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Full text: Berliner Leben Issue 19.1916

MARMORHAUS 
das Luxuskino Groß-Berlins 
Knriürstendamm 236 Direktion; Siegbert Goldschmidt 
stöberte er durch das Unterholz, ein statt 
liches Mitglied der Sippe der Schäferhunde, 
dunkelbraun in hellbraun abgetönt, mit 
weisser Brust, mit hellen, grossen Lichtern 
in dem spitzen Kopfe mit einem starken, 
blendend weissen Gebisse, aus dem die 
frisch-rote Zunge hervorspielte. 
Plötzlich hatte der Hund mich wohl be 
merkt, kam auf mich daher losgestürzt und 
hielt dicht neben mir an. Seine klugen 
Augen blitzten in Siegesfreude und mit einer 
unbeschreiblichen Schnelligkeit schnappte er 
einen wurstartigen Gegenstand, welcher an 
seinem Ilalsbande hing, in den Fang und 
raste irn vollen Laufe zurück. 
Voller Erwartung, ob und was sich nun 
wohl weiter ereignen würde, verfolgte ich 
ihn mit den Augen. Da knackten dürre 
Zweige, von festen Mannestritten auf dem 
weichen Moosboden getroffen, ein Soldat 
erschien auf der Bildfläche, an der Leine 
den braven Schäferhund, welcher mich 
soeben nach seiner Ansicht als einen Ver 
wundeten aufgefunden hatte, beide in eiliger 
Hast auf mich zukommend, der Hund jetzt 
Führer und Leiter. 
Ein freundliches Begrüssungswort fönte 
zu mir herüber, das ich freudig erwiderte, 
und in wenigen Augenblicken standen beide, 
der Feldgraue und sein Begleiter, neben mir. 
„Entschuldigen Sie, dass ich Sie gestört 
habe, mein Herr!“ sprach mich der Soldat 
an. „Ich wusste nicht, dass in dieser Wald 
ecke, weit fort von der Strasse, sich jemand 
gelagert hatte, der von meinem Rolf hier als verwundet 
angesehen werden könnte.“ 
„Aber bitte sehr, mein Bester!“ wehrte ich seine 
Entschuldigung ab. „Keine Ursache! Im Gegenteile bin 
ich Ihrem braven Hunde recht dankbar dafür, dass ich 
Ihre und auch seine Bekanntschaft mache.“ 
Während ich das gute Tier liebkoste, kam mit seinem 
Führer eine Unterhaltung in Gang und ich konnte meinen 
Wissensdurst stillen. Der Sanitäter gab mir über alles 
bereitwilligst Auskunft. 
„Wollen Sie mich etwas begleiten?“ schloss er seinen 
Bericht. „Ich will meinen Rolf noch etwas mehr bewegen 
und weiter üben lassen. Freilich werden wir wohl keinen 
Menschen weiter finden, der, ohne es zu wissen ihm Hilfs 
stellung bereitet.“ 
„Ja! Darf ich denn das? 
„Warum nicht? Wenn es Sie interessiert, zeige ich 
Ihnen gern, wie die Sanitätshunde arbeiten. Ein Geheimnis 
ist es ja nicht. Natürlich können wir es nicht jedem 
zeigen, der hier zu uns herauskommt; denn sonst würde 
vielleicht der Besuch kein Ende nehmen und unser Dienst 
wmrde recht sehr gestört werden. Nicht das Interesse zur 
Sache würde eine grosse Schar herführen, sondern die 
blosse Neugierde.“ 
Ich sprang auf, schüttelte die dürren Grashalme von 
meinem Lodenumhange, den ich mir untergelegt hatte, 
ab und die Suche ging los, seitwärts in neuer Richtung 
in den durch dichtes Unterholz unübersichtlichen Wald 
hinein. 
Der Hund ging dicht bei meinem neuen Bekannten. 
Nach etwa fünfzig Schritten gab dieser ihm einen kurzen 
Befehl und sofort sprang das Tier mit lebhaftem Eifer 
an, immer ein Stück rechts und links im Zickzack vor 
uns herlaufend. Langsam folgten wir, geradeaus weiter 
gehend und hatten es schliesslich aus unserem Gesichts 
kreise verloren. 
Da wurde in einiger Entfernung ein leichter Aufschrei 
hörbar, von einer hellen Stimme, mehr Ueberraschung 
andeutend als Furcht. 
„Was war denn das?“ fragte ich erstaunt. 
„Heut scheint das Glück besonders günstig zu sein!“ 
entgegnete lachend der Sanitäter. „Das schöne Herbst 
wetter hat gewiss noch andere hierher gelockt. Solche 
Uebung lasse ich mir gefallen! Immer einen unverhofften 
Erfolg.“ 
„Diesmal scheint es aber ein weibliches Wesen zu 
sein, das Ihr Rolf gefunden hat. Die Stimme klang 
wenigstens so.“ 
„Wohl möglich! Mir schien es auch so.“ 
Da kam auch schon der Hund uns im vollen Laufe 
entgegen, mit dem buschigen Schwänze seiner Freude 
Ausdruck verleihend, dass er seinen Eifer wiederum nicht 
umsonst aufgewendet hatte, quer im Fange 
die lederne Wurst. Vor seinem Herrn setzte 
er sich nieder und dieser nahm ihm das 
Bringsei ab. 
Was aber brachte er denn da noch 
mit? Um den kurzen Haller des Bringsels 
hatte sich ein langer, w'eisser Stoffhandschuh 
einer Dame so fest umgeschlungen, dass 
der Soldat ihn nicht ohne Mühe abwickeln 
konnte. 
„Da haben wir den Beweis!“ rief er 
lachend. „Na, Rolf! Jetzt musst du aber 
selbst noch sehr, sehr um Entschuldigung 
bitten. Zerrissen ist das lange Ding auch 
worden. Sehen Sie nur!“ 
Er bot mir den Handschuh dar und ich 
nahm ihn und besah ihn mir. Zweige, 
durch die er im flüchtigen Laufe mitge 
schleppt war, hatten ihn freilich böse zu 
gesetzt. 
Der Samariter leinte den Hund fest und 
gemeinsam vertrauten wir uns dann seiner 
Führung an. 
Richtig! Zwei Damen waren aus ihrer 
Rast aufgestört worden, eine ältere und eine 
jüngere, anscheinend Mutter und Tochter. 
Beide waren mit der soliden Einfachheit 
gekleidet, die sofort den besseren Stand 
verriet. Die ältere Dame schon ergraut, 
machte sogar einen vornehmen Eindruck. 
Die jüngere nicht minder. Beide standen 
jetzt unter den von der sich bereits sehr 
jihrem Untergange zuneigendm Sonne röt- 
ich gefärbten Kieferstämmen und blickten 
uns etwas erregt entgegen. 
„Na, die Sache kann gut werden!“ seufzte der Soldat 
und sah mich bittend an. 
„Nur nicht ängstlich!“ flüsterte ich ihm hastig zu. 
„Beide scheinen weniger erzürnt als überrascht, vielleicht 
erschreckt zu sein.“ 
Während der Vermittler der neuen Bekanntschaft kaum 
die Zeit abzuwarten vermochte, diese nun auch durch 
Worte zwischen uns fester zu knüpfen, während er an 
der Leine zog, dass der Sanitäter kaum zu folgen im 
stande war, riss ich den Hut vom Kopfe und rief, so 
tuend, als ob ich selbst der Macher vom Ganzen hier 
wäre, beruhigende Worte zu. Die Gesichtszüge der über 
rumpelten Ausflüglerinnen hellten sich auf und wurden 
sogar sehr freundlich und Verzeihung versprechend, als 
der Soldat in seiner knappen Redeweise „Ein Sanitätshund 
auf einer Uebung“ gewissermassen die Vorstellung des 
vierbeinigen Uebel- und doch Wohltäters herbeiführte. 
Sie kamen uns einige Schritte entgegen und betrachteten 
mit gütigem Interesse den biederen Rolf. Ich stellte mich 
den Damen vor, denn sie gefielen mir ganz ausnehmend, 
und klärte den ganzen Sachverhalt auf. Der Sanitäter 
fügte seine Entschuldigungen hinzu. 
„O, bitte sehr! lautete die liebenswürdige Antwort der 
älteren Dame, indem sie den Hund streichelte. „Der 
Vorfall kam nur allzusehr überraschend für uns. Wir
        
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