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Full text: Berliner Leben Issue 19.1916

über sein ehrwürdig Antlitz. — — „Lakonika hat ihre 
Sache wieder gut gemacht!“ dachte er und stand gelassen 
auf und schritt mit erzwungener Ruhe seines Weges. — 
Am Moscheen-Platz winkte er ein Paar träge lungern 
der Senftenträger zu sich, setzte sich in den schwanken 
Stuhl, der ein geschlossenes Dach besass und nannte 
seine Wohnung, die in Kalamaria, jenem drei Kilometer 
von Saloniki entfernten freundlichen Vororte mit den un 
endlichen Feigengärten, lag. In dem verschlossenen Trage 
stuhl öffnete er das Zettelchen. In türkischer Schrift stand 
geschrieben: „Himmelblau und weiss protestiert! — — 
Der grosse Mann wird klein! Die Frechen aber kommen 
trotzdem mit eisernen Füssen ans Land in kommender 
Nacht!“ 
„Verflucht!!“ entglitt es den Zähnen des alten Juden 
und er zerriss das Zettelchen in winzige Blättlern und 
liess sie einzeln aus der Senile flattern. 
An der Strasse nach Kapudzilar lag sein Häuschen in 
einem lieblichen Blütengarten. Er lohnte die Träger 
und trat in das Haus. Ein Grieche schloss hinter 
dem Herrn die Tür, liess noch den dicken Teppichvor 
hang an der Pforte niederrollen, dann ward das griechische 
Gesicht breit und gemütlich und mit ehrlicher Freude 
sagte der Diener in deutscher Sprache: „Gott sei Dank, 
Herr Hauptmann, dass Herr Hauptmann wieder daheim 
sind! Wenn Herr Hauptraann in das alte Bruchnest, der 
jüdischen Altstadt gehen, hab ich stets solche Unruhe und 
Sorge!“ 
„Unnötig, Franz, ■— — ganz unnötig. Ich bin 
zu vorsichtig und meine jüdische Maske ist zu echt, als 
dass mir etwas geschehen könnte!“ Dabei entpuppte 
sich der alte Jude. Er nahm Bart und Perücke ab, streckte 
und reckte sich und war nun nicht mehr der griechische 
Jude Kephissos, sondern der deutsche Hauptmann Walter 
Roth. — — Und der Grieche, sein Diener, war sein 
Sekretär Franz Jahn, seines Zeichens Monteur, der für 
eine Deutsche Firma 14 Jahre im Orient tätig gewesen 
war und vier oder fünf Sprachen des Balkans und seine 
Sitten beherrschte. — — 
„Machen Sie sich fertig, Franz. — — Sie müssen 
sofort auf dem üblichen Wege zum deutschen Geschäfts 
träger und folgendes übermitteln: „Himmelblau und weiss 
protestiert! Der grosse Mann wird klein, die frechen 
kommen aber trotzdem in kommender Nacht mit eisernen 
Füssen ans Land!“ 
„Hm, ich verstehe: Himmelblau und weiss sind die 
griechischen Farben, — — heisst also: Griechenland 
protestiert! Wogegen? Gegen die Verletzung der Neu 
tralität durch die Ententemächte. Der grosse Mann 
wird klein! — — Aha, — — wer könnte hier anders 
gemeint sein als Venizelos. — — Er wird klein, 
also der König lässt ihn fallen! Bravo, bravo! ! 
Aber das letzte: Die Frechen kommen mit eisernen Füssen 
in kommender Nacht ans Land? Die Frechen werden 
die Briten und Franzen sein und mit eisernen Füssen, soll 
heissen, alle Waffengattungen. Ich weiss Bescheid, Herr 
Hauptmann. In einer Stunde ist die Nachricht am richtigen 
Platz!“ 
»Recht, mein Freund! Und hier, nehmen Sie noch 
diese Börse mit Gold, — — Sie können es vielleicht 
brauchen!“ Und also — bald ward aus Franz Jahn 
wieder ein waschechter Grieche, der das Haus verliess und 
unweit des Gartens einen Eseltreiber anrief und auf dem 
Grautiere der Stadt zutrabte. 
♦ 
* ♦ 
Um Mitternacht huschte im Mauronerosgässchen aus der 
Bazar-Budike des alten Oeta ein verschleiertes, tuchum 
hülltes Persönchen, eilte unter all den Erkern, an all den 
Winkeln und Ecken und Pfeilern vorbei, und am Trikupus- 
platze sprang das leichtfüssige Wesen in eine ihrer harrenden 
Senfte. Zwei handfeste Träger hoben den Tragstuhl auf —- 
und fort ging es. Durch viele, viele enge und breite 
Strassen und Gassen eilten sie, und endlich hielten sie vor 
einem vornehmen, inmitten eines Parkes gelegenen Säulen 
hauses. Diener eilten herbei und halfen dem ver 
schleierten Menschenkinde galant aus dem Tragestuhle 
und geleiteten es in die Vorhalle. — — Dort standen 
lachend und in freudiger Erwartung vier Herren in fran 
zösischen Uniformen und empfingen den zierlichen 
Flüchtling aus Oetas Bazar. — — Es war Lakonika. — 
Sie warf Tuch und Schleier beiseite und sprühte vor 
Lust und Leben. 
„Da bin ich!“ rief sie in zwitscherndem Französisch 
und neckte jeden der Herren durch ein witziges Wort, 
währenddessen man sie in ein vornehm ausgestattetes 
Gemach führte. Und ward gespeist und süsser, schwerer 
Wein getrunken und es ward gescherzt und gesungen 
und Lakonika verstand es meisterhaft durch Verspöltelung 
deutscher Art und deutscher Kriegspläne aus den vier 
Gimpeln zu locken, was sie wissen wollte. Und als sie 
erkannte, dass die Herren noch das Wichtigste ver 
schwiegen, bat sie, tanzen zu dürfen, und Etienne, der 
Wissensreichste der Gallier, spielte auf einem zierlichen 
Spinette alte jonische Weisen, wonach Lakonika erst 
graziös, dann immer wärmer werdend und immer wilder 
tanzte, sodass die vier Herren immer ausgelassener und 
geschwätziger wurden, Lakonika aber immer spröder. 
Immer schlauer ward das Netz von Fragen, das sie um 
die von süssem Wein und sirenenhaftem Liebreiz betörten 
Männer spann, — — und bald wusste sie von den 
wackeren Franzosen, wann und wo diese Nacht die 
Landung der Befreiungstruppen geschehe, sie erfuhr, 
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dass man die griechischen Proteste nicht beachten werde 
und dass die Tausende von Truppen von Dardanellens 
Toren kämen. 
O, Du spinnwebenfeine Weiberränke!! 
Da, mitten im tollsten Freudenstrudel, Lakonika tanzte 
soeben einen altgriechischen Tempelreigen raste das 
Telephon. Etienne mit Sturmschritt an den Appa 
rat, — — und die kleine, witzige Griechin ergriff mit 
komischer Wichtigkeit den anderen Hörer. — — Und 
was hörte sie? — — Französische Geheimspitzel hatten 
einen Griechen aufgebracht, der vermutlich ein Deutscher 
sei und in Diensten deutscher Spione stände. Was 
mit ihm geschehen solle? 
Lakonika, die im Augenblick wusste, dass man ihres 
Liebsten getreuen Diener erwischt, presste ihre weissen 
Zähnchen in die Lippe, so heftig, dass ein winzig Tröpf 
chen Blut über das kussliebe Zünglein rann. Aber 
schnell fasste sie sich wieder. — — Sie sprang auf, 
klatschte in die Hände und tanzte wie ein Kind und rief: 
„Hierher lasst ihn bringen, Etienne, Louis, Armand, 
Jaques, ich bitt Euch, macht mir die Freude und 
lasst ihn hierher bringen, ich möchte einen Barbaren 
sehen und ihn necken!“ Und dabei fieberten ihre Händ 
chen und ihr Blick schoss lauernd von einem zum 
andern. — Und die vier Tölpel wetteiferten, der schönen 
und, ach, so spröden Griechin eine Freude zu machen 
und gaben Befehl, den Spion zu ihnen zu bringen. 
Und ein Viertelstündchen später stand Franz Jahn, Haupt 
mann Roths Getreuer, vor den Franzosen. — — Man 
stellte hundert Fragen an ihn, er schwieg beharrlich 
und lächelte, ein überlegenes, die Gallier reizendes Lächeln. 
Lakonika kauerte auf einem Berge weicher Kissen und 
sah gespannt auf die Scene, dann schnellte sie auf und 
ergriff Wein und Früchte und reichte sie dem Gefangenen 
und zupfte und neckte ihn und warf dazwischen Brocken 
dorischen Dialektes, den die Franzosen bestimmt nicht 
verstanden, — — etwa; „Keine Sorge! — — Ich rette 
Dich nnd Deinen Herrn!“ Und dabei lachte und 
tollte sie und höhnte den Verhafteten so, dass sich die 
Franzoren schüttelten vor Lachen. Plötzlich sprang 
sie auf und rief: „Zehn Küsse, wer mich fängt!!“ Und 
sie schoss davon, stiess die Türen auf und. Portieren zurück, 
raste durch die Zimmer und die vier Franzosen hinter 
drein und der Verhaftete stand im Augenblick allein im 
Zimmer. — — Mit einem Satze war er durch die Tür, 
stiess draussen den Wächter beiseite und eilte in die 
Nacht hinaus. 
Und Lakonika, flinker als ein Reh, entschwand im 
buschigen Parke den Blicken der nacheilenden lachenden 
Herren! Sie huschte durch den Ileckenzaun und eilte 
durch finstere Gassen kreuz und quer und kam atemlos 
an dem kleinen Pamisos-Wäldchen an, jenem heiligen 
Orte, wo schon Apostel Paulus seinen geliebten Thesalo- 
nikern gepredigt haben soll. 
Dort standen zwei Männer am Solon-Denkmal, Männer 
in ehrwürdig jüdischer Tracht: Kephissos und Pyrgos, 
die deutschen Offiziere, die hier sich getroffen und auf 
Lakonika harrten, Neues von ihr zu erfahren. Denen 
flog sie in die Arme, die treue Griechin, und rief: „Rettet 
Euch und mich! Wir sind verraten!“ Und sie erzählte
        
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