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Full text: Berliner Leben Issue 19.1916

Minette. 
Von Edela Rüst. 
(Nachdruck verboten.) 
Die Breclows haben ein Mädchen — — — — ein 
Mädchen . . . . ! 
Sie ist keine fehlerlose Schönheit, aber rank und 
schlank, hellblond mit grossen fragenden Blauaugen, 
und — und sie hat so was! 
Wenn sie spricht, horcht man auf. Wie gedrechselt, 
in vollendeter Plastik, förmlich umleuchtet, steht jedes 
Wort zwischen den blutroten Lippen. 
„Waren Sie beim Theater?“ hatte Frau von Bredow 
sie gefragt, als Minette so gütig war sich von ihr mieten 
zu lassen. 
„Nein, mein Vater hielt auf eine gebildete korrekte 
Aussprache.“ 
Aber es ist ja nicht nur das wie es ist auch 
das was sie sagt, so ganz abweichend von dem wie sonst 
ein „Engel für Alles“ sich zu verständigen pflegt. Es 
wird ihr alles spielerisch unter den Zähnen zum Feuilleton. 
Ich habe noch nie einen Menschen so über das Wetter 
sprechen hören wie Minette, das tut — — es ist einfach 
wundervoll. Man bekommt einen ganz anderen Begriff 
von Regen und Sonnenschein, vom knospenden Frühling 
und reifendem Herbst. Bredows meinen: Es ist fürchter 
lich! Man muss sich andauernd zusammen nehmen 
um auch nur annähernd Ton, Gebärde und Rundum- 
Vollkommenheit der Minette zu erreichen. „Strengen Sie 
sich nicht so an, Minna,“ — hatte Bredow am ersten 
Tag zu ihr gesagt, als er auf seinem Schreibtisch nicht 
zurechtfand und meinte sie hätte seine Papiere verkramt. 
„Ach bitte, gnä’ Herr, nicht Minna •— ich heisse 
Minette. Um alles in der Welt lasse ich mir den 
Wohllaut dieses Namens nicht rauben. Ich bleibe 
Minette — — deutsch ausgesprochen. Mi . net . te.“ 
Bredow vergass all sein Papier-Pilend. Er starrte sie 
eine Weile an und sagte mit seiner, immer etwas ver- 
nuscheit klingenden Stimme: „Also, Mi . . net . . te, 
strengen Sie sich nicht so an, wenn Sie etwas sagen — 
wir sind ganz einfache Leute wir können da nicht 
mit — wir brauchen immer alles kurz und klar.“ 
Minette ging, mit fragenden Augen ihre blütenweisse 
Tändelschürze prüfend, aus dem Zimmer. 
Jedenfalls eins ist feslzusf eilen: seit Minette im Hause 
ist, haben die bekannten Männlichkeiten ganz ungewöhnlich 
mehr Zeit zur wöchentlichen leestunde zu erscheinen, an 
der sich vorher fast ausschliesslich nur Damen be 
teiligten. — 
Neulich musste Frau von Bredow sich trotz Krieg, zu 
einem neuen Winterhut entschliessen. Minette hatte er 
klärt, es ginge nicht länger mit dem alten — gnä’ Frau 
käme um „Ehre und Reputation“ mit dem „invaliden“ Hut. 
Die gnä’ Frau hatte also ein Einsehen, weil sie sich 
vor Minette genierte. 
Als diese das reizende Pelzhütchen erschaute (Minette 
erschaute alles) war sie nicht nur zufrieden — — sie 
Sagte lobend; „Solch einen Hut suche ich seit vorigen 
Herbst ■— diese grau-braun-weichen Töne verwischen 
sich so dekorativ in der Winteiluft — wie ein Traum . .1 
Aber — 50 Mark ist für mich etwas teuer. 
„Selbstverständlich!“ sagte die Herrin kurz. 
Was so ein Mädchen sich denkt — denselben Huf!? 
Empörend! Acht Tage später hatte Minette ihren Ausgang, 
und — trug dazu den bewunderten ersehnten Pelzhut. 
„Aber Minette — Sie haben sich nun doch solch einen 
Pelzhut gekauft! Ich finde das unerhört. Erstens, dass 
Sie das Geld dafür ausgeben, und dann — habe ich keine 
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Lust mich mit Ihnen gleich zu kleiden!“ „Ach meine 
gnä’ Frau erstens ist der Hut erheblich billiger — 
er kostet nur 45 Mark und dann — — es ist ja doch 
nicht derselbe Hut — sehen gnä’ Frau nur aufmerksam 
hin — er ladet doch vielmehr nach hinten aus, und 
schmiegt sich rechts mehr an die Frisur — aber hübsch 
ist er auch, nicht wahr?“ 
Acht Nächte floh Nanny v. Bredow der Schlummer. 
In der neunten Nacht kam die Krisis: sie würde ihren 
alten Hut wieder in Gnaden aufnehmen, und den neuen 
verwahren bis Minette wieder ein anderes Haus verschönte. 
Alt sollte sie hier sicher nicht werden. — — — 
♦ 
* ♦ 
Minette hat sich mit der Köchin im oberen Stock eng 
befreundet, und die Damen sind entschlossen sich den 
Forderungen des Tages mehr anzupassen — sie haben 
zusammen ein Opern-Abonnement genommen. 
Alle vierzehn Tage lässt Minette sich frisieren, zieht 
Hackenschuhe an und eine prachtvolle weissseidene Bluse 
zum jagdgrünen Tuchrock, setzt ein Abendhäubchen auf 
die goldenen Locken und hängt einen modernen Rad 
mantel um die schönen Schultern. „Wenn wir auch nur 
den zweiten Rang besuchen — man muss sich doch im 
Stil halten!“ erklärte Minette der staunenden Frau von 
Bredow, und zog aus dem weisssamtnen Pompadour ein 
Spitzentüchlein um sich den Puder im Gesicht noch rasch 
glatt zu tupfen. 
Bredows suchten nach diesem Geschehnis zwar mit 
aller Energie eine neue Minette, aber es fand sich schwer 
etwas, was so recht in das Haus passte. So ging der 
Winter langsam darüber hin. 
„Gnä’ Frau“ — begann Minette eines Tages bescheiden 
wohlwollend — „wir haben morgen wieder „Hoffmanns 
Erzählungen“ — wir kennen die ja nun und möchten 
nicht wieder hingehen. Wir würden uns aber sehr freuen, 
wenn die Herrschaften unsere Karten benutzen wollten — 
gnä’ Frau war den ganzen Winter nicht im Theater . . 
Man lenkt sich doch gern vom Alltag ab und von dem 
ewig-unseligen Krieg! Es ist eine ausgezeichnete Auf 
führung — Die Herrschaften werden sich gut unterhalten — 
und wer weiss, ob es sich nochmal so günstig trifft.“ 
Die „Herrschaft“ blieb eine Weile sprachlos, dann 
aber platzte die Granate; 
„Ob dieser Frechheit verlassen Sie sofort mein Haus — 
heute noch, verstanden?!“ 
Minette nahm die beiden Karten vom Tisch und sprach 
ruhig-stolz: „Am Ersten gern, gnä’Frau. Ein freundliches 
Anerbieten ist kein Grund zur sofortigen Kündigung eines 
tadellosen Angestellten — das sollte sich gnä’ Frau doch 
sagen. Doch — zum Ersten verlasse' ich dies Haus gern, 
imdem ich andauernd auf Missverständnisse stosse. Im 
Verlust werden nur Sie sein, denn eine „Minette“ be 
kommen Sie nicht wieder!“ — — 
* 
+ * 
Gestern — wir hatten uns eben zum Nachmittagskaffee 
an den Tisch gesetzt — erschien Minette mit dem aus 
ladenden Pelzhut und dem modernen Radmantel, unter 
dem die weissseidene Bluse und der jagdgrüne Tuchrock 
hervorlugten, mit der silbernen Kaffeekanne in der Hand. 
„Was soll dieser Aufzug — — Sie haben heute weder 
Ausgang noch Oper?“ rief Nanny v. Bredow entgeistert. 
Bredow setzte sich seinen Kneifer auf um besser zu 
sehen. 
„Ich muss die Herrschaften leider enttäuschen 
ich bitte mich nun doch vor dem Ersten zu entlassen.
        
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