Path:

Full text: Berliner Leben Issue 19.1916

und deren schlanke, bleiche Kinderhändchen 
er jetzt still in den seinen hält. Sie schlägt 
ihre fühllosen, blinkenden Nägel in sein 
Fleisch, als wolle sie sich festklammern um 
ihn nimmer in den Krieg ziehen zu lassen, 
um ihn zurückzuhalten mit allen ihren 
schwachen Kräften, um sich ihr Liebstes zu 
hüten, ihr Liebstes, ihn, Fritz Carma. Flalb 
geöffnet sind die frischen roten Lippen und 
Träne auf Träne rollt über die bleichen 
Wangen und aufschluchzend birgt sie ihr 
armes gequältes Köpfchen an seiner Brust. 
Sein Herz zuckt zusammen vor heissem 
Weh, sieht er seine herzige Ruth so klagen, 
er kann es nicht länger ertragen, mit einem 
letzten Kuss reisst er sich gewaltsam los, 
stürzt den schmalen Wasserpfad entlang und 
nach gellt ihm der Schmerzensruf eines 
zerrissenen Frauenherzens, das in Kummer 
und Sehnsucht den Ausgang des Krieges 
erwartet, der sie wieder mit ihrem Fritz 
vereinigen soll. Das sagt ihr der Ring, den 
er ihr heute zum Abschied auf ihren 
jungen, zitternden Finger gestreift, das hatte 
er ihr eben jetzt noch einmal in heiligem 
Schwur bekräftigt. Langsam wendet sich der 
Mond ab und hüllt die kleine Laube wieder 
in Dunkel, still ziehen vor ihn graue Wolken 
und langsam, langsam fällt ein feiner Regen 
wohltuend lindernd auf die gepeinigte Erde; 
langsam, traurig, gesenkten Kopfes geht 
Ruth heim .... 
MARMORHAUS 
das Luxuskino Groß-Berlins 
ist der Versammlungsort der vornehmen Welt und bietet in wechselndem 
Spielplan die besten und neuesten Erzeugnisse der Kinematografie. 
„Burschen heraus!“ fährts durch die Luft. 
Und sein Degen saust nieder auf den 
nächsten, und wieder auf einen, noch ein 
mal, und da klirrts heran auf schnaubendem 
Ross vom Waldsaum: die Kameraden! Der 
Befehl des Führers war nicht zu ihnen 
gedrungen, den alten Schrei eines Burschen 
in Not, den hatten sie vernommen! — 
Eine Stunde darauf war von dem Dorfe 
nichts mehr zu sehen; in Flammen war 
es aufgegangen für den hinterlistigen Ueber- 
fall als rächende Strafe . . . 
Rene. 
Zwei Jahre waren sie nun bereits beim Heere, die 
braven Twelven. Hatten manchen Kameraden schon 
verloren, hatten manche Träne schon darum geweint, 
hatten manch keckes Reiterstückchen schon hinter sich. 
Ein Zug waren sie, man hatte sie auf ihre Bitte alle in 
die gleiche Eskadron gesteckt. 
Staubig lag die Landstrasse, ohne Schutz gegen die 
brennenden Sonnenstrahlen, auf der das Regiment dahinritl. 
Neben seinem Zuge trabte Fritz von Carma, Unteroffizier 
war er geworden für manchen blutigen Strauss in heissem 
Ringen. Vorn liegt ein Dorf. Verlassen scheinbar, kein 
Rauch, kein Wesen, öde liegt es da und einladend zur Rast. 
„Unteroffizier von Carma, nehmen Sie zehn Ihrer Ulanen 
und sehen Sie nach, ob wir dort lagern können.“ 
Er legt die Fland an den Tschako und reitet ab. „Na, 
denn mit Gott los, Kinder!“ und heidi, rasen die 11 Mann 
davon. Ein kleines Wäldchen müssen sie seitlich passieren, 
dort lässt er halten und absitzen. 
Nur mit seinem einzigen Leibfuchs reitet er allein weiter, 
um diese Ruhe zu ergründen. Selbst will er erst sehen, 
ob alles in Ordnung ist und lieber sein Leben als das 
aller seiner Kameraden mit aufs Spiel setzen. Eintönig 
klappern ihre Hufe auf dem holprigen Pflaster. Bis vor 
die Mairie reiten sie, niemand lässt sich sehen. Da fällt 
aus einem Hause ein Schuss. Und als ob dies das Zeichen 
gewesen, stürzen aus allen Häusern Leute mit Säbeln, 
Beilen, Aexten bewaffnet, was gerade ein jeder hatte. 
Blitzschnell wandte Carma sein Pferd. „Durchbrechen!“ 
Das war das einzige, was er seinem Freunde zurief, und 
sie preschten davon. 
Doch schon nach wenigen Sprüngen sperrte ein 
Leiterwagen querüber die Strasse. Also galt es zu kämpfen, 
nun gut, womöglich auch zu sterben. 
Sie sollten nur kommen, sie waren bereit dem Tode 
mutig ins Auge zuschauen, wie schon so oft. Fester 
schloss sich die Hand um den Degen und fester krampfte 
sich die Faust um die Lanze. 
Schneidend scharf klang Carmas Befehl hinüber zum 
fernen Waldrande, wo die Kameraden halten. 
„Ulanen, anreiten, Lanzen einigen!“ Nichts regt sich, 
die Luft fängt seinen Ruf auf, z viel Lärm ist um ihn 
her. Vergebens — verloren — -u weit ist der Weg, der 
Schall dringt nicht bis dort h 
Und immer enger drückt i ich der Flaufe um ihn, und 
immer dichter drängt sich das Volk, kaum kann er sich 
im Sattel halten und sich mühsam mit der Lanze und 
Säbel ein wenig Luft schaffen. 
Da richtet sich der „Twelvianer“ hoch in den Bügeln 
auf, mit voller Kraft schmettert er den alten Kampfruf 
gegen den klaren Himmel, den sie so oft in Gefahren schon 
erprobt gegen Bürger und Bauern, und — — — 
Von Siegfried Baske, Leutnant a. D. 
Nach einer wahren Begebenheit. 
(Nachdruck verboten.) 
Gaston Fournier und Rene Dupont waren 
vor dem Kriege die unzertrennlichsten 
Freunde. Aber wie der Weltkrieg in 
mancher Hinsicht, wo er mit hässlichen 
Polypenarmen begehrlich hingreift, eine 
völlige Umwälzung — meistens zum 
Schlechteren, oft sogar zum Guten — zu 
stande gebracht hat, so gelang es ihm auch 
hier einen Riss in der Freundschaft der 
beiden Knaben eintreten zu lassen, der, — 
wie es schien, — nicht so leicht wieder über 
brückt oder zusammengekittet werden konnte. 
Rene Dupont war fünf Jahre alt, Gaston Fournier neun. 
Ihre Eltern gehörten mit zu den wenigen, die bei der 
Besetzung des Dorfes durch die Deutschen in ihrer Heimat 
geblieben waren, und, wie sie bald merken sollten, nicht 
zu ihrem Schaden. Die Barbaren, als die man sie ihnen 
geschildert hatte, entpuppten sich als gutherzige, gemütliche 
Menschen, mit denen es sich schon auskommen Hess. 
Ja, es kam mit der Zeit sogar so weit, dass sie die Rückkehr 
ihrer eigenen Landsleute gar nicht einmal mehr so sehnlichst 
erwarteten. Denn bei den „boches“ halten sie wenigstens 
ihr tägliches Brot und ihr sorgenfreies Leben, während 
ihre eigenen Landsleute fortgesetzt ins Dorf hineinfunkten; 
und sie dachten oft ernstlich darüber nach, wie das werden 
würde, wenn sie erst wieder ganz die Herren des Dorfes 
wären. 
Aber am zufriedensten mit seinem Lose war unzweifel 
haft der kleine Rene Dupont. Er sah in den Eindringlingen 
schon lange nicht mehr die Feinde seines Landes, die zu 
seinem und zu seiner Familie Unglück gekommen waren. 
Ihm waren sie liebe, gute Freunde geworden, an deren 
Scheiden dermaleinst er schon jetzt mit blutendem Fierzen 
dachte. 
Seine Eltern Hessen ihn gewähren. Seine feindliche 
Gesinnung in solchen Zeiten dem Sieger gegenüber offen 
an den Tag legen, war zu nichts gut, dachten sie wohl.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.