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Full text: Berliner Leben Issue 19.1916

DER 
Treffpunkt der vornehmen Welt 
ist täglich um 
5, 7 und 9 Uhr 
das 
MARMORHAUS 
Kurfürstendamm 236. 
Wöchentlicher Wechsel der besten Erzeugnisse der Kinematographie. 
Der Gatte lächelte sehr fein, dann 
fragte er: „Nun, und wenn in diesem 
Jahr kein Strauss gekommen wäre?“ 
„Dann wäre es kein so frohes Weih 
nachtsfest für mich geworden,“ entgegnete 
sie offen. 
„Na hör’ mal,“ meinte er launig, 
„gelten dir dein Mann und deine Kinder 
so wenig?“ 
Mit heiterem Gesicht verneinte sie. 
„Du weisst recht gut, dass ich mir in der 
Beziehung keinen Vorwurf zu machen 
habe, lieber Emil, — eine Schwäche aber 
habe auch ich und das ist: ein bisschen 
Eitelkeit.“ 
Er stellte sich erstaunt und sah sie 
fragend an. 
Lächelnd nickte sie. „Wäre jetzt kein 
Gruss von dem anonymen Verehrer ge 
kommen, so hätte ich mir sagen müssen: 
ah, jetzt bist du eine alte Frau geworden, 
jetzt hast du keinen Reiz mehr, jetzt hält 
man es nicht der Mühe wert, dir Huldi 
gungen darzubringen, — und das tut weh, 
selbst wenn man auch wirklich schon zu 
altern beginnt.“ 
„Und das sagt eine Frau, deren drei 
glückliche Jungen dort unter dem Weih 
nachtsbaum herumtollen?“ spöttelte er. 
Lieber Emil, so ganz wird ein Mann 
seine Frau nie verstehen lernen, dass er 
von dem Geheimsten ihrer Seele den 
Schleier heben könnte,“ sagte sie ernst, 
ging aber sogleich wieder zu einem 
heiteren Tone über und scherzte: „Uebrigens wollen wir 
uns keine unnützen Sorgen machen, denn der Strauss, 
das Zeichen der stummen Verehrung, ist ja gekommen, 
mithin also ist meine Zauberkraft auf Männerherzen 
noch nicht entwichen, — und nun komm, freuen wir 
uns mit den Kindern, denn Weihnachten soll ja ein 
Freudenfest sein.“ 
Er nickte und stumm lächelnd nahm er ihren Arm 
und führte sie zurück in das andere Zimmer, wo die 
Kinder jubelten. 
Doch während sie so an seinem Arme dahinging, 
dachte sie: weshalb lächelt er nur immer so selbstbewusst, 
so fein überlegen? Schon während des ganzen Abends 
war ihr das aufgefallen. Indes konnte sie darüber nicht 
länger nachdenken, weil die drei Buben im hellen Jubel 
auf sie losstürmten, sie umkreisten und jauchzend um sie 
herumtanzten. 
Einige Wochen später machte das Elternpaar einen 
Spaziergang, Das Wetter war selten schön und so ging 
man weiter und immer weiter, bis man sich endlich in 
ganz fremden Stadtteilen befand, in Strassenzügen, die 
Frau Emma fast nie betreten hatte. 
Tn der offenen Tür eines Gärtnerladens stand ein Mann 
und bliess die Ringe seiner Zigarre in die Luft, aber als 
er das Paar vorübergehen sah, nahm er schnell die Zigarre 
aus dem Mund und grüsste Herrn Bergemann mit tiefer 
Verbeugung. 
Der Ehemann dankte lächelnd, doch entging es Frau 
Emma nicht, dass er einen Augenblick lang ziemlich 
verlegen wurde. 
„Woher kennst Du denn diesen Mann?“ fragte sie ehrlich 
erstaunt. 
Und mit lächelnder Miene, dennoch aber etwas unsicher, 
antwortete er: „Ach, den kenne ich schon sehr lange, 
ich kaufte früher manchmal Blumen bei ihm.“ 
„Sonderbar,“ erwiderte sie, „ausgerechnet in dieser 
entlegenden Gegend. Weshalb denn das?“ 
Und wieder lächelte er eigentümlich: „Ja, Frauchen, 
der Mann war ausnahmsweise billig, deshalb machte ich 
den weiten Weg.“ 
„So, so.“ — Das leuchtete der praktischen Frau sofort 
ein und deshalb fragte sie nicht weiter, dennoch aber 
fühlte sie mit feinem fraulichen Instinkt, dass hier vielleicht 
doch noch etwas anderes dahinter stecken könnte, indes 
Hess sie es für heute dabei bewenden. 
Einige Wochen später aber, als sie für eine Freundin 
einen Geburtstagsstrauss brauchte, erinnerte sie sich sofort 
des so billigen Gärtners und ging zu ihm, ihren Einkauf 
dort zu machen. 
Der Gärtner, ein Mann von gutem Personengedächtnis 
erkannte in ihr sofort die Frau, deren Mann er kürzlich 
vor der Tür begrüsst hatte und kam ihr 
mit ausgesuchter Höflichkeit entgegen. 
Nun aber machte Frau Emma zu ihrem 
Erstaunen die Entdeckung, dass der Gärtner 
durchaus nicht billig, im Gegenteil sogar 
viel teurer als ihr alter Lieferant war, der 
noch dazu in ihrer nächsten Nähe wohnte. 
— Ziemlich unmutig sagte sie ihm denn 
auch: „Mein Mann hat Sie mir als so 
besonders billig empfohlen, nun finde ich 
aber, dass Sie teurer als alle anderen sind.“ 
„0, gnädige Frau,“ verteidigte er sich, 
„teurer als die anderen bin ich wohl ge 
wiss auch nicht.“ 
„Nun, billiger sind Sie bestimmt nicht,“ 
entgegnete sie beinahe scharf. 
Er jedoch erwiderte höflich; „Ihr Plerr 
Gemahl scheint das doch wohl gefunden 
zu haben, denn er kam bisher noch jede 
Weihnachten wieder.“ 
Frau Emma horchte plötzlich auf. — 
Was war das!? — Was sagte der Mann 
da eben!? — Wie ein elektrischer Schlag 
durchzuckte sie plötzlich ein Gedanke. 
Aber sie nahm sich zusammen und 
sagte ganz gelassen; „Vielleicht haben Sie 
meinem Mann, da er ein guter Kunde 
war, Ausnahmepreise gemacht?“ 
„Durchaus nicht, gnädige Frau, Ihr 
Herr Gemahl kam nur einmal im Jahr, er 
kaufte immer nur zu Weihnachten einen 
Strauss grosser La France-Rosen, die ich 
extra für ihn besorgen musste, und die er 
stets sehr gut bezahlt hat.“ 
Frau Emma stand einen Augenblick wie entgeistert 
da. Sie hielt sich an der Lehne des Stuhles, denn sie 
war nahe daran, in den Stuhl zu sinken. Plötzlich 
blickte sie den Gärtner gross an, nickte ihm lächelnd zu 
und sagte: „Ja, ja, so einen Weihnachtsstrauss bezahlt 
man ja auch immer extra gut.“ 
Sie sprach das so hin, ohne zu wissen, was sie 
eigentlich gesagt hatte, erst an dem erstaunten Gesicht 
des Gärtners bemerkte sie, dass sie Unsinn geredet hatte. 
Schnell erledigte sie ihren Einkauf und ging dann . . 
Aber draussen, da kam es nun über sie, da über 
mannte sie Aerger und Zorn über den Gatten, der nun 
schon seit Jahren ihr eine solche Komödie vorzuspielen 
wagte. Wütend lief sie heim, — — — jetzt sollte 
er es aber gut haben 1 
Doch zu seinem Glück war er nicht daheim, als 
sie ankam. 
So lief sie in ihr Zimmer und schloss sieh ein und 
warf sich in einen Fauteuil. — — — 
Wie konnte er es wagen, sich so über ihre Eitelkeit 
lustig zu machen, ■— also musste er selber es doch schon 
bemerkt haben, dass sie altere und dass ihre Reize 
schwanden, — denn die Buketts hatte er doch nur 
gesandt, um ihrer Eitelkeit zu schmeicheln, um sie glauben 
zu machen, dass sie noch Männer bezaubern könne, — 
und alles das nur, damit sie nicht das Entschwinden
        
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