 
ihn sein und zur Tändelei fühlte er sich eigentlich schon 
zu alt. Aber immerhin, sie diente als angenehme Lücken- 
büsserin und man konnte nicht wissen, ob er sie nicht 
schliesslich doch so lieb gewann, dass er sie zur Frau 
nahm. Denn es drängte ihn in die Ehe. 
Als er in die Nähe des Rosariums angelangt war, wo 
die Rosen in voller Reife prangten und ihr betäubender, 
süsser Duft sich angenehm schwer auf die Sinne legte, 
kam ihm ein Hund entgegen. Ein schwarzer Dackel. 
In gestrecktem Galopp, die Leine hinter sich herschleifend, 
mit heraushängender Zunge, lief er auf Hoppe zu und 
wollte ihm in seinem Renneifer durch die Beine schlüpfen. 
Das aber gedachte Hoppe zu verhindern, denn erstens 
War er kein Hundeliebhaber und wollte darum dem 
Dackel das Vergnügen verekeln, und zweitens fürchtete er 
für seinen neuen Ueberzieher. 
Drohend erhob er seinen Stock, um den Hund mit 
einem leichten Hieb zu verscheuchen. Doch da kam er 
übel an. Der vornehme Dackel schien in seinem Stolz 
verletzt zu sein und den beabsichtigten Hieb als eine 
schwere Ehrenbeleidigung anzusehen. Er funkelte den 
Mann mit dem verhassten Stock tückisch an, knurrte ver 
ärgert und fletschte bedrohlich die spitzen, scharten Zähne. 
Hoppe konstatierte, dass der Hund sich eines tadellosen 
Eebisses erfreute. Aber das hinderte ihn nicht, den er 
zieherischen Stock noch einmal zu schwingen, um das 
Her zu verjagen. 
Er hätte es lieber nicht tun sollen! Denn kaum, dass 
geschehen, sprang ihn der Hund an. Ritsch — ratsch! 
e me Zähne bohrten sich in den unteren Teil des Ueber- 
Luxus Düfte 
Schönheitspuder 
Cremes 
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r 7^i/cAert 
ziehers — ein Ruck — und ein gewaltiges Stück des 
hellbraunen, kostbaren Bekleidungsstückes verblieb im 
Maul des Dackels. 
Im ersten Augenblick war Erich Hoppe starr vor 
Ueberraschung und Entsetzen. Jetzt erst, nachdem es zu 
spät war, bemerkte er, dass der Hund keinen Maulkorb 
trug. Unerhört! Was nützen die besten Polizeivorschriften, 
wenn sie nicht beachtet werden! Aber er hing seinen 
staatsbürgerlichen Befrachtungen nicht lange nach. Der 
schwarze Dackel schien sich mit seiner Trophäe aus dem 
Staube machen zu wollen. Doch so ohne jede Strafe 
sollte er ihm nicht davonkommen. Wütend vertrat Hoppe 
ihm den Weg und schon wollte er dem bissigen Tier, 
der sich ihm wieder knurrend entgegenstellte, eine ge 
hörige Tracht Stockprügel verabfolgen, da eilte aus dem 
Seitenweg eine ältliche, behäbige Dame atemlos herbei 
und rief mit verzweifelter Stimme: „Schnucki! Schnucki, 
wo bist Du?“ 
Der Dackel spitzte die Ohren, der Ruf galt ihm. 
In grossen Sätzen eilte er der Dame entgegen, legte 
ihr den erbeuteten Ueberzieherzipfel stolz zu Füssen und 
erwartete seine Belobung. 
Kriegs-Lebensversicherung 
ohne ärztliche Untersuchung. 
Jeder Kriegsteilnehmer, auch der schon an der Front stehende, findet Auf 
nahme. Im Todesfälle sofortige Auszahlung d. voll. Versicherungssumme. 
Nach Beendigung des Krieges Umwandlung in normale Lebensver 
sicherung unter Anrechnung eines Teils der gezahlten Prämie. 
Deutscher Anker 
Pensions- und Lebensversicherungs-Akt.-Ges. 
Berlin W 9, Eichhornstrasse 9. 
Hoppe sauste hinter ihm drein und kam 
gerade dazu, als die Besitzerin dieses 
bissigen Hundes Schnucki an die Leine 
nahm, ihm den Maulkorb wieder anlegte 
und ihm sanfte Vorwürfe über sein Ent 
weichen machte. 
„Wie können Sie das Tier ohne Maul 
korb herumlaufen lassen?“ fragte Hoppe 
erregt. 
Die Dame musterte ihn kühl. 
„Was geht das Sie an, mein Herr?“ 
Sein Grimm steigerte sich. 
„Was mich das angeht? Sehr viel geht’s 
mich an, meine Gnädige! Hier, das hat Ihr 
Schnucki angerichtet.“ 
Er hielt ihr den zerfetzten Ueberzieher 
unter die Nase und deutete auf das ab 
gerissene Stück zu ihren Füssen. 
Sie bekam einen heftigen Schreck. 
„O, verzeihen Sie, aber ich kann 
nichts dafür. Ich wollte Schnucki den Maulkorb, der 
sich verschoben hatte und ihn scheuerte, nur für einen 
Augenblick abnehmen und da lief er mir davon. Er hat 
nämlich solchen unbezähmbaren Freiheitsdrang.“ 
„Den sollten Sie ihm ausprügeln, gnädige Frau!“ liess 
sich Hoppe vernehmen. „Aber schliesslich geht mich die 
Erziehung Ihres Schnuckis nichts weiter an. Wenn es 
Sie beruhigt — ich gönne ihm also seinen Freiheitsdrang 
von ganzem Herzen, nur sollte er n cht anderer Leute 
neue Ueberzieher zerreissen. Ich habe den meinen gestern 
erst gekauft.“ 
Die Dame bewahrte Haltung. 
„Natürlich werden Sie den Ueberzieher von mir ersetzt 
bekommen. Wenn Sie die Güte haben wollen, mich nach 
Hause zu begleiten — mein Mann wird Ihnen das Geld 
sofort zurückerstatten.“ 
Sie nannte ihren Namen. „Frau Schröter.“ 
Nun hielt es Erich Hoppe für angemessen, sich auch 
seinerseits vorzustellen. Man musste eben, wenn auch 
mit Wut im Herzen, die Höflichkeit wahren, das verlangte 
die gute Sitte. So gingen sie zu dreien weiter, ln der 
Mitte Frau Schröter, zu ihrer Linken Erich Hoppe und 
zu ihrer Rechten Schnucki, scheu, mit gesenkten Ohren 
und eingeklemmtem Schwanz, denn ihm schwante Unheil. 
Wieder sah Hoppe nach der Uhr. Gemächlich ging 
er hier und am Bahnhof Zoo wartete Leni Krüger. Was 
sollte er machen? Seinen Schadenersatzanspruch im Stich 
lassen — nun wohl! Aber mit zerrissenem Ueberzieher 
vor der Holden erscheinen — unmöglich. Also musste 
sie eben vergebens warten. 
Die vorübergehenden blickten das sonderbare Kleeblatt 
befremdet lächelnd an: die elegant gekleidete Dame — 
der Herr mit dem zerrissenen Ueberzieher — der schuld 
bewusst daherschleichende Dackel — man begriff, dass 
sich hier eine Hundetragödie abgespielt haben musste. 
Auf dem Wege machte Hoppe seinem gepressten 
Herzen Lutt. 
„Sie werden mir das Geld ersetzen, meine Gnädige, 
gut. Aber mit Geld allein ist es heute nicht getan. Wie 
komme ich zu einem neuen Ueberzieher?“
        
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