Path:

Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

Sinnend 
MARMORHAUS Kurfiirstendamm 236 
IMMER NOCH 
das eleganteste, vornehmste und beste Lichtspielhaus Gross-Berlins 
schriftlichen Bescheid zukommen lassen!“ 
Sprachs, drückte mir mit demselben omi 
nösen Lächeln meine so sorgfältig ge 
schriebenen Manuskripte in die Hand, 
begleitete mich in äusserst liebenswürdiger 
Weise zur Tür und . . . draussen stand 
ich. Hannibal ante portas, d. h. die Miene 
des Siegers wollte mir aus leicht erklär 
lichen Gründen nicht aufkommen. — 
Also wieder nichts! Ich war wie vom 
Schlag gerührt. Dieses Lächeln hatte mir 
gleich nicht gefallen. Das war nun der 
Erfolg, den ich mir durch mein persön 
liches Vorsprechen errungen hatte. Und 
die 10 Mark und 55 Pfennige waren nun 
auch umsonst ausgegeben. Wie ein be 
gossener Pudel zog ich von dannen. 
Draussen war ein herrlicher Sommertag. 
Ueberall fröhliche, junge Menschenge 
sichter. Und in meinem Innern so finster, 
so öde . . . 
Ich versuchte schon, darüber nachzu 
denken, auf welche Weise ich nun die 
Welt von meinem litterarischen Talente 
überzeugen könnte, da fiel mein Blick auf 
eine Litfasssäule, auf der in grossen roten 
Lettern stand: 
„Patriotische Altpapiersammlung! Wir 
zahlen Mark 0,30 für 10 Pfund Zeitungs 
papier, Manuskripte usw.“ 
„Patriotische Altpapier“ . . . 
ging ich nach Haus. 
* * 
* 
Am andern Tage war ich um 30 Pfennige reicher. 
Mein erster und einziger schriftstellerischer Erfolg. 
Ihr Lebensrätsel. 
Von Hedwig Teichmann. 
(Nachdruck verboten). 
Die Oper war zu Ende, und die Menschen verliessen 
befriedigt das Theater. Auch die Fürstin Olga erhob sich 
in ihrer Loge und sagte aufatmend: 
„Schön war’s, wunderschön! Fräulein Dina Stilling 
verkörpert die Gestalten Verdis am echtesten. ■— Die 
Herren kommen doch mit zu mir zum Tee?“ 
Die beiden Herren verneigten sich höflich zustimmend. 
Der grössere von ihnen, Geheimrat Kroll, schien sichtlich 
erregt. Die grauen Augen hinter den Gläsern blitzten 
wie Stahl, und sein Gesicht war blass. 
Als in dem gemütlichen Teezimmer der Fürstin alle 
versammelt waren, knüpfte Fürstin Olga wieder an das 
Gespräch in der Loge an: 
„Ich weis nicht — ich hatte heule einen so starken 
Eindruck von Troubadour, obzwar Fräulein Stilling nicht 
ganz auf der Höhe ihrer Leistung war. Ich begreife nicht, 
dass sie die Bühne wirklich verlassen will, dass wir sie 
nur noch einmal hören sollen.“ 
Baronesse Amalie, ein verblühtes bissiges Mädchen, 
sagte spitz und mit einem Beifall haschenden Blick auf 
den ernsten Chirurgen: „Sie will eben ein schönes An 
denken hinterlassen. Wenn ihre Stimme einmal bei einer 
grossen Arie versagte! Wie lächerlich sie dann wäre!“ 
Doktor Kröll sagte scharf: „Lächerlich? Nachdem wir 
alle wissen, von welch schwerer Krankheit sie genas? 
Nein, ihre Stimme, ihr ganzes Wesen mutet uns an wie 
das letzte Blühen der Rose, dass erhaben und wehmütig, 
aber niemals lächerlich ist. All .ihre Süsse hat sie uns 
gegeben, all ihre Schönheit verchwendet in des Sommers 
Glutentagen.“ 
Er wollte weiter sprechen, als ihn die Fürstin mild 
unterbrach: „Unsere liebe Amalie meinte es nicht böse, 
Herr Geheimrat! Aber ich muss gestehen: mir wird vieles 
fehlen, wenn ich die schöne, dunkle Frau nicht mehr 
sehen und hören werde.“ 
Professor Heller, ein Freund Krölls, der noch nicht 
lange in Wien weilte, fragte: „Frau oder Fräulein?“ 
„Fräulein“, berichtete Kröll, „wenigstens weiss ich es 
nicht anders. Ich kenne sie schon seit zwanzig Jahren. 
Damals war ihr Stern im Aufgehen. Sie hatte naturgemäss 
wohl hundert Bewerber, schlug aber alle aus und lebt 
nur ihrer Kunst.“ 
Fräulein Amalie lachte hämisch: „O ich 
weiss warum. Sie hat eine — auf deutsch 
gesagt — Liebschaft unten im Süden. 
Meine Freundin sah sie oft mit einem 
jungen Mann — ein intimes Verhältnis — 
meinte sie, ja sie sah, wie sie sich zärtlich 
küssten. Sie scheint es auf ganz junge 
abgesehen zu haben.“ 
Die Fürstin sah ein böses Aufblitzen 
in Krölls Augen und glättete sofort die 
erregten Wellen: „Vielleicht ein Bruder!“ 
Fräulein Amalie verstand die Hilfe 
nicht und sagte spöttisch: „Aber Fürstin, 
wo Sie doch selbst aus ihrem eigenen 
Munde wissen, dass Fräulein Stilling ganz 
einsam ist. Sie hat ja auch Bilder von 
dem jungen Manne in ihrer Wohnung — 
in ihrem Wohnzimmer, das abgesondert 
liegt und wohin die Leute nicht kommen. 
Meine Freundin aber kam doch einmal 
hin und erkannte sofort den jungen Mann.“ 
Der Fürstin war das Thema schon pein 
lich. Sie hätte es so gerne gesehen, wenn 
Geheimrat Kröll das ältliche Fräulein an 
sein Herz gezogen hätte. Beiden wäre 
geholfen gewesen: dem einsamen Manne, 
der nie ein Familienglück gekannt hatte 
und der unausstehlich werdenden alten 
Jungfer. Diese aber konnte ihre Eifer 
sucht auf die schöne Sängerin nicht ver 
bergen. Im Grunde passte Amalie gar nicht 
zu dem hochstehenden, klugen Manne, den 
die Fürstin schon geschätzt hatte, bevor er 
ihr Leben durch eine kühne Operation 
rettete. Seit jenem Tage aber vergötterte sie ihn. Doch 
die schöne Sängerin sollte er sich aus dem Kopf schlagen! 
Die liebte irgend einen jungen, eleganten Mann und 
hatte für ihn, der doch ein ganzes, volles Frauenherz 
verdiente, nichts übrig 
Geheimrat Kröll und sein Freund Heller gingen durch 
die Sternennacht heim. Beide hatten den Wagen der 
Fürstin verschmäht. Ihre Tritte hallten, als sie über den 
einsamen Burghof schritten. Der Posten musterte sie 
misstrauisch. Da fragte Heller kurz: 
„Ist Dir die Sängerin mehr als eine flüchtige Bekannt 
schaft? Du sprachst so erregt von ihr. Ich kenne das 
sonst nicht an Dir.“ 
Kröll schleuderte den Rest seiner Zigarre weg und 
erwiderte leise: „Ja, sie ist mir mehr. Sie ist die ein 
zige Frau, die ich je geliebt und begehrt habe,“ 
Nun-und? Du bist doch wahrlich der Mann, um eine 
gleiche Liebe in Frauenherzen zu entflammen.“ 
„Wie Du hörtest, scheint das eben nicht der Fall zu 
sein.“ 
„Ach, weil diese verblühte Schwätzerin von einem 
südlichen Herrn faselte? Lass sie und erzähle!“ 
Kröll blieb vor dem Rathause stehen und zog tief die 
köstlich milde Nachtluft ein. Dann liess er sich plötzlich 
auf eine Bank in den Rathausanlagen fallen. Rechts und 
links ragten die Kolosse des Parlaments und der
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.