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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

Mein einziger schriftstellerischer Erfolg! 
Humoreske von Pepi Grüne. 
(Nachdruck verboten,) 
Wie ich darauf gekommen bin, mich schriftstellerisch 
zu betätigen, weiss ich, offen gesagt, selbst nicht genau. 
War es allein der Umstand, dass ich eines Tages ent 
deckte, als meine Freundin mir untreu geworden war, dass 
sich „gebrochenes Herz“ so wunderbar schön auf „Liebes- 
schmerz“ reimte, oder auch nur, weil mir mein Chef 
kündigte, da er seine Einberufung erhalten hatte (ich hatte 
den ehrenwerten Beruf eines Schreibers bei einem Rechts 
anwalt,) Tatsache ist jedenfalls, dass mich meine Stellungs 
losigkeit ermutigte, mir einige Bogen Konzeptpapier zu 
kaufen und zu dichten. Da ich bereits in der Schule ein 
grosses Talent für die Aufnahme fremder Gedanken gezeigt 
habe — ich besass eine beneidenswerte Fertigkeit im Ab 
schreiben von den benachbarten Pulten, — so wollte ich 
mich natürlich zunächst auch auf diesem Gebiete an grosse 
Vorbilder halten. 
Und so warf ich mich denn zunächst auf die Lyrik, 
bekanntlich das Gebiet, das von jungen Dichtern immer 
zuerst bevorzugt wird. — Eigentlich bin ich zu bescheiden, 
um mich schon jetzt mit dem Titel „Dichter“ zu be 
zeichnen. — Da nun jeder Dichter eine gewisse Inspiration 
braucht, so war es für mich damals besonders günstig, 
dass ich eines Tages, als ich mir gerade für 15 Pfennige 
Zwiebelleberwurst kaufte, (ein Luxus, den ich mir nur 
Sonnabends gestattete!) eine Verkäuferin kennen lernte, 
mit der ich mich bald in ein heftiges Liebesgeplänkel ein- 
liess. Ich hatte es bald heraus, das war meine Inspiration. 
Wenn wir dann so manchen Abend durch blumenbesäte 
Wiesen oder geheimnisvoll dunkle Wälder gegangen sind, 
dann war es für mich ein leichtes, noch am selben Abend 
in wundervoll zarten Versen meine Gefühle zu verherr 
lichen, was mir besonders gut gelang, wenn mir meine 
Schöne zur Aufmunterung ein Stückchen Wurst oder 
Schinken mitgebracht hatte. An solchen Abenden glückte 
mir dann manches Meisterstück, so dass ich vor Freude 
mit mir selbst nach den Klängen eines Grammophones 
Walzer getanzt hätte. Ich besass aber keins. Als dann 
eines Tages meine Auguste — übrigens ein Name, auf 
den sich leider so wenig reimen Hess — mir die Treue 
schnöder Weise gebrochen hatte, (was ich übrigens nicht 
verstehe, wo ich doch immer so nett zu ihr war. Viel 
leicht hat sie auch dem Schwünge meines Geistes nicht 
folgen können!) also an diesem Tage machte ich um die 
etwa 50 Manuskripte ein rosa Bändchen und schickte sie 
an einen Verleger. 
Meines Erfolges war ich ja von vornherein sicher. 
Meine Freunde, denen ich öfter einen Einblick in meine 
dichterische Werkstatt gestattet habe, erklärten mir wieder 
holt, so etwas hätte noch keiner geschrieben! Na also, 
die mussten es doch schliesslich wissen. Dankbar würden 
nur die Verleger sein, dass sie endlich einmal wieder 
etwas vernünftiges drucken durften. — 
Nach zwei Tagen kamen die Manuskripte zurück. 
Der Verlag dankte wirklich, und bedauerte, mir mitteilen 
2U müssen, dass er zurzeit keine Verwendung usw. usw. 
Ausserdem hätte er bereits Heines Lieder zu Plause! — 
Was denn? ... Er bedauert . . . Heines Lieder . . . 
Was habe ich mit Heine? . . . Das verstand ich nicht. 
Mir wirbelte der Kopf. Also abgewiesen. Sang und 
klanglos! Noch dazu mit einem gedruckten Formular. 
Ja, was dachten sich denn die Leute eigentlich. — — 
Aber jedes Talent muss erst seine Schule durch 
machen, und durch den ersten Misserfolg darf sich ein 
echter Künstler nicht einschüchtern lassen. Da ich augen 
blicklich in keinem innigen Verhältnis zu einer jungen 
Dame der Lebensmittelbranche stand, steckte ich die 
Lyrik auf, und versuchte mich mit Balladen; aber damit 
hatte ich noch weniger Glück. Der erste, dem ich zwei 
Exemplare zusandte, schrieb mir, das Angebot wäre zu 
gross .... 
Lachhaft, einfach lachhaft ... als ob ich, ich Emil 
Bumke, mit jedem in einen Topf zu werfen bin; der Mann 
hatte ja anscheinend keine Ahnung von Literatur. Na, 
ich nehme zu seiner Ehre an, dass er zu sehr mit Arbeit 
überlastet war, so dass er nicht recht die Spreu von dem 
Weizen zu trennen vermochte. Das kann ja schliesslich 
einmal Vorkommen. — 
* 
Da hatte ich eines Tages eine glänzende Idee. Du 
schreibst Kriegslieder. Ja, das ist doch etwas. In schönen, 
schwungvollen Versen den Leuten zu erzählen, was sie 
längst wissen, oder schon hundertmal gehört haben, dazu 
eine Melodie, die man schon 25 Mal gehört hat, aber sich 
ruhig zum 26ten Male noch einmal anhören kann, ja da 
war noch Geld zu verdienen. Irgend ein geschniegelter 
Tenor oder Bassist, natürlich mit Monokel und Nelke, 
stellt sich auf ein Podium, und bringt durch die Flut 
seiner Töne das Publikum zu Tränenausbrüchen, sei es 
vor Rührung, sei es vor Lachen, je nachdem. 
Also ich setzte mich hin, und schrieb und schrieb, 
schrieb Tag und Nacht, bis ich so ungefähr ein Dutzend 
Lieder ernsten und heiteren Inhaltes beendet hatte. Ich 
nahm sie nun eines Tages unter den Arm und begab 
mich nach einem raschen Blick in mein Portemonnaie 
(ich hatte noch 11 Mark!) zu einem Musiker, der mir in 
selbstloser Weise die Lieder gegen ein Trinkgeld von 
10 Mark, (wie er sagte, für mich war es ein Vermögen), 
komponierte. 
Die Melodien zeichneten sich ja weder durch Schlag 
fertigkeit noch durch Originalität aus, aber es war doch 
immerhin Musik. Da nun ein Fehlschlag ausgeschlossen 
war, leistete ich mir als Vorschuss auf die eingehenden 
immensen Honorare eine Zigarre zu 15 Pfennigen und ein 
warmes Abendbrot (was sonst nur bei ganz hohen Fest 
tagen vorkam) in Gestalt einer Bockwurst mit Salat. Wie 
ein kleiner Balkanfürst kam ich mir vor. 
Da ich nun bisher bei meinen schriftlichen Angeboten 
Pech gehabt habe, versprach ich mir von einer persön 
lichen Fühlungsnahme mit einer kompetenten Persönlich 
keit viel mehr, und so wanderte ich am anderen Tage 
mit meinen Manuskripten und einer ordentlichen Portion 
Stolz in meiner deutschen Dichterbrust zu dem Direktor 
eines Kabaretts. Der Mann kam mir sehr loyal entgegen 
und bot mir sogar einen Stuhl an. Das ermutigte mich. 
Schüchtern brachte ich nun mein Anliegen vor (ich hatte es 
mir doch leichter vorgestellt) und bemerkte besonders, 
um einen guten Eindruck zu schinden, dass es ja nur 
zunächst bescheidene Anfänge seien. Daran anknüpfend 
bemerkte er, dass er nicht zu widersprechen wage, und 
las es aufmerksam durch. 
Während dieser Zeit kam ich mir vor l wie ein An 
geklagter, über den beraten wird, ob er die Todesstrafe 
oder nur Zuchthaus verdient hat, und ich machte daher 
das in diesem Falle einzig Richtige, nämlich ein möglichst 
dummes Gesicht. Der Herr Direktor las noch immer, 
d. h. lesen war das eigentlich nicht zu nennen, sondern 
er blätterte die einzelnen Bogen nachlässig durch. — Nur 
die beiden ersten hatte er einer genaueren Durchsicht 
für würdig gehalten, — Dabei glaubte ich bei ihm einen 
eigenartigen Zug um seinen Mund zu bemerken, sollte 
das ein Ausdruck der Freude sein, oder sollte etwa . . . 
Da schreckte mich seine Stimme aus meinen tiefsinnigen 
Gedanken auf. 
„Ja, hören Sie mal, junger Mann“ (das klang sehr 
jovial) „also mein lieber Herr . . . äh . . . Herr . . . 
Bumke,“ . . „Emil Bumke“ . . begann ich zu stottern. 
„Also, Herr Bumke,“ begann er jetzt in liebenswürdigstem 
Tone, „ich . . . ich leugne ja nicht, dass . . . ich will ja 
nicht bestreiten, dass diese Sachen . . . nun ja, Sie sind 
noch jung, und ein Talent braucht seine Entwicklung, 
bei manchen kann das jahrelang dauern, jah . . re . . - 
lang! . . . Also wie gesagt, . . , Na, ich werde Ihnen
        
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