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Full text: Berliner Leben Issue 19.1916

glaubte zu sehen, wie die Gegenstände seines 
Zimmers langsam um ihn zu kreisen begannen. 
Doch da sprach immer noch die Stimme, und 
er nahm sich zusammen, um wieder verstehen 
zu können. 
„ Die arme Maria! Sie meinte, die 
Wände kämen auf sie zu — — —“ 
Kurt hörte nichts mehr. Ein dumpfes 
Sausen war in seinen Ohren. Um Gottes 
Willen — was war das eigentlich? Anglaine, 
war das nicht ein Gebilde seiner Einbildungs 
kraft? Und der Spuk, der gestern durch sein 
Gehirn hetzte — er wagte den Gedanken nicht 
zuende zu denken! Es war ja unfassbar! 
Und noch immer stieg die Stimme aus dem 
Telefon, wie ein herausfahrendes Gespenst, 
das nach seinem Herzen griff. 
— ihre Gedanken, das waren tolle 
Ratten “ 
Kurt hatte den Hörer fallen lassen und 
war zurückgetreten. 
War er irrsinnig? Hatte gestern eine teuf 
lische Hand seine Feder geführt? Da lag 
noch das Manuskript! Mit einem namenlosen Grauen 
stierte er es ein. 
Aber das war ja Wahnsinn! Das war nicht möglich! 
Es war ein ungeheurer sinnloser Zufall! 
Seine Zähne schlugen aneinander. Er presste sie zu 
sammen, dass sie knirschten. Ein wilder Protz ergriff 
ihn. Er wollte sich beweisen, dass es ein Unsinn war. 
Er wollte weiter schreiben. Er musste. Er fühlte, wie 
sich seine Finger um die Feder schlossen, als wüchsen 
sie mit ihr zusammen; er fühlte, wie wieder die fremde 
Gewalt sich seiner bemächtigte, wie alles in ihm erkaltete 
und versteinte, während das, was er schrieb, wie ein 
heisser Quell aus ihm hervorbrach. — 
— — — Aglaines Augen starrten ihn an. 
„Warum sitzest du im Harnisch an meinem Bett?“ 
„Aglaine, ich trage keinen Harnisch. Sieh her, das 
ist braunes Tuch von Gent.“ 
Noch immer starrten diese Augen auf ihn; Augen 
voll dunkler grenzenloser Leere; nur noch die Angst war 
darin, wie ein irrendes Licht. 
„Wer bist du?“ 
„Ich bin Lautrec, dein Gatte.“ 
„Du lügst!“ schrie Aglaine. „Ich bin bei einem 
fremden Mann! Ich muss fort! Hörst du nicht, wie er 
ruft? Er liebt mich, ich muss zu ihm! Und du hältst 
mich nicht! Lass mich!“ 
Und Aglaine springt vom Lager. Wie ein weisses 
Kätzchen schwingt sich ihr zarter Körper auf den Fenster 
sims. Vierzig Fuss sind es von ihrem Purmgemach bis 
zu den Felsen drunten, die schon die Zacken strecken 
nach ihrem weissen Leib. Da will sie hinab. Doch 
Lautrec hat sie erfasst. Wo hasst du die Kräfte her, 
zierliche Aglaine? Brennt Aimar’s Liebe in deinem 
kleinen Herzen so wild? Aber Lautrec ist stark, und er 
schleppt dich zurück. Nun kannst du nicht mehr hin zu 
ihm. Da liegst du gebrochen und wimmerst. Da windest 
du die in namenloser Qual und wartest nur noch auf 
den Tod. 
Mit zusammengekrampften Zähnen, in einem unge 
heuren Schmerz hatte Kurt geschrieben. Gewaltsam, als 
befreie er sich von einem fremden Griff, riss er jetzt die 
Hand vom Papier und schleuderte die Feder weit ins 
Zimmer. In einer dunklen Welle flutete das Bewusstsein 
seiner Umgebung wieder auf ihn zurück. 
Er griff sich an die Stirn. Was hatte er getan? 
Wenn nun auch dieses wahr war? Ihn schauderte. — 
Er konnte sich Gewissheit verschaffen. Da stand das 
Telefon. Aber er entsetzte sich vor dem schwarzen Appa 
rat. Wie sollte er das Furchtbare ertragen, wenn seine 
Fantasiegebilde und die Wirklichkeit wieder in eins 
zusammenflossen! Aber er musste es ja wissen! Besser 
das Schlimmste als noch länger die Ungewissheit! Schon 
hielt er den Hörer in der zitternden Hand. Er rief die 
Nummer. Alles an ihm erstarrte. Nun musste die Stimme 
kommen, die er fürchtete. 
„Wie geht es Maria?“ 
Ehe die Antwort kam, war ein Augenblick so tief wie 
die Ewigkeit. Unendlich still war es. Er hörte die Lampe 
brennen und die Taschenuhr gehen und sein Blut rauschen. 
Dann kamen die Worte, klar, unerbittlich deutlich. 
„Maria hat eben versucht, sich aus dem Fenster zu 
stürzen — —“ 
Klirrend fiel der Hörer. Mit einem tierischen Schrei 
stürzte Kurt davon. Er eilte aus dem Haus; gegen 
einen eiskalten Regen. Die ganze Nacht irrte er umher, 
getrieben von Entsetzen, gegeisselt von Furien, und mitten 
in aller Qual plötzlich durchlodert von verbrecherischen 
Wonnen. Sie musste ihn lieben! Sie musste ihn lieben!! 
Und er malte sich eine Seligkeit aus, vor der er im 
nächsten Augenblick zurückschauderte. 
Er wagte nicht nach Hause zurückzukehren. Gegen 
Morgen schlief er einen traumzerrissenen Schlaf in einem 
Bahnhofswartesaal vierter Klasse, Seite an Seite mit zer 
lumpten Gestalten; nur um nicht allein zu sein. Am 
Tage taumelte er wieder durch die Strassen. Sein ver 
wildertes Ansehen und scheues Wesen erregte die Auf 
merksamkeit eines Kriminalbeamten. Er musste sich 
legitimieren. Erst spät am Abend kam er 
nach Hause. 
Da stand der Schreibtisch. Er hatte Angst 
davor wie vor dem Schauplatz eines Ver 
brechens. Und doch trieb es ihn unwider 
stehlich näher. Da lag das furchtbare Schrift 
stück. Er wollte, er musste es vernichten! 
Schon streckte er die Fland aus, da las er die 
letzten Worte, die er geschrieben hatte: 
„Da liegst du nun in namenloser Qual 
und wartest nur noch auf den Tod. —“ 
Entsetzlich! Wenn er sie nun durch diese 
Worte gebannt hielt! Wenn sie leiden musste 
und er sie nicht sterben liess! Wenn er ihr 
Leben in der Hand hielt! ? Er wand sich 
unter der furchtbaren Vermutung. Er meinte, 
Marias Augen auf sich gerichtet zu sehen, 
ihre geliebten, jetzt so verstörten Augen, mit 
einem unendlich flehenden Blick: Quäle 
mich nicht! Gib mir den Frieden! 
Aechzend legte er die Stirne auf die 
Schreibtischplatte. Er sollte ihr Mörder 
werden! Marias Mörder! Doch als er den 
Kopf wieder hob, war sein Mund verzerrt von der Plärte 
eines Entschlusses. 
„Du sollst den Frieden haben, Geliebte,“ murmelte 
er zwischen den Zähnen. Er griff nach dem Schreib 
zeug. Und wieder schlossen sich seine Finger um die 
Feder in einem unlöslichen Krampf. 
„Sei ruhig Aglaine Was schlägt Dein Herzchen so 
wild? Sei ruhig. Aimars Seele hat Dich gegrüsst; einmal 
im Leben musste sie zu dir finden. Nun ist es vorbei. 
Nun weisst Du von ihm! Ist das nicht genug? Es ist ein 
Wehen wie von Frühlingswind? Und hörst Du das seltsame 
Klingen in der Luft? Horch, es ist ein Schritt auf der 
Zugbrücke; ein pochender Schritt. Und horch, eine Fiedel 
klingt im Burghof, süss singt sie und lockend. Aimars 
Lieder sind es. Erkennst Du sie? Und kennst Du nun 
die selige Frau, die sie meinen? Du lächelst, und Dein 
Herzchen ward still. Und fern, ganz fern schon klingt 
die Fiedel, unirdisch und schmeichelnd und werbend, und 
Deine Seele zieht ihr nach “ — 
Der Schreibende lehnte sich zurück. Tränen über 
strömten sein Antlitz. Dann setzte er auf den Bogen die 
Worte: Drei Minuten nach halb elf. 
Ein grosser Friede war in seinem Fierzen. DieAngstwar 
vorbei. Er war müde. Schwerelos schwebte sein Gefühl über 
dämmererfüllten Gründen. Und noch im Sessel vor dem 
Schreibtisch sitzend, sank er in tiefen, traumlosen Schlaf. 
Als er von einem Klopfen aufschreckte, war es grauer 
Tag, und im Zimmer stand die Haushälterin mit einem 
Brief, der die entstellten Schriftzüge seines Freundes trug. 
Der Baumeister beschwor ihn, sich in der nächsten 
Zeit von ihm fernzuhalten; er müsse erst wieder zur 
Besinnung kommen. 
Die Buchstaben begannen vor Kurts Augen zu ver 
schwimmen. Nur eins konnte er noch entziffern; „Maria 
ist um halb Elf gestorben.“ — 
Er war aufgesprungen. „Um halb Elf!“ sprach er ton 
los vor sich hin. Taumelnd trat er vom Schreibtisch zurück 
und in der Mitte des Zimmers brach er zusammen.
        
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