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Full text: Berliner Leben Issue 19.1916

oder ihn so vorzulesen, als — als wäre er mit kühler 
Gleichgültigkeit geschrieben. 
Aber nein! Sie schüttelt den Kopf, und ihre Lippen 
werden weiss. Nein, nein, um Gottes Barmherzigkeit 
willen, so erbärmlich schlecht ist sie denn doch nicht! 
„Da ist er, Lterr Marten, der ersehnte Brief!“ 
Sie legt ihn in seine Hände, und das blaue Couvert 
wird zu der Vision eines jungen, geschmeidigen, geliebten 
Frauenkörpers. Er bedeckt es mit Küssen. 
In diesem Moment sieht er die schöne Welt. Sein 
ganzes Gesicht strahlt. 
„Lesen Sie,“ bittet er, „lesen Sie!“ 
Sie überblickt die eine beschriebene Seite und unter 
drückt einen bangen Schrei hinter den fest geschlossenen 
Lippen. Else schreibt so trocken, so übervernünftig, so 
gleichgültig, dass Gertruds Augen sich mit Tränen füllen. 
„Nun, was schreibt sie?“ 
Gertrud presst den Brief zwischen ihren dürren Fingern, 
die Tränen blenden sie, ihr Herz ist voll des schweren 
Leids, das sie ihm bereiten muss. Muss . . .? Nein, sie 
kann die Hoffnung dieses warmen Herzens nicht töten — 
seine Hoffnung nicht. 
Und mit ihrer leisen Stimme liest sie Zeile für Zeile 
aus ihrer eigenen zärtlichen Seele, in der so viele unbenützte 
Worte der Liebe ruhen. Sie vergisst alles, um ihn unter 
den Deckmantel eines anderen Namens ihre eigenen 
Gefühle zu beichten und als sie fertig ist, wirft sie plötzlich 
den Kopf in seinen Schoss und schluchzt wie ein Kind. 
„Wie schön, wie schön, Schwester Gertrud!“ ruft Erwin 
gerührt aus. „Oh Gott, wie glücklich bin ich! Nie hat 
Else früher so geschrieben. Nun weiss ich, dass sie mich 
liebt. Es ist als habe sie mir ihr Herz geschickt.“ 
Gertrud ist wachsbleich, aber das sieht er ja nicht, 
und es bedeutet auch nichts, sie ist ja doch schon welk .... 
Am nächsten Tage muss sie an Else schreiben. Er 
diktiert. Er spricht von seiner Erfindung, die ihn mit 
einem Schlage reich machen werde. Nun weiss er ganz 
bestimmt, dass sie ihm gelingen wird. Er spricht von 
seinem eisernen Kreuz, von ihrem gemeinsamen Heim 
und ihrer glücklichen Zukunft. Alles strahlt und leuchtet. 
Er will, dass sie auch schreibe, sie — Schwester Gertrud — 
sei sein „Schutzengel“ — aber sie tut es nicht. 
„Ich habe nur eine liebe Pflicht erfüllt,“ sagte sie. 
Erwin war wie neu belebt, sein Gang federleicht, sein 
Lachen frisch, seine Stimme kräftig. Sein ganzes Wesen 
hatte etwas Sorgloses bekommen, ein strahlendes Lächeln 
um seine Lippen. 
Gertrud aber betete in ihrem wehenHerzen für sein Glück. 
Und eines Morgens kam das „Glück“ in Gestalt eines 
rosigen, frischen jungen Mädchens. Else war da und 
fragte nach Erwin Marten. Es war ein Wiedersehen 
voller Jubel, Tränen und Hoffnungen . . . 
Endlich erinnerte Erwin sich auch seines „Schutz 
engels,“ und er sprach warme Worte von Gertruds Güte 
und grenzenlosen Geduld. Da traf sie ein scharfer Blick 
aus Elses braunen Augen. Kritisch betrachtete sie die 
Schwester, und als sie mit Erwin allein war, sagte sie mit 
ihrer hellen, klaren Stimme: „Deine Schwester Gertrud 
ist eine entsetzliche alte Mamsell, trocken, verschrumpft 
und mit rotgeränderten Augenlidern. Es ist sehr klug von 
ihr, dass sie sich ein Blindenlazarett ausgesucht hat.“ 
Aglaine. 
Groteske Novelle von Carl Hagen-Thürnau. 
(Nachdruck verboten.) 
Sie sassen an einem Dezemberabend in dem grossen 
hellen Saal eines noch halb leeren Weinrestaurants. 
Während sein Freund, der Regierungsbaumeister, immer 
weitersprach, blinzelte Kurt auf die blütenweissen Gedecke 
der unbesetzten Tische, die auf die kommenden Gäste zu 
harren schienen und ihm das Gefühl einer blinden Erwar 
tung noch verstärkten. Neben ihm sass Frau Maria; und 
ohne dass Kurt sie ansah, empfand er ihre Schönheit; 
die Schönheit ihres jungen Mundes, die Schönheit ihres 
weissen Halses, der heute so rein und nackt aus der 
perlgrauen Seide des Kleides stieg, und die Schönheit 
ihrer sehnsüchtigen Augen. 
Aber ihre Augen, die waren anders als sonst; sie 
waren unstät heute. Und das beunruhigte ihn. Mehr als 
er selbst verstand. 
„Der ganze Spiritismus ist Unfug!“ schrie der Bau 
meister und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, 
dass Maria erschreckt zusammenfuhr. 
„Ich will den Spiritismus auch garnicht verteidigen,“ 
sagte Kurt. „Aber mir scheint, es gibt seelische Fern 
wirkung. Wenn früher ein Brief von meiner Mutter kam, 
habe ich jedesmal in der voraufgehenden Nacht vom 
Elternhaus geträumt. Und wie erklärst Du sonst, was mir 
gestern nachmittag begegnete. Du entsinnst Dich des 
Vorschullehrers Beute aus unserem Heimatsnest. Es sind 
viele Jahre, dass sein Vollmondgesicht in meiner Erinne 
rung nicht mehr aufgelaucht ist. Gestern nun, ich gehe 
gerade über den Potsdamer Platz, muss ich an ihn denken. 
Ich sehe ihn wieder auf dem Katheder sitzen und sich den 
Schlips binden. „Ob er noch lebt?“ denke ich; und dabei 
gehe ich die Leipziger Strasse hinab. Und als ich an der 
Wilhelmstrasse bin, kommt mir der alte Beute leibhaftig 
entgegen, als wenn das ganz selbstverständlich wäre.“ 
„Zutall!“ brummte der Baumeister. 
„Ich habe aber Aehnliches schon öfter erlebt,“ fuhr 
Kurt fort. Und ich glaube sogar an Gedanken — und 
Willensübertragung. Wenigstens fand ich oft bei mir 
und Menschen, die mir nahe standen, eine ganz seltsame 
Uebereinstimmung der Gedanken, eine überraschende 
Gleichzeitigkeit der Einfälle. Und es ist vorgekommen, 
dass mein blosser Wille genügte, den anderen zu einer 
bestimmten Handlung zu veranlassen. Natürlich müssen, 
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wenn so etwas möglich sein soll, die Menschen aufeinander 
eingestellt sein; sie müssen sein wie Geber und Empfänger 
der drahtlosen Telegraphie, wie Stimmgabeln, die den 
selben Ton haben und von denen die eine beim Tönen 
der andern mitschwingt.“ 
„Lass mich mit Deinen Stimmgabeln zufrieden!,, lachte 
der Baumeister. „Das ist Euer Dichterspleen. Möchtet 
einem einreden, Ihr hättet ganz besondere Nerven. Ihr 
seid nur überspannt; nimm mirs nicht übel.“ 
„Und Sie, Frau Maria, wie denken Sie?“ fragte Kurt. 
Sie sah ihn mit einem verschleierten Blick an, als könne 
sie sich nur mühsam sammeln. 
„Ich weiss nicht,“ sagte sie ein wenig unsicher, „manche 
Menschen mögen eine grosse Suggestionskralt haben. Zum 
Beispiel Sie. Ich habe schon manchmal gemeint, wenn 
Sie etwas wollten, müsste ich es tun.“ 
„Nun fang Du auch noch an!“ rief in komischer 
Entrüstung ihr Gatte. 
Maria presste die schlanken Finger, die unruhig auf 
dem Tischtuch gespielt hatten, an die Schläfe, auf der sich 
heute leicht eine Ader abhob. 
„Ach ja, ich rede vielleicht Unsinn!“ klagte sie. 
„Ich habe solche Kopfschmerzen, dass ich kaum denken 
kann “ 
Als sie aber in Kurts Augen die tiefe Besorgnis sah, 
schüttelte sie mit einem erzwungenen Lächeln den Kopf. 
Der Baumeister betrachtete sie durch seine scharfen 
Brillengläser. 
„Trinke mal Wasser. Dein Kopi glüht ja.“ 
„Du sprichst so laut! sagte sie gequält. 
Der Baumeister dämpfte seine Stimme und wandte sich 
wieder zu seinem Freund. Aber Kurt entgegnete nur 
noch einsilbig. Er empfand eine immer steigende Unruhe, 
die ihn mehr und mehr von der Unterhaltung abzog und 
schliesslich ganz ausfüllte. Und er meinte zu fühlen, wie 
diese Angst von Frau Maria zu ihm überströmte. 
Unaufdringlich setzte die Musik ein. Eine Violine, Cello 
und Klavier spielten die Barcarole aus Hoffmanns Erzäh 
lungen. Doch schon bei den ersten Tönen zuckte Maria 
zusammen. 
„Hören Sie das nicht?“ wandte sie sich an Kurt. 
„An der G-Saite der Violine hat sich der Silberdraht gelöst; 
sie klirrt so unerträglich!“ 
„Aber Kind, Du faselst!“ lachte ihr Gatte. Kurt in 
dessen starrte sie nur mit angstvollen Blicken an. Es war 
ja unmöglich, dass sie das hörte; die Musiker sassen am 
andern Ende des Saales! Aber als das Stück beendet 
war, ging er zu dem Geiger hinüber. Er fand ihn, einen 
kurzsichtigen Menschen, mit seinem Instrument beschäftigt, 
das er dicht unter die Augen hielt. „Ja, ganz recht,“ 
lautete zwischen Erstaunen und Verlegenheit die Antwort, 
„der Silberdraht hat sich gelöst.“ 
Beklommen kehrte Kurt zum Tische seiner Freunde 
zurück. Was war das nur mit Maria? Was hatte die 
unheimliche Wachheit ihrer Sinne zu bedeuten? Wurde 
sie etwa krank? 
Inzwischen hatte sich der Saal mehr und mehr gefüllt, 
Ueber den Tischen brodelte das Geräusch der halblauten 
Stimmen, hier und da zerschnitten von dem Anschlägen 
eines Geschirrs. Frau Marias Blicke irrten unstät umher 
und die Unruhe in ihren Augen wurde zu heller 
Angst.
        
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