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Full text: Berliner Leben Issue 19.1916

Nocturne. 
Von A. N. von Rodeck. 
(Nachdruch verboten.) 
Aimee Duplessis war an der Grenze angelangt, da 
schöne Frauen heimlich vor ihren Spiegel treten, mit 
leiser Angst die feinen Runen anschauen, die das Leben 
mit all seiner Süsse und Bitterkeit wie eine feine unver- 
löschbare Schritt in weisse Stirnen und rosige Wangen 
zeichnet — — — da sie bang den verschwiegensten 
aller Freunde fragen: „Werde ich schon alt?“ 
* ♦ 
3#C 
Es war ein schönes beseeltes Bild, das der Spiegel 
zurückwarf. Zwar die Blütenzeit war vorüber. Die Haut, 
noch immer leuchtend und gepflegt, zeigte doch nicht 
mehr die flaumige Frische der ersten Jugend. Dafür 
aber strahlten die grossen dunklen Augen, deren schwarze 
Pupillen so rätselhaft im bläulich schimmernden Weiss 
standen, in einem Glanz, wie ihn die unwissende Jugend 
nicht kennt — — —, wie ihn allein die ungeweinten 
schweren Tränen schlafloser Nächte verleihen. Das 
immer noch ebenholzschwarze Haar umrahmte in.fast 
unwahrscheinlicher Fülle das edelgeschnittene Gesicht. 
Dies wundervolle lange weiche Haar war immer ihre 
grösste Schönheit gewesen. Um die Lippen dieser Frau 
spielte fast immer ein halb trauriges, halb sarkastisches 
Lächeln, als wäre das die Quintessenz dessen, 
was das Leben sie gelehrt hätte. 
* ♦ 
♦ 
Sie war schon von einem Ausgange in ihr einsames 
Heim zurückgekehrt. Ein weiches weisses Gewand um 
hüllte lose ihre reife stolze Gestalt. So sass sie in dem 
alten Sessel vor dem noch viel älteren Venezianer Spiegel 
an ihrer Rokokokoraode, alles Erbstücke aus Ur 
vätertagen, wie man sie in guten alten Familien findet. 
Jedes Stück in diesem Zimmer war ihr lieb, bedeutete 
ihr eine Erinnerung. Und obwohl die einzelnen Möbel 
aus verschiedenen Epochen stammten, verriet die An 
ordnung und Zusammenstellung des Ganzen doch einen 
feinen und aparten Geschmack, in dem sich die ganze 
starke Individualität dieser Frau offenbarte. 
Das Lächeln um Aimees Lippen vertiefte sich. Sie 
musste an ihre Freundin mit dem unverwüstlichen Opti 
mismus denken, — — deren rosiges Antlitz noch heute 
weich war wie das eines Kindes, umrahmt von schimmernden 
rotgoldenen Haaren. 
Was für Gegensätze sie beide waren, — — nicht nur 
äusserlich auch innerlich. 
Alle beide hatte sie das Leben tüchtig umgeworfen. 
Aber während sie selbst bewusst einsam geblieben war, 
lebte die Freundin heute schon in der dritten „offiziellen“ 
Ehe und besass immer noch Elastizität und Lebensfrische 
genug, um es eventuell auch noch ein viertes Mal zu 
versuchen. 
Sie hatten heute von alten Zeiten geplaudert, und Alix 
hatte in alten Briefen gekramt und der Freundin daraus 
vorgelesen. 
Merkwürdige Briefe waren das, ästhetisch schöne 
Briefe! Amice dachte an jene fernen, fernen Tage, da 
auch sie solche Briefe hätte schreiben und empfangen 
mögen. Aber das war nie der Fall gewesen. 
Ihrer eigentlich hochgestimmten und poetisch em 
pfänglichen Natur war es versagt worden, sich zu äussern. 
Der Mann, der nicht in ihrer ersten Jugend, sondern als 
sie schon den Dreissig sich näherte, in ihr Leben trat, 
dem ihres Herzens ganze grosse Liebe galt, hatte ihre 
ganze Denkart so entgegengesetzt beeinflusst. 
Es war eine absolut reale und bewusst egoistische 
Natur. 
Aimee musste lächeln, wenn sie daran dachte, wie 
er es verstand, sich durchzusetzen. Und wie vielleicht 
doch in ihrer grösseren reiferen Liebe die stärkere Macht 
lag, wie sie stille Siege erfocht durch Schweigen 
und Nachgeben. 
Und doch wusste sie, er würde sie eines Tages ver 
lassen. Nicht für immer. Aimee lächelte noch immer — 
zärtlich — traurig. O, er würde wiederkommen, — — 
zu sehr hatte ihre grosse Liebe ihn verwöhnt, als dass 
er je bei einer andern hätte finden können, was sie 
ihm gab. 
War er ihr jemals treu gewesen? Treu im primitiven 
Sinne der Philister?? 
Sie schüttelte leise den Kopf. Das war auch einer 
der grossen Irrtümer, die alte Weisheit die Jugend lehrte, 
dass körperliche Treue und Liebe eins seien. 
Aimee hatte sich längst von diesem Vorurteil frei 
gemacht. Und doch war sie selbst absolut treu. Das 
war sie bewusst. Weil sie das grosse Gefühl ihres Lebens 
ganz auskosten wollte, es nicht verausgaben in kleiner 
Münze. Von ihm erwartete sie ein Gleiches nicht. Sie 
kannte ihn allzu gut. Aber sie wusste auch, dass er sie 
mehr liebte, wie all’ seine Truden und Gretchen und 
Lieschen, und wie die lieben Kinder alle heissen mochten. 
Nur vor Einem hatte sie eine entsetzliche Angst. Und 
wusste doch, davor würde sie ihn nicht bewahren können. 
Es war seine feste Absicht, einmal das junge unge 
weckte Kind, das noch keine Vergangenheit kannte, dessen 
Leben vor ihm lag wie ein unbeschriebenes Blatt, zu 
heiraten. 
Eine Schmerzenslinie grub sich um ihren Mund, Das 
würde sie nicht hindern können. 
Freilich, ■— — sie kannte sich. Sie würde es tragen 
mit der stolzen Ruhe, die so charakteristisch für ihre 
ganze Erscheinung war. 
* 
* * 
Und sie wusste auch, er würde von selber wieder 
kehren. Würde an ihr Herz flüchten und sie würde 
die Arme ausbreiten und ihn empfangen, als wäre er nie 
gegangen. 
Sie war eine jener seltenen Frauen, die eines absoluten 
unveränderlichen Gefühls fähig sind. 
* ♦ 
* 
Sie fuhr empor aus ihren wachen Träumen. Noch 
war es nicht so weit. Noch konnte sie kämpfen für ihr 
Glück — mit ihrer ganzen Klugheit mit all ihrer 
reifen Liebe. 
* * 
* 
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