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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

nicht! Sie ist noch hier. Ich, als echte Evastochter hab 
das erspäht. Kommen Sie!“ 
Sie zog den halb Willenlosen mit sich in den Gang, 
von wo ein Fenster in ein Zimmer mündete, das hell von 
der Sonne durchleuchtet war. Es war leer. Verständnis 
los blickte der Geheirarat seine schelmische Begleiterin 
an. Die wies auf einen grossen Spiegel. Dort sah man, 
wie im anstossenden Raume eine Gestalt auf dem Teppich 
kniete, vor sich ein kleines Tischchen, darauf eine 
Photographie stand. Die Sängerin hielt mit beiden Armen 
das Bild umklammert. Der dunkle Kopf war auf die 
Brust gesunken, und heftiges Weinen erschütterte den 
schönen, schlanken Körper. 
Kröll starrte finster auf das Bild. Deutlich sah man 
die Uniform und den Säbel; ein Trauerflor verhüllte den 
Kopf des Offiziers. Das alles sagte dem Beobachter 
genug. Sie hatte den Mann geliebt und ihn durch den 
Krieg verloren. Wie hatte er nur einen Augenblick 
denken können, er dürfe die schöne Frau umwerben! 
Fräulein Amalie sah ihm in das blasse Gesicht „Nun? 
Hatte ich nicht recht? Sie war doch nicht so tugendhaft, 
wie sie dachten!“ Kröll antwortete nichts. Er lüftete den 
Hut und verliess leise das Haus. 
Es war im Herbst. Da bekam Richard Kröll ein 
Telegramm von seinem Neffen, der in Baden im Garnison 
spital lag. Der Onkel möge kommen und ihn besuchen. 
Es war sein Lieblingsneffe, und so entschloss sich der 
Geheimrat rasch zum Besuch. Er verlangte nach Liebe 
und Anhänglichkeit, daran sein Leben so arm gewesen 
war. Von der Sängerin hatte er nichts mehr gehört. Sie 
war fort, verschollen, und er suchte ihre Spur nicht. 
Der Neffe war bereits auf dem Wege der Besserung. 
Freudig betrachtete er die Schätze von Schokolade und 
Zigarren, die ihm der Onkel mitgebracht. Die Pflegerinnen 
gingen hin und her, und Besuche sassen an den Betten 
der Verwundeten. Da flüsterte plötzlich der junge Mann: 
„Sieh einmal dorthin — nein, jetzt geht sie in den andern 
Saal — das war eine berühmte Frau, eine Opernsängerin. 
Sie soll nicht mehr singen, wie ich hörte. Aber sie ist 
keine Pflegerin. Sie kommt nur hie und da und teilt Liebes 
gaben aus. Nur an ganz junge Soldaten. Bei mir war 
sie noch nicht. Wenn sie kommen wird, dann muss ich 
ihr etwas ausrichten.“ 
Um den Mund des Geheimrats hatte es spöttisch ge 
zuckt. Er dachte an eine, die auch einen ganz jungen 
geliebt hatte. Der Neffe rüttelte ihn aus seinen trüben 
Gedanken und flüsterte: „Da draussen geht sie.“ 
Der Arzt wandte sich zum Fenster und sah Dina 
Stilling Vorbeigehen. Also sie war es. Eine Ahnung 
hatte es ihm eigentlich schon vorher gesagt. Mit Wehmut 
folgte er der schönen, in Trauer gehüllten Gestalt mit den 
Augen, bis sie verschwunden war. Er fragte mit belegter 
Stimme: „Wohnt sie hier?“ 
„Ja, dort drüben in der Villa.“ 
„Und welche Botschaft hast Du an sie?“ 
„Ich kämpfte Seite an Seite mit ihrem Sohn. Er fiel 
und gab mir in seiner letzten Stunde Grüsse an die Mutter 
auf. Warum befremdet Dich das so? Die meisten Opern 
sängerinnen sind ja verheiratet! Kröll war sehr blass 
WEIN-RESTHURHNT I 
Abends nach der Karle 
| ksȟ* WILLYS DIELE | 
= Filnl Uhr-Tee = 
1 
Abends erstklassiger 
ln allen Räumen 
Vorzügliche Erfrischungen 
1 
Familien-Aufenthalt 
vornehme Konzerte 
Reichhaltige Weinkarte 
und fragte: Wie sah der junge Mensch aus? War er 
sehr gross, schlank, dunkel?“ 
„Ja, ganz genau so. Kanntest Du ihn denn?“ 
Der Onkel fragte dagegen: „Darf ich die Botschaft 
ausrichten? Ich kenne die Dame und möchte ihr gern 
diesen letzten wehmütigen Dienst leisten.“ 
Am Nachmittag betrat er die einsame Villa, die ganz 
in bunt flammenden Herbstbäumen versteckt lag. Ernst 
und fremd trat ihm Dina Stilling entgegen. Kühl klang 
ihre Stimme, als sie fragte: „Womit kann ich dienen, 
Herr Geheimrat?“ 
Der hielt ihre Hand fest und sagte warm: „DienenI 
Weshalb so fremd? Freuen Sie sich nicht, einen alten 
Bekannten aus ihrer Glanzzeit wiederzusehen?“ 
„Ach, meine Glanzzeit! Wie gern gäbe ich sie für“ — 
Sie verstummte und wies auf einen Sessel. Kröll nahm 
Platz und redete zu; „Sie müssen sich endlich aus der 
Trauer herausreissen. Sie machen ihn damit nicht mehr 
lebend “ 
„Von wem sprechen Sie?“ 
„Von ihrem Sohn, der Ihnen durch meinen Neffen 
die letzten Grüsse sendet.“ 
„Mein Sohn! Sie wissen und dennoch —“ 
„Nein deshalb! Ein unseliges Missverständnis waltete 
zwischen uns beiden. Ich sah ihre Trauer und dachte, 
sie gelte einem Manne, der Ihrem Frauenherzen teuer war. 
Dass das Mutterherz litt wusste ich nicht. Warum hatten 
Sie kein Vertrauen zu mir? Warum luden Sie Ihre Sorgen 
nicht auf meine breiten Schultern? 
Da entströmte ihren Augen die bittere Quelle, die 
Verlassenheit und Schmerz dort gestaut hatte. „Ich schämte 
mich -— nicht meines Kindes — nein, aber das ich einst 
einen Unwürdigen geliebt hatte. Ich lernte ihn im Süden 
kennen, und wir heirateten, als ich kaum siebzehn war. 
Er duldete nicht, dass ich meine Kunst weiter ausübte. 
Bald erkannte ich ihn klar und trennte mich nach harten 
Kämpfen von ihm und meinem kleinen Kinde, das ich 
alle Jahre auf einige Wochen sehen konnte. Was wusste 
ich damals von der tiefen Mutterliebe, die immer mehr 
wuchs, je grösser der Junge wurde. Wie verflogen die 
kurzen Wochen, da ich ihn ganz besitzen durfte! Sie 
waren mein einziges Glück! Er wurde mein Freund, 
mein Kamerad in guten und bösen Tagen! Ach mein 
lieber, lieber Junge! Wie schön wuchs er heran und wie 
klug! Einmal wurde mein geschiedener Mann krank 
— und ich hoffte schon auf den alleinigen Besitz des 
Kindes. Aber er starb erst kurz vor Ausbruch des 
Krieges. Und dann musste mein Sohn mit — und fiel. 
Das ist das traurige Rätsel meines Lebens. Ich hielt 
mich fest an meine Kunst, denn sie musste mir doch 
alles werden, da ich ihr so grosse Opfer gebracht hatte. 
Ich wies ernste, treue Mannesliebe zurück, •—• wenn ich 
sie auch am liebsten mit beiden Händen gehalten hätte.“ 
Wie in Schmerz erstarrt sass sie da und beachtete es 
nicht, als Richard Kröll ihre Hand nahm und sie an 
seine Augen presste. Da erwachte sie und strich mit 
scheuer Liebkosung über sein ergrauendes Haar. Dabei 
flüsterte sie: „Haben Sie mir vergeben?“ 
„Ich Ihnen? Wenn Sie wüssten, welch hässliche 
Gedanken gegen Sie mir die Nächte zernagten und die 
Tage verdarben. Und mit diesen Gedanken hätte ich 
meinen Lebensabend beschlossen, wenn mich das Schick 
sal heute nicht hierher geführt hätte. Dina, unser beider 
Leben ist wie ein Lied, das der Schöpfer in gleicher 
Tonart schrieb; anfangs fröhlich und sorglos, dann ein 
Andante in Moll. Soll es gemeinsam in schönen fried 
lichen Akkorden enden?“ 
Der Herbstabend lag müde und still über der kleinen, 
einsamen Villa. Nebel hingen schwer wie feuchte Schleier 
an den hohen Rüstern. Und doch klang und zitterte es 
in der Luft wie rauschende, brausende Lieder, wie un 
endlich süsse Melodien tausend Glücklicher. Das war das 
Lebenslied der beiden einsamen Menschen, die Hand in 
Hand dem sinkenden Tag entgegenschritten. 
G. Schmechten 
Gegründet 1853 
Hof - Pianoforte - Fabrikant 
BERLIN SW. 68 
nur: Kochstr. 62
        
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