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Full text: Berliner Leben Issue 19.1916

Flirt bis zur Liebe ist immer noch ein Stück Wegs, und 
ich bin mir noch nicht darüber klar, ob nicht die flandrischen 
Mädchen vielleicht mehr Anziehungskraft haben, als wir/ 
Onkel Windolph lachte. 
„Na, liebe Hilde, nun höre aber auf ... für so wetter 
wendisch darfst Du unseren Heinz nicht halten ... Er 
schrieb sehr amüsant über Gent und Brügge und über 
den Dreck in den Schützengräben, aber von flandrischen 
Mädchen hat er uns nichts erzählt.“ 
„Woraus jedoch nicht zu schliessen ist, dass ihm die 
selben unbekannt geblieben sind. Wir wissen wirklich 
nicht, wie er zu ihnen steht, so wenig es sich sagen lässt, 
wie er zu mir oder zu Edda steht.“ 
„Allerdings, das ist ein unerforschtes Gebiet . . . Heinz 
hat sich bis jetzt sehr verständig und korrekt benommen, 
jedenfalls korrekter wie Harry Harlow, der sich nie versagen 
kann, seine amerikanischen Untugenden herauszukehren.“ 
ln das stille Wesen Eddas kam bei diesen Worten 
Bewegung. 
„Ich bin wirklich froh, dass er wieder verschwunden 
ist,“ sagte sie. 
„Er ist Dir zu smart,“ neckte Hilde. 
„In manchen Dingen . . . seine Kurschneidereien 
verdriessen mich . . . und zum zweiten ist er mir zu wenig 
bodenständig, als dass ich für ihn ein wärmeres Interesse 
haben könnte.,, 
„Was willst Du . . . sein Vater, der sein Geld auf 
deutschem Boden verzehrt, ist deutscher Herkunft, aber 
er selbst ist jenseits des grossen Ententeiches aufgewachsen, 
und seine Interessen liegen mehr „drüben“ wie „hüben“. 
„Wer weiss . . . Ich gehe jede Wette ein, dass Herr 
Harlow nicht mehr allzulange unserem Wigwam fern 
bleiben wird; denn seit dem Rekord, den Kapitän König 
durch seine Fracht-U-Bootfahrt Bremen-Baltimore aufgestellt 
hat, sind wir zweifelsohne wieder in seiner Achtung 
gestiegen.“ ... * * + 
Es vergingen einige Wochen. 
Von Heinz Martin war man seit 14 Tagen ohne Nachricht 
geblieben, als irgend jemand die Mitteilung in das 
Windolph’sche Haus brachte, dass Heinz Martin in den 
Schlachten zwischen Ancre und Somme im Gehölz Delville 
schwer verwundet worden sei. Der alte Herr geriet in 
nicht geringe Erregung, die sich steigerte, als die Mitteilung 
von verschiedenen Seiten Ergänzungen erhielt, welche 
das Schicksal des jungen Mannes im trübesten Licht 
erscheinen Hessen. Er zauderte nicht in dem Martin’schen 
Hause selbst Aufklärung zu verlangen, aber sein Gang 
blieb ohne Erfolg. Die Mutter seines jungen Freundes 
war abgereist, um wenn möglich, ihren Sohn in die Heimat 
überführen zu können. 
Auf Onkel Windolphs Nichten blieb die Nachricht 
ebenfalls nicht ohne Wirkung. Edda machte aus ihren 
stolzen und bewundernden Gefühlen für den Helden von 
Delville kein Hehl, während die früher so entusiastische 
Stimmung Hildens augenscheinlich sehr herabgemindert 
worden war. Der Gedanke, den Mann, der in voller Jugend- 
frische sie verlassen hatte, verstümmelt und gebrochen 
zurückkehren zu sehen, war ihr offenbar unerträglich. 
„Ich könnte mich nicht dazu verstehen,“ sagte sie eines 
Abends zu ihrer Schwester,“ einen Mann zu heiraten, der 
so wie Heinz Vorzüge verloren hat, die einen früher 
entzückten. Er war stets so munter . . . Wie sollte ich 
mich in eine Lage finden, welche die bemitleidenswerteste 
der Welt wäre?“ 
„Aber Hilde,“ versetzte Edda, „nimm es mir nicht 
übel, das ist doch schwer zu verstehen. Weshalb ist es 
Dir nicht möglich, an die Verbindung mit einem Manne 
zu denken, der im Kriege zu Schaden gekommen ist?“ 
„Weil es mir widerstehen würde, ihn bemitleiden zu 
müssen.“ 
„Weshalb bemitleiden? Ich würde, selbst wenn Heinz 
das Schlimmste zu ertragen halte, nur Liebe und Achtung 
für ihn empfinden. Ich würde ihn eher beneiden, als 
bemitleiden, und die Wunde segnen, die das feindliche 
Erz ihm geschlagen hat.“ 
„Beneiden?“ 
„Ist ein Mann nicht beneidenswert, wenn er ein 
Mann ist?“ 
Du gefällst Dir in einer heroischen Rolle, Schatz . . . 
aber Deine Götter sind nicht meine Götter. Ich Hebe 
weniger die Tragik als die Freude, und Spiel und Munter 
keit vermag ich nun einmal nicht zu entbehren . . , Ich 
werde morgen einer Einladung der Familie Harlow folgen. 
Harry ist wieder hier.“ 
„Ich weiss es. Ich bin ihm gestern begegnet.“ 
„Du scheinst Dir nicht viel aus seiner Gesellschaft zu 
machen.“ 
„Gar nichts. Ich gab ihm das auch zu verstehen.“ 
„Sonderbar. Ich finde ihn sehr liebenswürdig.“ 
„Ich will Herrn Harlow diese Eigenschaft nicht 
absprechen,“ versetzte Edda, „aber, wie gesagt, die 
gesellschaftlichen Talente eines Mannes allein wären niemals 
im Stande einen Einfluss auf mein Herz auszuüben oder 
einen Vergleich auszuhalten mit den Eigenschaften dessen, 
der 24 Monate lang alle Entbehrungen und Drangsale des 
Krieges ertragen hat.“ 
Es war einige Tage später als Edda mit einer Hand 
arbeit beschäftigt, auf ihrem Lieblingsplatz unter der alten 
weitästigen Pappel des Gartens sass, welche hart an der 
Grenze der beiderseitigen Besitzungen stand. 
Dann und wann Hess das Mädchen die Hände sinken, 
und ihre frischen Augen hefteten sich mit einem seltsamen 
Leuchten auf das verhängte Fenster in dem Turmstock der 
Martin’schen Villa ihr gegenüber. 
Hinter diesem Fenster lag seit einigen Tagen Heinz 
Martin. 
t ■ Onkel Windolph, der seinen Besuch in dem Martin’schen 
Hause nach Eintreffen des Verwundeten wiederholt hatte, 
hatte ihr gestern versichert, sein Zustand sei lange nicht 
so schlimm, als man anfänglich geglaubt habe, er werde 
sehr bald wieder in der Lage sein sie besuchen zu können. 
Aber sie halte den Mitteilungen des alten Herrn nicht so 
ohne Weiteres Glauben schenken können, sie vermochte sich 
von ihren Sorgen und Befürchtungen nicht loszumachen, 
Sie war daher nicht wenig überrascht, als sie plötzlich auf 
dem Kieswege jenseits der Heckenwand Schritte vernahm, 
und eine Stimme an ihr Ohr schlug, die alles Blut nach 
ihrem Herzen trieb. 
Als sie aufsah, blickte sie in das von Wind und Wetter 
gebräunte Gesicht ihres nachbarlichen Freundes. 
„Guten Morgen, Fräulein Windolph,“ sagte er lächelnd 
und streckte ihr über die Heckenwand hinweg die Hand 
entgegen. 
Sie legte ihre Stickerei, woran sie gearbeitet hatte, auf 
die Seite und stand auf, um ihn zu begrüssen. 
„Guten Morgen, Herr Martin,“ erwiderte sie, während 
ein heller Schein ihr schönes Gesicht überflog.“ Wie 
prächtig Sie aussehen.“ 
„Schönsten Dank,“ war seine Antwort, ,,s’ geht bald 
wieder . . . Mit dem linken Bein haperts noch ein bischen, 
aber das wird sich schon machen . . .“ „Ich hätte nicht 
geglaubt, Sie so bald begrüssen zu können. Man hielt 
allgemein Ihre Verwundung für eine sehr schwere.“ 
Er lachte. „Ja, es stand sogar im „Reichsanzeiger,“ 
aber glücklicherweise erwies sich die Sache als eine 
optische Täuschung.“ 
„Das ist ein grosses Glück für Ihre Frau Mutter, und — 
„Für wen noch?“ 
„Onkel Windolph,“ setzte sie zögernd hinzu, „der 
alte Herr war vollständig aus dem Häuschen.“ 
Er sah sie forschend an. 
„Und sollte sonst niemand in der Welt es als ein Glück 
empfinden, dass ich nicht als ein Krüppel auf Lebenszeit 
auf dieser schönen Erde herurazuhumpeln brauche?“ 
„Vielleicht Hilde,“ versetzte sie zögernd. 
„Sprechen Sie nicht von Hilde, Onkel Windolph und 
meine Mutter haben mich von allem unterrichtet. Und 
offen gestanden, Edda, ist es mir nicht unerwünscht, dass 
sich Ihre Schwester mehr mit Harry Harlow beschäftigt, 
als mit mir. Aber Sie, Hebe Edda. Wie stellen Sie sich 
zu meiner Wiedergeburt?“ 
„Er hatte sie zum erstenmal „Hebe Edda“ angeredet, 
und das Blut schoss ihr in die Wangen. 
„Wie ich mich dazu stelle?“ Ach, Herr Martin, meine 
Gefühle für Sie würden dieselben geblieben sein, auch 
wenn Ihnen das schwerste Geschick beschieden wäre.“ 
„So würden Sie es für kein allzugrosses Wagnis halten, 
Ihr Geschick mit dem meinigen zu verknüpfen?“ 
„Keineswegs, Flerr Martin.“ 
„Das freut mich, liebe Edda, das ist tapfer von Ihnen 
und wenn Sie nichts dawider haben, so werde ich Ihren 
Onkel so bald als möglich von unserem Komplott unter 
richten. Waffenbrüderschaft durch Dick und Dünn, nicht 
wahr, mein Schatz.“ 
Q. Schlechten 
Gegründet 1853 
Hol - Pianolorte - Fabrikant 
BERLIN SW. 68 
nur: Kochstr. 62
        
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