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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

MARMORHAUS Kurfürstendamm 236 
IMMER NOCH 
das eleganteste, vornehmste und beste Lichtspielhaus Gross-Berlins 
Wie sieht es denn rechts und links 
von uns aus? Nach jeder Seite kriecht 
ein Mann, um festzustellen, wie es dort 
aussieht. Ihre Berichte sind durchaus 
nicht ermutigend. Wir sind von jeder 
Verbindung abgeschnitten, auf beiden 
Seiten sind lange Grabenstücke voll 
kommen zugeschüttet, von Besatzung 
nichts zu spüren. Dasselbe scheint mit 
den nach hinten führenden Laufgräben 
der Fall zu sein. 
Merkwürdig ist es nur, dass unsere 
Gruppe so gut weggekommen ist, alle 
sind noch da, einer nur hat durch einen 
Steinsplitter ein Loch in die Stirn be 
kommen, scheint aber nicht gefährlich zu 
sein. Er bekommt einen Verband, eine 
Zigarette in den Mund und putzt, als 
wäre nichts geschehen, an seinem über 
und über mit Lehm bedeckten Gewehr 
herum. 
Da fragt Egon: „Wo ist das Maschinen 
gewehr?“ Mit heiserer Stimme wird ihm 
die Antwort: „Verschüttet!“ Da winkt er 
uns. Wir wissen, was er will. In dem 
todbleichen Knabengesicht steht finstere 
Entschlossenheit, wir alle wissen, aus dem 
Jungen ist ein Mann geworden, gewillt, 
seine Pflicht zu tun, wie wir alle, bis 
zum äussersten. 
Kriechend und springend, von pfeifen 
den Geschossen umschwirrt, arbeiteten wir 
uns in der Richtung vor, in der sich das 
Maschinengewehr befinden musste. Ein 
Lehmhaufen, obenauf ein zertrümmertes Schutzschild. 
Wir arbeiteten um unser Leben mit dem kleinen Infanterie- 
Handspaten, denn das wussten wir: Hatten wir das 
Maschinengewehr nicht in Tätigkeit, wenn der Feind zum 
Sturm vorging, dann waren wir — glatt erledigt. Durch 
die Laufgräben konnten wir nicht zurück, die waren voll 
kommen verschüttet, und auf irgendwelche Unterstützung 
konnten wir nicht unbedingt rechnen, denn hinter unserem 
Graben oder vielmehr dessen Ueberbleibseln lag ein feuriger 
Gürtel, Sperrfeuer, das Heranbringen von Reserven zu 
verhindern. 
Wir gruben und gruben. Nun waren wir noch sieben 
Mann, zwei lagen kalt und stumm, von Sprengstücken 
getroffen. Unaufhörlich schlugen ringsum die Granaten ein. 
Da, endlich! Nun haben wirs! Mit bebenden Händen 
und brennenden Augen wird das Maschinengewehr auf 
seine Brauchbarkeit geprüft, alles klappt! Jetzt mögen 
sie kommen! Egon selbst steht daran, trotz all des 
Schreckensvollen, das ihn umgibt, mit einer glücklichen 
Wichtigkeit, endlich einmal einen besonderen Wert, eine 
wichtige Aufgabe zu haben. 
Das Artilleriefeuer bricht plötzlich ab — eine dichte 
blaugraue Welle brandet heran. Tack — Tack — Tack! 
Wie sie fallen! Lücken klaffen in der Linie, immer loser 
wird sie. Unermüdlich das erbarmungslose Hämmern. 
Drüben ein Stocken, Drängen — wie vom Blitze getroffen 
werfen sich die Feinde nieder. Dahinter eine neue Welle, 
die einschwärmen will. 
Da prasselt es links von uns los, im eigenen Graben, 
Infanteriefeuer. Wie ist das möglich? Werden die toten 
Kameraden lebendig? Auf allen Vieren kommt einer 
herangekrochen; „Befehl vorm. Zugführer; Maschinen 
gewehrfeuer etwas mehr nach links verlegen! “ „Wie, der 
Zugführer lebt?“ „Und nicht zu knapp!“ Uns wird des 
Rätsels Lösung: Unsere Leute waren in Stärke von über 
einem halben Zug in einen Minenstollen gekrochen und 
dessen Eingang war durch eine schwere Granate ver 
schüttet worden. Ziemlich lange hatten sie gebraucht, 
WEIN -STUBEN- HUTH 
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Hl WEINGROSSHANDLUNG =| 
==llllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll==. 
BERLIN W. • POTSDAMER STR. 139 
ECKE L1NKSTR., NAHE PLATZ 
bis sie sich glücklich von innen wieder 
ausgegraben hatten. 
Die Tapferkeit der Franzosen in allen 
Ehren, aber diese Ueberraschung war ihnen 
doch zu stark. Man denke: langstündiges 
Trommelfeuer mit beobachtetem stärksten 
Erfolge auf den vordersten Graben mit den 
Verbindungsgräben, keine Minute aus 
setzendes Sperrfeuer hinter das Graben 
system, und immer noch wohlgezieltes 
Feuer der Verteidiger, das ging wohl über 
ihre Begriffe. Sie machten kehrt — und 
nun gab es kein Halten mehr. 
Aber — noch sollten wir uns nicht 
freuen. Der Franzmann musste den Stand 
ort unseres Maschinengewehrs entdeckt 
haben. Schuss auf Schuss „besten“ Ka 
libers rauschte heran. Wieder einer schloss 
die Augen für immer, zwei waren schwer, 
einer leicht verwundet. Drei Mann waren 
wir noch von unserer Gruppe, die gefechts 
fähig waren, Egon, der unverwundbare 
Schweriner und ich, der Glückspilz. Das 
Feuer wurde langsamer, um ganz auf 
zuhören. Ein letzter Schuss kleinen Ka 
libers, anscheinend als Abschiedsgruss. Die 
Granate schlägt ein ganzes Stück vor uns 
ein — ein scharfkantiges Sprengstück 
schlägt Egons linken Arm mitten durch. 
Dann ist alles still. 
Egon lässt sich verbinden, k ein Schmer- 
zenslaut kommt von den Lippen des Jungen. 
Der Graben, die Sprengtrichter füllen sich 
im ungewissen Dämmerlichte mit Reserven. 
Schleswig-Holsteiner. Wir werden zurückgezogen. 
In einer Zeltbahn nehmen wir Egon mit, um die an 
deren kümmern sich Kameraden. Ein schwerer Trans 
port für uns, ein hundertmal schwerer für ihn. Auf dem 
Hauptverbandplätze legen wir ihn behutsam aufs Stroh. 
Beim Lebewohl fragt er leise: „Seid Ihr mit mir zu 
frieden?“ Und während ich ihm stumm und anerkennend 
die Rechte drücke, fasst der rauhe Schweriner, in dessen 
Augen ich nie vorher Tränen sah, den Jungen beim Kopfe, 
küsst ihn und ruft: „Den elendesten Tod will ich sterben, 
wenn ich Dich je,vergesse, mein lieber Junge!“ Und 
zwei wasserreiche Bäche zogen ihre Bahnen in Schweriners 
rauchgeschwärztem Gesicht. 
Und wem der Abschied nicht genügend romantisch 
sein sollte, dem sei versichert, dass er den Vorzug tat 
sächlichen Geschehens hat. 
Schnucki. 
Von Julius Knopf. 
(Nachdruck verboten.) 
So war es ihm endlich geglückt! Nach vielem Reden, 
langem Warten und Stehen und nachdem er mit zehn 
Eiden feierlich versichert, dass sein Ueberzieher wirklich
        
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