Path:

Full text: Berliner Leben Issue 19.1916

Als die Frau ihn eintreten sah ,war sie ganz 
erstaunt, denn auf seinem Gesicht prangte 
wieder dies überlegene, leicht spöttelnde Lächeln. 
„Nun, Frauchen,“ sagte er leichthin, „ich 
denke, wir gehen jetzt zu Tisch — ich habe 
nämlich Appetit.“ 
„Aber gewiss, gern,“ antwortete sie mit 
schlecht versteckter Erregung und gab Auftrag, 
dass angerichtet würde. 
Ihm war ihr Erstaunen nicht entgangen, er 
lachte in sich hinein und nahm sich vor, sie 
noch eine Weile zappeln zu lassen. 
Bei Tisch entwickelte er einen nie gezeigten 
Appetit, indem er für drei ass, und dabei war 
er heiter und unterhaltsam wie nie zuvor, scherzte 
mit den Kindern und war wie ausgewechselt. 
Frau Emma wusste nicht, was sie dazu sagen 
sollte. Anfangs glaubte sie, er spiele Komödie, 
als er aber immer ausgelassener wurde und 
keinen Augenblick aus der Rolle fiel, da sah sie 
endlich ein, dass ihr Scherz doch ohne dauernde 
Wirkung geblieben war, ja, dass er eigentlich 
glatt verpufft war. Und diese Entdeckung 
stimmte sie so traurig, dass sie jetzt alle ihre 
Kraft zusammennehmen musste, um nicht feuchte Augen 
zu bekommen. 
Auch das sah er. Das aber tat ihm weh. Und des 
halb nahm er nun heimlich die Rechnung aus seiner 
Brieftasche, und da seine Frau gerade bei einem der 
Buben stand, so schob er das Papier behutsam unter 
ihren Teller. 
Und als sie auf ihren Platz zurückkam und die 
Rechnung fand, erglühte ihr Gesicht in hellem Purpur, 
dann aber lächelte sie verschmitzt und sah ihren Mann an. 
Der jedoch stand auf, ging zu ihr und sagte: „Wir 
haben uns eben beide Komödie vorgespielt, deshalb 
haben wir uns beide nichts vorzuwerfen.“ Dabei um 
fasste er sie in heisser Liebe und küsste sie mit solcher 
jugendstürmenden Glut, dass sogar die drei Buben mit 
hellen Augen aufblickten. 
Und dann gingen sie zurück zu dem brennenden 
Christbaum, wo sie dann im Kreise ihrer Kinder ein so 
frohes Weihnachtsfest feierten, wie sie es vordem noch 
niemals in so ungetrübter Freude getan hatten, 
Onkel Windolphs Nichten. 
Skizze von Philipp Franz. 
(Nachdruck verboten.) 
Sie waren die Töchter eines auf allen Sattelplätzen 
Deutschlands bekannten Reiteroffiziers, der, obwohl nicht 
reich an irdischen Schätzen, überall in Gunst und 
Ehren stand. 
Dagobert Windolph galt als einer der schneidigsten 
deutschen Herrenreiter; auf dem grünen Rasen hauchte 
er auch sein Leben aus. Während eines Herbst-Meetins's 
o 
E.E.MEZNER 
Markgrafensfr. 33 B EL ELIN IN S JYIarkgrafensfr. 33 
Wäsche* Husstattungen 
für Damen, Herren, Kinder 
| 
Kinder-Kleider Tisch-Ufid Bettwäsche Kinder-Mäntel 
Besondere Neuheiten 
in Blusen, Morgenröcken, Uuterröcken usw. 
Weih nachts- Geschenk-Ertikel 
FERNSPRECHER: ZENTRUM 25 
: h 
dh 
4 
in Baden - Baden verunglückte er tödlich, seine Frau 
folgte ihm nach kurzer Krankheit nach, und die beiden 
Kinder der so jäh Verstorbenen würden wohl einer 
ziemlich ungewissen Zukunft entgegengesteuert sein, 
wenn der Bruder des Verunglückten sie nicht in sein 
Haus aufgenommen hätte. 
Onkel Windolph, der an einem der märkischen Seen 
eine sehr hübsche, zwischen Gärten und Bäumen malerisch 
gelegene Villa besass, war zwar ein etwas wunderlicher, 
aber sonst herzensguter alter Herr, der sich mit seiner 
Aufgabe den Waisen die Eltern, so weit es an ihm war, 
zu ersetzen, vorzüglich abfand. Er fühlte sich in der 
Gesellschaft der beiden schönen Mädchen offenbar wohl, 
und hatte sich unter ihrem sanften Druck allmählich 
dazu bequemt, manche Untugenden abzulegen, die 
während einer Reihe einsamer Jahre sich bei ihm ein 
genistet hatten. 
In der Tat waren die Kinder des auf so tragische 
Weise aus dem Leben Geschiedenen, Erscheinungen, die 
überall, wo sie sich sehen Hessen, Aufsehen erregten. 
In ihrer leidenschaftlichen Liebe zu Sport und Spiel ver 
riet sich das Blut des Vaters. Sie waren hervorragende 
Tennisspielerinnen, und dernaheSee bot ihnen willkommene 
Gelegenheit sich auch im Ruder- und Segelsport hervor 
zutun, Wind und Sonne hatten ihre Wangen gebräunt, 
ihre Bewegungen verrieten Eleganz und Geschmeidigkeit, 
und der ihnen angeborene vornehme Sinn erhielt durch 
die Unabhängigkeit, deren sie sich im Hause ihres 
Onkels erfreuten, einen Zug von Souveränität, der sie 
nicht unvorteilhaft auszeichnete. 
Hilde war temperamentvoller als ihre Schwester Edda. 
Aber letztere war Hilde wieder durch Innerlichkeit und 
durch Charaktereigenschaften überlegen, die sie als das 
Ideal eines deutschen Mädchens erscheinen Hessen. Von 
den zahlreichen Verehrern, die sich um die Gunst der 
Schwestern bemühten, vermochte sich bis jetzt keiner 
p, eines Vorteils zu rühmen, und selbst Harry 
Harlow, der ihr unzertrennlicher Begleiter zu 
Wasser und zu Lande war, war ihnen weniger 
durch seine Person oder seinen Reichtum, 
als durch seine sportliche Eigenschaften sym 
pathisch. Merkwürdigerweise wandten sich ihre 
Herzen gleichermassen einem Mann zu, der sich 
bisher ziemlich fern von ihnen gehalten hatte, 
obwohl er in ihrer nächsten Nähe ansässig war. 
Von den Fenstern der Windolph’schen Besitzung 
konnte man zwischen den hohen alten Bäumen 
das spitze Schieferdach der Villa auf leuchten 
sehen, die er mit »einer Mutter bewohnte, die 
beiden Gärten stiessen aneinander. Heinz Martin 
war erst vor kaum einem Jahre nach einer Reise 
durch die Schweiz und Skandinavien in seine 
märkische Heimat zurückgekehrt und hatte bis 
her nicht viel Zeit gefunden, sich mit einer Welt 
zu beschäftigen, die eine andere als die seine war. 
Der Sohn der Kommerzienrätin Martin hatte die 
Maler-Akademien in Düsseldorf und München 
besucht, und verbrachte den grössten Teil seiner 
Zeit in seinem Atelier oder auf Streifen in der 
an herben Reizen reichen Mark. Auf einem 
dieser Ausflüge stiess er zufällig mit den Nichten Onkel 
Windolphs zusammen, und das während ihrer Kindheit 
bestandene gute nachbarliche Verhältnis war bald wieder 
hergestellt. Der ausbrechende Weltkrieg unterbrach diese 
Beziehungen. Heinz wurde einberufen und machte als 
Oberleutnant in einem preussischen Infanterie-Regiment 
einen grossen Teil der Kämpfe und Schlachten in Belgien 
und Frankreich mit. So oft es seine Zeit erlaubte, sandte 
er aus dem Felde seine Grüsse in das Windolph’sche 
Haus. Nichts machte Onkel Windolph mehr Vergnügen 
als diese mit originellen Handzeichnungen verzierten 
Feldpostkarten, die in ihrer Art als kleine Kunstwerke 
angesehen werden konnten, und einen Schrein in dem 
Hause und einen Schrein in den Herzen fanden. 
„Wisst ihr, Mädels“, sagte eines schönen Morgens 
der alte Herr am Frühstückstisch zu seinen Nichten, 
„ich freue mich jedesmal, wenn uns eine Postkarte von 
Heinz ins Haus flattert. Der Junge hat einen prächtigen 
Soldatenhumor und ich bin wahrhaftig neugierig, wem 
von euch Beiden sein Herz mal zufliegen wird.“ 
Der Frühstückstisch war das Ideal Onkel Windolphs. 
Hier verbrachte er seine angenehmste Zeit. Er erschien 
stets tadellos gekleidet und in der heitersten Stimmung. 
Er war zu dieser Stunde noch frisch und unverbraucht. 
Die Politik hatte ihm noch nicht den Magen verdorben. 
Die Morgenzeitungen lagen noch unberührt neben 
ihm 
In die Wangen Eddas stieg bei den Worten ihres 
Onkels eine leichte Röte, ihre feinen Nasenflügel 
zitterten. Das angeschnittene Thema war ihr offenbar 
etwas unbequem. 
Aber Hilde Hess ihrem munteren Temperament unbeirrt 
die Zügel schiessen, sie schüttelte lachend ihre braunen 
Locken und versetzte: 
„Der Humor des Herrn Oberleutnant Martin, mein Heber 
Onkel, hat in mir ebenfalls eine Verehrerin, aber vom
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.