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Full text: Berliner Leben Issue 19.1916

In der Narkose. 
Skizze von Otfrid v. Hanstein. 
(Nachdruck verboten.) 
Sanitätsrat Wenkhaus stand in der Tür des kleinen 
Etappenlazaretts, das er leitete. Er war ganz allein. Seine 
beiden Assistenten waren an die Front abkommandiert, 
von wo in den letzten Tagen der Donner der Geschütze 
wieder ununterbrochen herüberdröhnte. Der Lazarettzug, 
der am Vorabend abgegangen war, halte alle seine Ver 
wundeten mitgenommen. First gegen Abend war ein neuer 
Transport zu erwarten und bis dahin sollten auch wieder 
Hilfskräfte eintreffen. So war er denn ganz allein mit 
der Schwester Hildegarde, die drinnen die Betten neu her 
richtete und alles für die Aufnahme von Patienten vor 
bereitete. 
Er stand in der Tür und schaute hinaus in den un 
freundlichen, rauhen Herbsttag. Der Wind fegte die letzten 
Blätter von den Bäumen und die zerschossnen Giebel der 
Dorfhäuser mit ihren verkohlten Balken und hohlen Fenster 
öffnungen sahen doppelt trostlos und traurig aus. 
Der Sanitätsrat schaute hinüber auf die Stätten der 
Zerstörung, aber er sah nichts von alledem. Seine Ge 
danken weilten an anderer Stelle. Jetzt seufzte er auf und 
strich sich langsam mit der mageren runzligen Hand, die 
doch noch so sicher das Messer zu führen wusste über 
die Stirn. 
Diese schrecklichen Stunden des ausruhens! Dann 
kamen die Gedanken! Nun waren es schon drei Tage. 
Drei schreckliche Tage! Was war nun noch zu hoffen. 
Es waren schöne vierzehn Tage gewesen, in denen 
sein Eberhard, sein einziger Sohn hier hinter der Front 
in Reserve gestanden. Wie hatte er glücklich der Mutter 
nach Haus geschrieben. 
Fünfzehn Monate, bald im Westen, bald im Osten. 
Wochenlang in kalten nassen Schützengräben bei un 
gezählten Stürmen in erster Linie in der Front! 
War der männlich energische Oberleutnant, mit dem 
eisernen Kreuz auf der Brust mit dem sieghaften Leuchten 
in den Augen wirklich sein schüchterner zurückhaltender 
Junge? 
Fünfzehn Monate im Feuer. Der tapfersten Einer und 
nie verwundet, nie krank. Es war als ob ein besonderer 
Schutzgeist seine schirmende Hand über ihn gebreitet. 
So war er vor drei Tage mit lachendem Gruss wieder 
hinausgezogen. — 
Ein kurzer Sturm auf eine feindliche Stellung. Wenige 
Minuten, dann war alles vorüber und der Feind geworfen. 
Eberhard war nicht zurückgekehrt aber auch unter den 
Verwundeten und Toten war er nicht. 
Vermisst! 
War er in Gefangenschaft? Unwahrscheinlich! Flucht 
artig hatte der Feind alles im Stich gelassen vor den Hand 
granaten der Deutschen. 
Vielleicht versprengt zu einem anderen Truppenteil I 
Nichts war so unwahrscheinlich, dass es der Vater nicht 
in Erwägung zog. 
Furchtbare Ungewissheit. Hoffen und bangen, fürchten 
und warten vielleicht bis zum Ende des Krieges. Und 
doch sein Herz fühlte, er war nicht gefangen. Er war — 
nicht denken! 
Ein Automobil ratterte heran. Mehrere Verwundete 
von der FVont. Gott sei Dank, es gab Arbeit. 
Schwester FTildegarde stand schon neben dem Wagen. 
Sie halfen die Kranken in das Flaus bringen und betteten 
sie sanft. Es waren keine schweren Verletzungen und 
die Verbände vorn im Felde bereits so gut angelegt, 
dass kaum etwas anderes zu tun war, als die Erschöpften 
zu laben. 
Nur der eine trug auf seinen Wangen die Röte des 
Fiebers. 
Bauchschuss, hatte der Sanitätssoldat gesagt. Sie trugen 
ihn ganz besonders sorgfältig hinein. Der Sanitätsrat unter 
suchte die Wunde. Ein schwerer Fall. Wohl innere 
Zerreissungen Der Wunde hatte lange gelegen, ehe man 
ihn fand Es musste sofort eine grössere Operation vor 
genommen werden. Sie bot die einzige Möglichkeit viel 
leicht das Leben zu erhalten. Aber es war eine sehr 
schwere und langwieriger Eingriff und der Sanitätsrat war 
ganz allein. 
Wartete er, bis am Abend seine Assistenten kamen, 
die er noch nicht kannte, dann mochte es schon zu spät 
sein. 
„Schwester Hildegarde, bereiten Sie schnell alles vor. 
Wir müssen es wagen. Sie assistieren. Es muss eben 
gehen.“ 
Sie betteten den phantasierenden auf dem Operations 
tisch und Schwester Hildegarde träufelte das Chloroform 
auf die Maske. 
Der Sanitätsrat hatte mit sicheren Schnitten die Bauch 
höhle geöffnet und operierte an den inneren Organen. 
An jedem seiner Schnitte hing Leben und Tod. Der Ver 
wundete Leutnant sprach laut. In seinem Chloroformschlaf 
durchlebte er noch einmal all das Grauen der Schlacht. 
Seine Stimme wurde fast schreiend; „Vorwärts! Wir 
müssen durch! Das verfluchte Trommelfeuer! Rechts 
hinüber Handgranaten bereit — Herrgott — zurück. — 
Wir kommen in den Sumpf — mehr links — Eberhard — 
mehr links — um Gotteswillen — Eberhard — er hört 
nicht — Wenkhaus — Spring vom Pferd — rückwärts — 
links — zu spät — Armer Kamerad. — Flurrah, gradaus, 
wenn nur zwei den Graben erreichen. Werft die 
Granaten — Eberhard — Eberhard.“ 
Der Sanitätsrat verzog keine Miene. Regungslos stand 
er. An jeder Bewegung seiner Hand hing Leben und 
Tod. 
Wieder und wieder gellten die Worte des Bewusstlosen 
durch den Raum. Sorgsam fügte des Arztes Hand die 
zerrissenen Gewebe aneinander. 
Die Operation war beendet. Der Kranke lag ruhig. 
Nun wo der Eiter entfernt war das Fieber rapide gesunken 
und die Phantasieen hörten auf. Der Sanitätsrat hatte mit 
sicherer Hand die letzte Nat vollendet. Ein Menschen 
leben war gerettet. 
Hoch aufgerichtet stand er da. Ein tiefer Seufzer hob 
seine Brust. Da warf er sich in den Stuhl, barg sein Ge 
sicht in den Händen. Ein gewaltsames Schluchzen er 
schütterte den Körper des alten Mannes. 
Nun wusste er wo sein vermisster Sohn war. 
Ariadne auf Naxos. 
Von M. L. Evau. 
(Nachdruck verboten . 
„Ich bin geschieden!“ Das klang wie ein verzweifelter 
Schrei. Die junge Frau hatte ihn ausgestosseu. Sie stand 
mitten im Zimmer. Ihre schwarzen Haare hingen lose 
ein leichter Schlafrock verhüllte die wundervolle Gestalt' 
Die brennenden, schwarzen Augen starrten auf ein grosses 
Schreiben. „Geschieden, Anetta, verstehst Du? Ge 
schieden?“ Sie warf sich in einen Sessel. 
Anetta, die zierliche, blonde Freundin, umfasste sie: 
„Liebling, sei nicht so fassungslos. Seit Monaten bist Du 
auf diesen Augenblick vorbereitet.
        
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