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Full text: Berliner Leben Issue 19.1916

„Ganz, ganz allein — ich möchte sterben!“ 
Die kleine Anetta zitterte bei dem Ton, aber sie war 
ein energisches Persönchen. Mutig sagte sie: „Das Sterben 
hebe Dir für ein andermal auf. Jetzt machst Du Dich 
zurecht fürs Diner. Gleich wird die Plotelglocke läuten.“ 
Müde nickte die Frau. „Du hast an Dr. Blankus ge 
schrieben? Nicht wahr?“ 
„Ja, lass ihn nur erst hier sein, er wird Deine Nerven 
kurieren. Mein Vetter kommt doch auch, da bringen wir 
Dich schon auf andere Gedanken. Sei vernünftig, Ari.“ — 
Sie nahm das Schreiben aus den kalten Fingern der 
anderen und verschloss es. Dann brachte sie das schwarze 
Abendkleid, Puder und Eau de Cologne. — — 
Frau Ariadne Thesus machte ihrem Beinamen, „die 
schöne Griechin,“ den man ihr in dem kleinen Seebade 
gegeben, Ehre, als sie eine Viertelstunde später unten er 
schien. Aber ihr südliches Blut tobte. „Jedermann sieht 
mir an, dass ich eine Verlassene bin,“ war ihr einziger 
Gedanke. 
Nach Tisch ging sie allein den Strand entlang; sie 
konnte keine Menschen sehen. 
Anetta sass vor dem Hotel und starrte in die grauen 
Wellen. Ein fröhliches „Guten Abend“ schreckte sie auf. 
„Du hier?“ — „Ja, ich, Alexander Bakus, Weinguts 
besitzer und Landrat, Dr. jur., glücklicher Vetter der 
schönsten Cousine etc. etc.“ Der junge Mann schüttelte 
kräftig die kleine Hand, aber seine lustigen Augen wurden 
ernst, als ihm Anetta von der Freundin erzählte, 
Lange sassen sie zusammen und sprachen von der 
jungen Frau. Es dunkelte schon — Anetta wurde ängstlich. 
Sie beschrieb dem Vetter den Weg nach der hohen Düne t 
wohin diese gegangen, und Bakus ging, Ariadne zu suchen. 
♦ 
* * 
Düster lag der Strand. Langsam stieg das Wasser. 
Eine Welle überholte die andere. Der Vollmond stand 
am Himmel. Wolken ilogen über ihn hin, alles verfinsternd. 
Sie zogen vorbei, und sein Licht bestrahlte die hohe, 
weissflimmernde Düne. Schwarz hob sich die Frauen 
gestalt von ihr ab, die lang ausgestreckt im Sande lag. 
Ein Mann kam mit sicheren Schritten durch den tiefen 
Sand. Da erhob sie den Kopf und lauschte hinunter. 
Jetzt konnte sie den Hut sehen, jetzt leuchtende Augen, 
einen fein geschnittenen Kopf. Jetzt die ganze hohe Ge 
stalt. Wie eine Erscheinung stand er vor ihr im schimmern 
den Mondlicht. Sie starrte ihn an mit grossen, verstörten 
Augen. Augen, in denen eine Welt von Elend lag. 
Heisses Mitleid überfiel den Mann. Mit halblauter Stimme 
sprach er; „Verzeihen Sie mir, dass ich Sie hier in Ihrer 
Einsamkeit störe. Ihre Freundin hat mich darum gebeten.“ 
Er nannte seinen Namen: „Darf ich Sie nach Hause 
bringen?“ 
Langsam richtete Ariadne sich auf. Der schwarze 
Shawl umfloss sie wie ein Schleier. Sie reichte ihm die 
Hand. „Endlich, Doktor, ich glaube, es ist die höchste 
Zeit.“ Erstaunt blickte er sie an. Immer noch klanglos, 
halblaut sprach sie weiter: „Anetta hat mir so viel von 
Ihnen erzählt. Sie hat mir Hoffnung gemacht, dass Sie 
meinen Zustand bessern könnten. Ich habe grosses Ver 
trauen zu Ihnen.“ „Gnädige Frau, ich werde alles tun, 
was“ — — Ariadne schien nicht zu hören. Sie war 
wieder auf den Sand niedergeglitten. „Vor allem müssen 
Sie meine Geschichte kennen. Jetzt ist der richtige Augen 
blick. Setzen Sie sich.“ 
Dr. Bakus war so verwirrt, dass er mechanisch ge 
horchte. Die Frau hatte die Hände um die Knie ge 
schlungen und blickte lange Zeit ins Leere. Dann sagte 
sie plötzlich: „Bin ich wirklich so abscheulich, dass ein 
Mann nicht mit mir leben kann?“ „Denken Sie nicht 
mehr an ihn.“ „Doktor, weichen Sie mir nicht aus. Ich 
habe das Demütigendste erlebt, was es für eine Frau gibt. 
Ich habe meinen Mann geliebt mit jeder Faser meines 
Herzens. Ich habe mein Alles in ihm gesehen. Fort- 
genommen hat er mich aus meinem Vaterlande —- — ich 
wäre ihm gefolgt, wohin er gewollt hätte. Und er.“ — — 
Ein Schauer schüttelte sie — „er — hat mich genommen — 
und dann verlassen — als sei ich irgend eines seiner 
Modelle.“ Sie warf sich in den Sand, ihr Gesicht in den 
Händen vergrabend. 
Bakus wusste nicht, wie ihm geschah. Dieses schöne 
Weib, das ihn zum erstenmal sah und das ihre ganze 
Seele vor ihm aufdeckte, erschütterte ihn bis ins Innerste. 
Er fühlte einen Groll gegen den Mann, der sie unglücklich 
gemacht. 
„Wenn ich Ihnen helfen könnte,“ murmelte er, „Ihr 
Mann war Künstler, die haben andere Begriffe.“ 
Jäh richtete sie sich auf. Ihre Hände umklammerten 
seinen Arm. „Doktor, Sie müssen mich retten vor mir 
selbst! Ich vergehe vor Scham! Eines Tages schrieb er 
mir, er wolle sich von mir scheiden lassen — er könne 
nicht mehr mit mir leben — er liebe mich nicht mehr. 
Nach fünf Monaten, Doktor! Nach fünf Monaten! Und 
da — da“ — sie beugte sich ganz nah zu ihm, ihr Haar 
streifte sein Ohr, „da reiste ich zu ihm, da sagte ich ihm, 
ich liebe ihn über alles in der Welt, er solle mich be 
halten; ich bat — ich flehte, ich vergass jeden Stolz der 
Frau und — — wurde zurückgewiesen.“ 
Die letzten Worte klangen wie ein Hauch. Bakus 
löste ihre Hände von seinem Arm und nahm sie in die 
seinen. PIr verstand diese Frau, Schneller fuhr sie fort: 
„Seit dem Augenblick bin ich nicht mehr Herr meiner 
selbst. Meine Gedanken kommen nicht los von dem einen 
Punkt. Verstossen — verlassen! Ich bin ja noch so 
jung — so jung. Soll denn mein ganzes Leben schon 
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gelebt sein?“ Sie begann zu schluchzen. „Wenn ich ein 
glückliches Ehepaar sehe, eine Mutter mit ihrem Kind — 
wo es auch ist, ich muss immer weinen. Ich kann keine 
Gesellschaften, kein Theater mehr besuchen. Ich muss 
weinen.“ 
„Aber, gnädige Frau, das wird wieder anders, das sind 
jetzt nur die Nerven.“ Sie lächelte traurig. „Nur die 
Nerven? An ein Herz, an Gefühle glauben Sie nicht?“ 
„Ich habe Ihr Herz eben gesehen.“ „Also.“ — Sie machte 
sich los und richtete sich auf. „Doktor, mir hilft nur 
eins. Sie sind mir so sympatisch; ich fühle, wie schon 
Ihre Nähe mich ruhiger macht — nehmen Sie mich 
mit, ich will bei Ihnen bleiben, bis ich mich wieder 
gefunden.“ 
Auch Dr. Bakus war aufgestanden. Kaum konnte er 
seiner Bewegung Herr werden. Jede Fiber hatte diese 
Frau in ihm geregt. Er ballte die Hände, um sich zu 
zwingen, sie nicht an sich zu reissen. Er war kein Arzt 
und wusste doch, was dieser Frau fehlte: Sie war einsam 
und hatte niemand, dem sie ihre reiche Liebe schenken 
konnte. 
Und er wollte diese Liebe — „Wenn Sie wüssten, 
wie froh mich Ihr Vertrauen macht“ — er suchte nach 
Worten, „aber wie könnten Sie zu mir kommen — ich 
sehe keinen Weg — wenigstens jetzt keinen.“ „Haben 
Sie keinen Platz mehr in Ihrem Sanatorium?“ „In meinem 
Sa — — — “ Das Wort versagte ihm. „Um Gottes 
Willen, für wen halten Sie mich?“ Ariadne starrte ihn 
an. „Sie sind — doch — Dr. Blankus — der Nerven 
arzt, den ich erwartete?“ Fassungslos stand der Mann. 
Sie schüttelte den Arm. „Der sind sie doch — sagen 
Sie —!“ „Nein,“ presste er hervor. 
Da stiess sie einen Schrei aus wie eine Wahnsinnige 
und rannte die Düne hinunter in die Dunkelheit. 
Gespenstisch blieb ihr schwarzes Tuch im Mondschein 
liegen, 
Bakus raffte es auf und stürzte ihr nach. Wie ein 
Schatten jagte sic vor ihm den Strand entlang. Er sah 
sie hasten, straucheln, niedersinken. Da war er bei ihr. 
Sein Arm umschlang sie. Er kniete nieder und richtete 
sie halb auf. Ihre Augen waren die eines gehetzten 
Tieres. 
„Lassen Sie mich — haben Sie Mitleid —“ stöhnte 
sie. Er war ganz ruhig geworden. Er hielt sie im 
Arm. Nichts sollte sie ihm wieder nehmen, er wusste, 
dass er ihren Willen lenken konnte. 
„Sie brauchen keine Angst vor mir zu haben, Ariadne,“ 
sagte er langsam. „Ich bin Anettas Vetter, Dr. Bakus. 
Der Gleichklang der Namen hat Sie irre geführt. Aber 
wenn Sie mir erlauben. Ihnen zu helfen, so wird es das 
Glück meines Lebens sein, Sie gesund zu machen.“ 
Ungläubig starrte sie ihn an. Ein weicher Schimmer 
kam in ihre Augen. „Wie können Sie das?“ flüsterte sie. 
Er widerstand nicht länger. Fest presste er sie an sich. 
„Mit meiner Liebe mache ich Dich gesund Ariadne, Du 
brauchst Liebe — viel Liebe — “ 
Da warf sie leidenschaftlich die Arme um seinen Hals. 
„Bakus“ jauchzte sie.
        
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