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Full text: Berliner Leben Issue 19.1916

Barmherzige Schwester. 
Von Elisabeth Kuylenstierna-Wenster. 
Berechtigte Uebersetzung aus dem Schwedischen von Rhea Sternberg. 
(Nachdruck verboten.) 
Erwin Marten wurde in dem grossen Lazarett, in dem 
schon so mancher tapfere Sohn des Landes mit zerstörtem 
Augenlicht eingeliefert worden war, von Schwester Gertrud 
gepflegt. 
Wie viele andere war sie aus tiefinnerstem Drange an 
die aufopferungsreiche Arbeit gegangen. Manche dieser 
barmherzigen Schwestern kam mitten in all die Not hinein 
mit ihrer blühenden Jugend und ihrem hellen Lachen, das 
noch keine Enttäuschung verbittert hatte, ihre Hände waren 
weich und warm, ihre Stimme hatte den Klang sprühenden 
Lebens. Doch Gertrud gehörte nicht zu diesen. Sie führte 
ein einsames Dasein mit einer neunzigjährigen tauben 
Grossmutter. Sie selbst hatte bereits das dritte Jahrzehnt 
überschritten, ihre Hoffnungen waren allmählich versunken, 
ihre Gedanken und Wünsche aber gingen noch immer 
nach leuchtenden, goldenen Gefilden, bis wieder und wieder 
das Schweigen und die Einsamkeit ihrer dämmerigen, 
feuchten kleinen Wohnung sie wie ein Gespenstermantel 
umhüllte, und sie in die Leere ihres Lebens blicken liess 
wie in ein offenes Grab. 
Als der Krieg ausbrach, schrak sie empor, als habe 
jemand mit geballten Fäusten hart an ihre stets geschlossene 
Tür geschlagen, und ihr Leben bekam einen Inhalt, denn 
auch für sie war das Wohl und Wehe des Vaterlandes 
eine Herzenssache. Sie zitterte für ihr Heimatland, und 
jubelte Dankgebete für jeden Sieg. 
Dass sie, die stets abseits Lebende es wagte, sich selbst 
die Tür zur Freiheit zu öffnen, war ein Wunder. Aber 
was sie trieb, war stärker als alle Scheu, sie wollte, sie 
musste ihrem Lande beweisen, dass sie seine echte Tochter 
sei. Ach wäre sie doch lieber sein Sohn, wäre sie doch 
ein Mann! 
Als sie inmitten der Schar begeisterter junger Frauen 
stand, glich sie einem welken, frostbeschädigten Blatt, das 
in ein frisches Blumenbeet hineingewirbelt wird, doch ihre 
dünnen Arme waren stark, ihr Griff kurz und leicht. Die 
tiefe, etwas müde Stimme hatte eine mütterlich liebkosende 
Ruhe, und sie besass die Fähigkeit des Zuhörens. Eine 
seltene und grosse Gabe. Das Leben ist voller Erzähler 
und Erzählerinnen, hat aber wenig aufmerksame Zuhörer. 
Erwin Marten, besass nun zwar nur zwei glänzende 
Glasaugen, aber er schaute dennoch mit herzensfrischen 
Blicken in die Zukunft und wurde niemals müde zu 
erzählen. 
Vor allen Dingen von der Tapferkeit der Kameraden, 
von den Freuden des Sieges und der Verzweiflung der 
Niederlage. Seine Stimme war zuweilen heiss wie pul 
sierendes Blut, dann wieder schmerzerfüllt wie die eines zu 
Tode Verwundeten, alle Töne standen ihr zur Verfügung 
und Gertrud lauschte ihr wie einer Glocke, die sie ins 
Leben hineinläutete. 
Oft sassen die beiden nebeneinander auf einer Bank im 
Sonnenschein. Sie lehrte ihn das Blindenalphabet. Bald 
aber schob er die Buchstabentabelle ungeduldig beiseite 
und begann zu fragen, zu erzählen. Wie eine frische, 
klare Quelle sprudelte seine vertrauensvolle Offenheit 
hervor. Gertruds Wangen bekamen ein ungewohntes leises 
Rot, ihre Augen einen ungewohnten Glanz. Sie setzte 
ihren abgenutzten, dünn gewordenen Wunschbecher an 
die sprudelnde Quelle und hörte die Worte hineinträufeln 
wie Jugendlieder. 
Er erzählte von seinem Leben in der kleinen Stadt. 
„Daheim“ sagte er stets. Dort war er in einer sehr guten 
Stellung als Ingenieur tätig gewesen, hatte glänzende 
Aussichten für die Zukunft gehabt. Nun war es aus damit. 
Er konnte die Arbeiten nicht mehr leiten. Aber eine 
neue Erfindung ging ihm durch den Kopf, und vermochte 
er die zu verwirklichen . . . 
Und mit vielen, Getrud völlig unverständlichen tech 
nischen Ausdrücken entwickelte er seine Ideen und bald 
war sie ebenso eifrig wie er selbst. Sie glaubte an ihn, 
denn ihr Herz war ja gerade jetzt so voll von neuem 
Glauben. Wäre er nur erst ein wenig kräftiger, so wollte 
sie versuchen, nach seinen Angaben die Skizzen zu ent 
werfen. Sie lernte die Bezeichnungen für Maschinenteile, 
Schrauben und Räder. Und doch war es, als lerne sie 
statt dessen die Bezeichnung und Bedeutung ganz anderer 
Werte. In ihrem Innern strahlte es. 
Eines Tages bat er sie, einen Brief für ihn zu schreiben. 
Darin sollte nur stehen: 
„Ich bin für immer erblindet.“ Und dann seine voll 
ständige Adresse. Gerichtet waren diese lakonischen 
Worte an „Fräulein Else Klingberg“ in seiner Heimatstadt. 
Gertruds hagere Hand zitterte, als sie das schrieb. Ihr 
Herz fror, denn nun begriff sie, warum er so häufig völlig 
abwesend schien, warum er oft plötzlich heftig ihren Arm 
drückte, wenn sie ihn achtsam führte, und warum er zu 
weilen trotz seiner hoffnungsfreudigen Natur von einer 
wehen Unruhe gepackt wurde. Bald sollte sie auch die 
ganze Geschichte erfahren. 
Im Herbst 1914 hatte er Else Klingberg heiraten wollen. 
Alles war bereits geordnet, am 20. November sollte die 
Hochzeit sein. Da wurde er einberufen. Anfangs hatten 
sie häufige Briefe gewechselt, aber dann brachten Truppen 
verschiebungen und andere Hindernisse off lange Stockun 
gen mit sich, und nun hatte er seit einigen Mionaten nicht 
schreiben können und auch nichts von ihr gehört. 
Nachdem der Brief abgeschickt war, warteten Erwin 
und Gertrud in gleicher Unruhe auf die Antwort, beide 
von Angst erfüllt. Sie wagte nicht, sich zu gestehen, 
dass sie dieses fremde Mädchen fürchtete, das mit einem 
einzigen Griff ihren dünnen Glücksfaden zerreissen konnte. 
Wie einen nach ihr gezielten Schwerthieb erwartete sie 
täglich die Postzeit, heute, morgen, übermorgen würde 
der Todesstoss kommen — dass die andere, die von Erwin 
Geliebte ihren Sinn geändert haben könnte hielt sie für 
unmöglich. Natürlich würde sie sofort schreiben oder 
vielleicht selbst kommen, mit offenen Armen und dem 
innigen Mitleid der Liebe. 
Erwin sprach anfangs scheu, aber dann immer lebhafter 
von dem erwarteten Brief. 
„Sie begreifen wohl, Schwester, wie ich ihn herbei 
sehne, nicht wahr?“ 
„Gewiss, Herr Marten.“ 
Eine Woche später: 
„Aber warum kommt er nur nicht, Schwester Gertrud? 
Die Adresse war doch richtig?“ 
Endlich! Gertrud hält in der Hand einen Brief mit dem 
Poststempel der kleinen Stadt und Erwins Adresse in einer 
kritzligen Frauenhandschrift, Ihr Herz schlägt, als ginge 
darin ein schwerer Hammer auf und nieder. Eine furcht 
bare Versuchung gewinnt einen Augenblick Macht über 
sie. Sie hat es in der Gewalt, diesen Brief zu vernichten 
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