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Full text: Berliner Leben Issue 19.1916

Lakonika. 
Skizze von Max Karl Böttcher. 
(Nachdruck verboten.) 
Die Sonne stand schon tief und verglutete fern am 
Horizonte des blauwallenden Meeres, und die Schatten 
des cyklopischen Blutturmes am Hafentor von Saloniki 
stachen lang und schmal bis fast zum granitenen Quais. — 
Die schlanken, blendendweissen Minarets ragten wie riesen 
hafte Nadeln zum tirkisschimmernden Himmelsgewölb, 
und die zahllosen rotgeschindelten Landhäuschen in den 
Terrassen des Hinterlandes lugten wie traute Fensterchen 
aus dem dichten, satten Grün der Pinien und Cypressen. — 
Vom Meere wehte jetzt eine frische Prise landwärts 
und kühlte die Glut der Strassen, aber in den kaum vier 
Ellen breiten Gässchen der brüchigen Altstadt hockte noch 
die schwüle Tageshitze und Hess die tausenderlei Gerüche 
der hier wohnenden niedersten Volksschichten noch wider 
licher duften. 
Zwei Juden, langgebärtet und ehrwürdig, strichen am 
Häuserbord entlang, kauften hier eine Schnur beigen und 
da eine Probe Mohnsamen, und bei dem Oelhändler Oeta 
in der alten Gasse des Mauroneros erstanden sie ein blei 
stiftstarkes Fläschchen echtes Rosenöl. — Waren nur 
drei, vier Tropfen des kostbaren Saftes und doch zahlten 
die Juden willig die geforderten fünf Drachmen.^ — Als 
der alte Oeta sich wandte, für den Flaccon ein Kästchen 
mit rosa Watte zurecht zu machen, erschien in der 
schmalen ETintertür des kleinen, schmutzigen Bazars ein 
schöner, überraschend schöner Mädchenkopf, halb jüdisch, 
halb griechisch. Es war Lakonika, des alten Oeta schwarz 
glutäugige Tochter. Sie lugte vorsichtig in den Laden, und 
als sie erkannte, dass der Vater seitwärts beschäftigt war, 
nahm sie blitzschnell eine Orange und hob sie dreimal 
hoch und blitzte dabei den einen der weissbärtigen Juden 
mit ihren Augen an. — Kephissos, der Jude, neigte sein 
Haupt ein wenig, und dann verschwand Lakonika wieder 
hinter dem grellblumigen Vorhang der kleinen Tür, 
Man nahm das Kästchen, zahlte und ging. 
In der engen Gasse schritten die beiden schweigend 
davon, denn hier hatten Fenster und Wände und Erker 
Ohren, und der Engländer und Franzosen Geheimspitzel 
waren überall in Saloniki und Venizelos Arm und Macht 
reichte bis in die letzten Winkel und schmutzigsten Gässlein 
des Türken- und Judenviertels. — Und jedermann wusste, 
dass allnächtlich eine stille Barke über den Hafen fuhr 
und ihr am Blutturme ein Häuflein Menschen entstiegen, 
die hinter den massigen Quadern verschwanden, Menschen, 
die nicht freiwillig diese nächtliche Fahrt gewollt und 
keine Sehnsucht nach den Kellern des venezianischen 
Rundturmes gehabt. 
Im urallten, verwinkelten, vererkerten Judenviertel 
hausten alle Laster und Lüste des Orients, aber auch alle 
Liste, Verschlagenheiten und politische und geschäftliche 
Ränke spannen von hier aus ihre Fäden und manche welt- 
überraschende, diplomatische Kühntat war hier geboren.— 
Als Kephissos und Pyrgos, die beiden alten Juden, 
aus den Winkelgassen in die schöne, breite und sehr be 
lebte Konstantin-Allee einbogen, begannen sie erst ihr 
Gespräch. 
„Sahst Du, Pyrgos, das Zeichen, was mir die schöne 
Lakonika gab?“ fragte Kephissos. 
„Wohl sah ich es, und ich warne Dich!“ 
Kephissos blieb erschrocken stehen; „Traust Du ihr 
nicht?“ 
„Doch doch!! Denn sie liebt Dich, wie nur eine 
Griechin lieben kann, Walter, aber das Spiel, was 
Du mit ihr treibst, ist ein gefährliches! Ahnt sie auch 
nur, dass Du sie bloss zum Werkzeug unserer Mission 
gebrauchest, — so wird ihr Hass ihrer Liebe gleichen — 
er wird masslos werden!“ 
„Hm, an Leidenschaft fehlt es der schönen Orientalin 
wahrlich nicht, — — aber wie, Friedrich, soll sie zur 
Erkenntnis kommen, dass sie mir nichts bedeuten kann, 
als . . .“ 
„Still, da kommt Monsieur Matier, der französische 
Konsulatssekretär!“ Ein noch ziemlich junger, 
beweglicher Plerr, elegant, laut, lebhaft, schritt er mit einem 
anderen Franzosen, dem man, obgleich civilgekleidet, un 
schwer den rassigen Offizier ansah, vorbei. »Geh 
Du ihnen nach, Friedrich, ich selbst eile zur Hegia Sophia 
zu meinem Stelldichein. Wir treffen uns um Mitter 
nacht am bekannten Platz!“ Die beiden alten Juden 
trennten sich. Kephissos, den der andere Walter nannte, 
bog in die stille, ruhige Seitenstrasse ein, und Pyrgos, 
der mit Friedrich angesprochene, ging unauffällig den 
beiden Franzosen nach. — — Kephissos erreichte bald 
die herrliche, alte griechische Kirche, die 1430 von den 
Türken in eine Moschee umgewandelt worden war. 
Rechts des grossen Kuppelbaues waren wunderbare gärt 
nerische Anlagen und am sauberen Rundpfade standen 
kleine Gruppen alter, verwitterter Orangesträucher, aber 
nie in gleicher Zahl. — — Kephissos schritt bedächtig 
und versunken, einer Nathansfigur gleich, im Parke entlang, 
Er erwartete durch seine kleine Freundin Lakonika, die 
für ihn unbezahlbare Spionsdienste leistete, wichtige Nach 
richten und in kommender Nacht wollte sie sogar sich 
selbst in das Quartier massgebender französischer und 
englischer Herren wagen, um für ihn Mitteilungen zu ent 
locken, die mit der beabsichtigten Landung ententege 
höriger Truppen zusammenhingen. Und Morgen 
wollte Kephissos und sein Freund Pyrgos dann ver 
schwinden. — — — An all das dachte der greise Jude 
bei seinem schlichten Wandel durch den Park der Hegia 
Sophia. Er schritt jetzt an der ersten Orangegruppe 
mit sieben Sträuchern vorüber, — — nach 100 Schritten 
folgte eine zweite von fünf und nach abermals 100 Schritten 
ein Buschinselchen von drei Orangebäumen. — — An 
jeder Gruppe war eine steinerne Bank zu sehen. — — 
Kephissos setzte sich und blickte sinnend nach der präch 
tigen, im Abendgold sanft schimmernden Kuppel der 
Hegia Sophia. Da trat ein Knabe zu ihm und bot 
ihm ein Büschel Mandelblüten zum Kauf. Er nickte nur 
und gab dem Jungen eine Drachme, — — da Hess ihm 
der braune Bursche ein Büschel der lieblichsten aller Blüten 
auf den Schoss fallen und eilte weiter. — —- Und als 
Kephissos, der gleichgültig auf die Blumenpracht schaute, 
um einen Stengel der rotblütigen Zweiglein ein gelblich 
Zettelchen gerollt fand, glitt ein triumphierend Lächeln 
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