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Full text: Berliner Leben Issue 19.1916

ihm die kleine Winkerstation am heiligen Kreuz der 
Mutter Marie anvertraut — nicht etwa, dass er hier einen 
militärisch wichtigen Posten gehabt hätte — behüte 
Gott! — er musste nur die Nachrichten von der Kompagnie 
nach der rückwärts gelegenen Etappe vermitteln, wenn 
es galt, Schinken oder Käse abzuholen, einen Wagen 
nach der Bahn zu senden — kurz alles Nachrichten, die 
wegen ihrer Bedeutungslosigkeit nicht über die Feld 
telegraphen gesandt werden durften — — — 
Es war schon ziemlich spät in der Nacht, als Sepp 
Zupfeier am Tische sass und an seinem harten Kommisbrot 
knabberte. Da klopfte es plötzlich zaghaft an der Tür. 
„Herein!“, rief der Sepp und wandte sich halb nach 
der Tür um. 
Da stand ein kleiner schmächtiger Kerl im feldgrauen 
Rocke und ein Päcklein unterm Arme. 
„Grüss’ Gott, Sepp Zupfeier, sagte er, ich komme aus 
der Heimat und bringe Dir die bestellten Zigarren.“ 
„Aus Eigenheim?“, rief der . Sepp und war auf 
gesprungen, „Jesses, Jung’, Jesses, wia mi dös freit!“ 
Und holte aus und hieb vor Freud’ dem anderen die 
breite Rechte auf die Schulter, dass der mit einem Wehe 
laut in die Knie sank. 
„Jesses, sagte der Sepp, Jesses, Jung’, biast Du ober 
zimperlich. I bi drschrocken wia dumm! Wo biast 
denn her.?" 
„Aus Berlin bin ich, Kamerad.“ 
Da hielt sich der Sepp die Seiten und lachte, als ob 
das ein köstlicher Witz seil „Dös hab i mia doch denkt, 
dös Du a Saupreiss bist — a Bayer wär a net glei so 
zsammbrochen! Ober nu sag mal blos, i denk, sie hob’n 
mein Brief net derhalten Daheim?“ 
„Doch, doch, log der Kleine, ich lag dort in Quartier, 
und weil ich hierher kam, haben sie es mir gleich 
mitgegeben.“ 
„So, so!“, sagte der Sepp gedankenlos, denn er halte 
schon die Fäden aufgerissen und starrte mit leuchtenden 
Augen auf das Wunder, das sich vor ihm ausbreitete — 
zwei Würst’ und a Schnaps, a Schnaps, bald a Liter 
flaschen voll, und Zigarren eine ganze Kiste. 
„Teifil“, staunte der Sepp, „woas is denn dös für a 
feiner Schnaps, dös is doch net unser Kümmel!“ und er 
versuchte die Schrift des Etikettes zu entziffern, aber seine 
Schweinsäuglein, die einst kaum die deutschen Wörter 
hatten bemeistern können, fanden sich in dem krausen 
fremden Gewirr nicht zurecht. 
„Ich weiss nicht, sagte der Besuch unsicher, sie haben 
ihn mir so raitgegeben.“ 
„Hm!*, machte der Sepp und hielt die entkorkte Flasche 
so dicht unter seine mächtige Nase, dass die blaue Kapsel 
darin verschwand. Und nochmals: „Hm!*, und dabei 
stand ein Leuchten auf seinem Gesicht, das sagte — fein! 
Er holte zwei Wassergläser herbei und schenkte sie 
voll. „Prost, Spezi!“, sagte er. Aber der andere wehrte 
ängstlich ab: Nein, nein, das sei er nicht gewöhnt, und 
der Weg zurück zur Stellung wär so weit. Aber der Sepp 
Hess nicht nach und drückte dem Gaste das volle Glas in 
die Hand, dass dem vor Schmerz die Tränen über die 
feinen Wangen kullerten. Das sah der Sepp natürlich 
vor Freude nicht, und in der Angst, sich zu verraten 
würgte Jeanne Hibreville mit Todesverachtung das Ge 
tränk hinunter. 
Inzwischen hatte sich der Sepp auch schon eine 
Zigarre angezündet und zog mit behaglichem Schmunzeln 
den lieblichen Duft ein. „Teifil“ sagte er mit Kennermiene, 
„dös is a ganz feines Kraut! da, Kamerad!“ Umsonst 
wehrte der andere verzweifelt ab. — Der Sepp gab keine 
Ruh! „Geh’, sagte er, wia willst denn du zuhaus’ sein im 
Schützengraben! Glei zündst dir ona an!“, und dabei 
hielt er dem schmächtigen Kerlchen das flammende 
Holz dicht unter die Nase. Der zog und zog und würgte 
und prustete und wischte sich die Tränen aus den Augen, 
wischte sich den Schweiss von der Stirn — der gute 
Sepp merkte es nicht. 
„Freindle, sagte er, Freindle, wia mi dös freit! Nu 
erzähl’ oba mal! Woas macht die Minka?“ 
Jeanne Flibreville fühlte, wie ihr Magen revoltierte, 
wie ihre Gedärme sich wanden — sie biss die Zähne 
aufeinander. 
„Die Minka, sagte sie. ach, das ist ein blitzsauberes 
Mädel!“ 
Da stiess der Sepp ein Lachen aus, ein Lachen, so 
laut, so dröhnend, dass die Wände zu wanken drohten. 
„Freindle, sagte er und drückte vor Lust die schmale 
feine Fland, dass der andere wie elektrisiert emporfuhr, 
Freindle, biast Du ober a gspassiger Kerll Seit wann ias 
denn der Hofhund a Freilein?“ 
Da biss sich Jeanne Hibreville vor Zorn und Schmerz 
auf die Lippe und besah mit tränendem Auge ihr blut 
unterlaufenes, geschwollenes Handgelenk. 
„Na ja, log sie, ich dachte, Du meintest die neue 
Kellnerin vom Dorf wirf.“ 
Aber der Sepp machte eine unwirsche Bewegung: 
„Geh miar mit die Weibsleut!“ Und dabei sah er, dass 
dem anderen die Zigarre ausgegangen war. Hilfsbereit 
zündete er ein neues Holz an seinem Hosenboden an und 
hielt es dem seltsam blassen Kameraden an die Zigarre. 
„Net ausgeh’n lassen, Spezi!, sagte er gutmütig. Und 
woas macht die Marthe?“ 
„Die Marthe?“, antwortete der Gefragte — blitzschnell 
überlegte er: Die Minka war ein Llund gewesen, also 
würde es die Marthe auch sein — „die Marthe hat Junge 
gekriegt, Sepp!“ 
„Junge?“ der Sepp schnalzte vor Freude mit der Zunge, 
„dös hob i doch gar net bemerkt, als i auf Urlaub war!“ 
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empfehle meine 
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Tfäfüefcrani ßertin lV. Jjdpzigerftraße 27/28 
Dabei schenkte er dem Spezi das leere Glas wieder voll 
„Ja, zwölf Stück!“ 
„Zwölf Stuck? ‘ — Da hieb der Sepp auf den Tisch, 
dass die Bretter wackelten — „Hahahaha! moachst Du a 
Gpaass, Freundle! A Kuh und zwölf Junge! Kimm, stoss 
an af den Spass!“ Und während der andere zaghaft 
nippte, leerte er mit einem Zuge das volle Glas. 
Jeanne Hibreville fühlte, wie das Zimmer vor ihr zu 
tanzen begann. Hinaus, dachte sie, nur hinaus! Nur 
nicht verraten, wer Du bist! Sie stand auf und griff nach 
• der Tür, aber da drückte sie auch schon der Sepp wieder 
gutmütig auf den Stuhl, dass ihre Glieder knackten. 
„Moach koan Spass, Spezi, iatz bleibst noch a Stündle! 
Proast, FTeindle!“ 
Und wieder würgte das Weib an dem brennenden 
Wasser, dass ihr heisse Tränen über die Backen rannen. 
„Und dia Zens, Freindle, woas mocht die?“ 
„Die Zens? Das ist ein prächtiges Vieh!“ 
„A Viach?“ — Da wurde der Sepp rot wie ein Trut 
hahn vor Zorn. Er war aufgesprungen, als wollte er auf 
den anderen losgehen. Und diesen Augenblick benutzte 
Jeanne Hibreville in ihrer Verzweiflung, um mit einer 
heimlichen, hastigen Gebärde ihr volles Glas umzuwerfen 
— da war der Sepp mit einem Mal ruhig; „Jesses, 
sagte er, Freindle, woas hast denn nu wieder gmoacht? 
Kimm, i schenk diar wiader oan, obar weisst, von mein 
Mädel sagst net wiader, sie sei a Viach; dös versteht der 
Zupfeier Sepp net!“ 
Er lüllte umständlich das umgeworfene Glas wieder 
bis zum Rand und hielt es dem anderen hin: „Kimm, 
i’atz leeren wiar unser Gloas bis auf den Grund auf de 
Zens!“ 
Jeanne Hibreville sah edn, Widerspruch wäre Wahn 
sinn gewesen, hätte den Sepp nur wilder gemacht, und 
goss mit verzweifeltem Mute das Zeug hinunter, das ihr 
wie lodernde Flammen in der Kehle brannte. 
Aber sie leerte das Glas nicht bis auf den Boden. 
Ein Sausen und Brausen umfing sie plötzlich. Das 
Zimmer tanzte vor ihren Augen. Ihre Gedärme drehten 
und wanden sich in ihrem Magen — sie warf die Arme 
um den staunenden Sepp und heulte; „Hupp — Sepp — 
hupp — hupp — ich bin ein schlechtes — hupp — ein 
schlechtes — hupp — hupp Frauenzimmer — — —“, 
dabei glitt sie aus seinen Armen und sank steif wie ein 
Besenstiel zu Boden. 
„A Frauenzimmer?“ der Sepp blickte mit weit auf- 
- gerissenen Augen auf das zu seinen Füssen schlummernde 
‘ Weib. 
,,A Frauenzimmer?“, stotterte er noch einmal, dabei 
glitt sein Blick über ihre Formen, über ihr schweres 
schwarzes Flaar, das bei dem Falle unter der Mütze her 
vorgedrängt war. 
Da schüttelte der Sepp nur ungläubig seinen dicken 
Schädel — das Rätsel vermochte er nicht zu lösen. 
Aber er tat das Klügste, was er tun konnte, er hob das 
schlummernde Mädel auf und trug es wie eine Katz’ 
unter dem Arme drei Stunden durch die Nacht hinunter 
zu seinem Hauptmann.
        
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