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Full text: Berliner Leben Issue 19.1916

Und so sah man ihn denn von morgens bis 
zum späten Abend mit den Feldgrauen zu 
sammen, mit ihnen schwatzen, ihnen bei der 
Arbeit helfend und mit ihnen lachen. Sie 
peppelten und verhätschelten ihn dafür, von 
jedem Paket, das aus der Heimat anlangte, 
erhob der kleine Rene seinen selbstver 
ständlichen Tribut. 
Aber diese innige neue Freundschaft 
hatte ihm aus dem ehemaligen Freund einen 
erbitterten Gegner gemacht. Caston Fournier 
sah dieses „verräterische“ Treiben seines 
früheren Spielkameraden mit schelen Augen 
an. Während Rene in die Unterstände der 
Soldaten schlüpfte, um sich mit offenem, 
eifrigem Gesicht unter sie zu setzen, als 
wäre er einer von ihnen, umschlich Gaston 
mit finsterem Blick und verbrecherischen 
Gedanken im Herzen jeden einzigen der 
feldgrauen Krieger, ihm Tod und Verderben 
wünschend. 
Gegen die Gefahren waren sie beide 
unempfindlich. Wie echte Kinder sahen 
sie in dem ganzen Kriege mit allem, was drum und 
dran hing nur das Aufregende, das Fesselnde, das Neue, 
das ihr Herz vor Neugierde klopfen Hess und sie atemlos 
machte. An allem Schrecken und Furchtbarem, das un 
zertrennlich vom Kriege ist, gingen sie verständnislos und 
achtlos vorüber. 
Sie dachten über die Dinge nicht weiter nach, das, 
was sie sahen, nahm sie ganz gefangen. Sie hörten das 
Schreien und Stöhnen der Verwundeten wohl, aber das 
Krepieren der Granaten, das Kreisen der Aeroplane über 
ihnen in der Luft, Automobile und Reiter, die in höchster 
Eile vorübersausten, interessierten sie mehr. 
Ihnen war der Krieg nur der Bringer vieler, vieler 
neuer Dinge, von denen sie bisher noch nichts gehört 
und gesehen; und mit weiten Augen, aus denen das 
Nichtfassenkönnen, das Unverständnis sprachen, dessen 
sie die Ereignisse an sich vorüberrauschen. 
Rene hatte in den paar Monaten die deutsche Sprache 
bereits fast völlig fehlerfrei erlernt, ein treuer Lehrer, der 
wie ein Vater für sein geistiges und auch körperliches 
Wohl sorgte, war ein Unteroffizier der schweren Artillerie, 
Krampe, den er nie anders als „Onkel Krampe“ nannte. 
„Onkel Krampe“ hatte ihm so viel von seiner Heimat 
erzählt, von dem weiten, grossen Deutschland, von seinen 
vielen, unendlich vielen Soldaten, und vom Kaiser, der 
den Krieg garnicht gewollt, ja, der ihn sogar bedauerte. 
Andächtig hörte ihm Rene zu. Es stand seit langem bei 
ihm fest, dass er bei den Ulanen dienen würde! . . . 
Wie jeder deutsche Soldat selbst, kannte auch er 
deren Rangstufen und Chargen ganz genau. Oft wollte 
»Onkel Krampe“ ihn prüfen oder wohl auch necken und 
sagte dann, auf einen ankommenden Soldaten zeigend: 
»Sieh mal, Rene, da kommt ein Unteroffizier!“ 
Aber der kleine Knabe Hess sich nicht irreführen, er 
legte dann den Kopf zur Seite und die Hände auf den 
Rücken und betrachtete den Mann einen Moment kritisch: 
„Nein, Onkel Krampe,“ sagte er dann, „das ist nicht 
wahr, das ist kein Unteroffizier, das ist ein Sergeant!“ 
Und Onkel Krampe lachte dann, klopfte ihm die Backen 
und griff in die Tasche: 
„Hier Rene, weil Du solch’ braver Junge bist!“, sagte 
er, ihm ein Stück Schokolade hinreichend. 
Die Feldgrauen mussten wohl Gastons schlechteren, 
gehässigeren Charakter gefühlt haben. Anfangs rielcn sie 
ihm wohl auch ein paar freundliche Worte zu, als sich 
der aber fortgesetzt ablehnend verhielt, ja ihre Freundschaft 
sogar mit höhnischem, hochmütigen Grinsen belohnte, 
gaben sie cs auf. 
Ob dieser Hass seinen Ursprung in den Einflüsterungen 
seiner Eltern hatte, die eben so finster und verschlossen 
schienen, wie er selbst, und ob er von diesen noch ge 
schürt wurde, wusste man nicht. Möglich war es schon. 
Oder ob er einem ganz instinktiven Rassegefühl, oder 
einem schon in ihm auflebenden Nationalbewusstsein 
entsprang!? Es konnte ja sein! Aber wohl auch die 
Feldgrauen dachten nicht so weit, sie fühlten nur, dass 
Rene sich aus reiner, echter, kindlicher Bewunderung zu 
ihnen hingezogen fühlte, während Gaston der Neid, die 
Missgunst, der Hass abstiessen. 
„Touts les Allemands kaputt .... kaputt . . .! schrie 
er, wie ein Wahnsinniger zwischen den mit Getöse und 
Krachen platzenden Granaten umherlaufend. 
Und die Feldgrauen lachten dann und schüttelten die 
Köpfe über den närrischen Jungen; sie dachten auch 
vielleicht nicht daran, dass diese für sie so harmlosen 
Ausbrüche einer Kinderseele, vielleicht ein Streiflicht auf 
die unter der Oberfläche brodelnden, 
kochenden und zur Entfaltung drängenden 
Leidenschaften eines unterjochten Volkes 
warf. 
Wieder hatten die Franzosen eines Tages 
scheinbar im Sinn, ihre Landsleute des Dorfes 
mit Stumpf und Stiel auszurolten; sie waren 
augenscheinlich der Meinung, sie müssten 
es ihnen wieder einmal klar vor Augen 
führen, dass sie noch immer die Herren des 
Landes waren. 
Sie schossen wie die Wilden in’s Dorf 
hinein, dass sich die Einwohner ängstlich 
in die Keller zusammendrängten, und auch 
die Feldgrauen in ihre bombensicheren Unter 
stände verschwanden. 
Gaston schlich wie gewöhnlich um die 
rauchenden Mauerreste, seine glühenden 
Augen verfolgten gierig den Flug der heran 
sausenden Geschosse. 
Ein Infanterist kam mit einem Eimer voll 
Slückenzucker, den er für den Tee holen 
sollte, aut einen der Unterstände zugelaufen. 
Unterwegs packte ihn ein Granatvolltreffer und riss ihn 
in tausend Fetzen. 
Rene, der des Weges kam, sammelte den mit Blut 
bespritzten Zucker in seine Schürze und riet schon von 
weitem in den Schützengraben hinein: 
„Onkel Krampe,. . . Onkel Krampe! . . . Die Franzosen 
schiessen mit Zucker!“ 
Für seine reine, blütenweisse Kinderseele hatte dieser 
Krieg eben keine Schrecknisse. Für das, worum Millionen 
Menschen trauerten und sich grämten, hatte er nicht das 
geringste Verständnis. Und als auch er selbst wenige 
Schritte weiter von einem Granatsplitter schwer getroffeu 
zu Boden stürzte, und als er in den Armen des trotz aller 
Lebensgefahr herbeigeeilten „Onkel Krampe“ sein junges, 
blühendes Leben aushauchte, waren seine Gedanken noch 
ganz von dieser so seltsamen und neuen Wahrnehmung 
gefangen, und seine bebenden Lippen flüsterten 
„Onkel Krampe, . . . mit Zucker, . . . mit Zucker . . .“ 
Zu dum von der Firma „Manoli“ veranstalteten Preisaussclrreiben für unsere 
Feldgrauen sind, wie wir aus der soeben erschienenen Nummer 9 der „Manoli- 
Post“ ersehen, sehr viele Arbeiten eingegangen, die unbedingt einen hohen 
künstlerischen Wert besitzen. Selbst unsere tapferen Soldaten direkt an der 
Front haben rege Beteiligung gezeigt, was um so anerkennenswerter ist, als ihnen 
nur die primitivsten Hilfsmittel im Schützengraben zur Verfügung stehen. — 
Insgesamt waren an Preisen ausgesetzt M. 3250,— in bar und 200 Trostpreise 
von je 200 „Rumpler-Taube“-Zigaretten im Werte von M. 2400, — . — Den 
ersten Preis in Höhe von M. 500,— erhielt der Landsturmmann Hugo Frank 
in Stuttgart. — Die September-Nummer der „Manoli-Post veröffentlicht einen 
Teil der prämierten Arbeiten in 4 farbigem Druck. Wie wir erfahren, ist die 
Firma „Manoli“ gern bereit, Interessenten diese Nummer zu senden. 
Q. Schlechten 
Gegründet 1853 
Hol - Pianolorte - Fabrikant 
BERLIN SW. 68 
nur: Kochstr. 62
        
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