Path:

Full text: Berliner Leben Issue 19.1916

„Wir wollen nicht mehr davon sprechen“. 
„Wenigstens nicht mehr • hadernd, die Zukunft 
soll uns einig sehen. Einig und stark.“ 
Sie gingen miteinander in das Haus. 
Auf der Schwelle des Wohnzimmers trat ihnen 
die Mutter Hildegards entgegen. 
„Willkommen, Harald“, sagte sie, und ein heller 
Schein flog über ihr mildes Gesicht. 
Er küsste ehrfurchtsvoll die Hand der Greisin, 
und sie traten in die Stube, in der bereits die Lichter 
brannten. 
Auf dem Tische summte der Teekessel, und 
auf silbernen Schalen schimmerten rosig und golden 
die Früchte des Herbstes. 
Die Traulichkeit, die ihn umfing, erfüllte ihm 
das Herz mit hoher Freude. Er kam sich vor, 
wie ein Mensch, der nach harten Stürmen in einen 
sicheren Port eintritt. 
„Nun sind wir am Ziel“ sagte er und be 
trachtete lächelnd die Silberfäden, die sich durch 
ihr Haar zogen. „Wir sind älter geworden, aber 
auch gereifter, abgeklärter . . . Der Herbst über 
schüttet uns mit seinen besten Gaben.“ 
Sie lehnte sich glücklich an seine Brust. 
„Wir sind nun Erntende, Harald, Schnitter aut 
dem goldenen Wagen des Lebens. Möge kein 
Schatten mehr sich auf unsre Wege senken.“ 
„So lasse uns unsre Hände ineinander geben. 
Hier ist die Ruhe. Hier ist der Friede.“ 
Der Russische Hof, Hotel Friedrichsbahnhof 
Direktion Wilhelm Krause, Georgenstr. 21-22 
Vorhalle 
des Hotels 
zarten, dieser Arbeit ach so ungewohnten Händchen 
„Vivat Twelvia“ gestickt hatte, den Wahlspruch 
der Korporation. 
Seine Stimme hebt an und dröhnt durch das 
Gemach; noch einmal ermahnt er die Freunde, noch 
einmal erbraust ihr „Hoch“ dem Landesherrn, die 
Schläger fliegen aus den Scheiden, auf blanken 
Waffen schwören sie sich gegenseitig Treue, Hilfe, 
schwören sie, lieber zu sterben, als einen fussbreit 
Landes dem Feinde zu weichen. Dann ziehen sie 
zwei und zwei die gebogene, alte Wendeltreppe 
hinauf zum Turm, wo sich die Flagge bauscht und 
lustig im Winde flattert. Wenn drei honorige 
Burschen zusammen sind, wird sie gehisst; einer 
bleibt nur zurück, also wird sie langsam herunter 
geholt unter den Klängen des Korpsliedes; sorgsam 
wird sie dem einen übergeben zur Aufbewahrung 
auf bessere Zeiten, und unter brausenden Jubel wird 
die schwarz-weiss-rote Landesflagge gehisst. Da 
runter weht ein schmaler blau-goldener Wimpel; noch 
ein donnerndes Hoch steigt zum flimmernden, 
schimmernden Firmament, noch ein Händedrücken, 
ein Händeschütteln hier und da eine verstohlene 
Träne, leis werden die Degen in die Scheide ge- 
stossen, ein Trauerflor umschlingt ein jedes Cerevis 
und barhäuptig geht ein jeder seines Weges. 
vollständig neu hergerichtet, dem Ausgange des Bahnhof Friedrichstiasse gegenüber. Das 
vornehme behagliche Restaurant ist eine Sehenswürdigkeit Berlins. Treffpunkt der vornehmen 
Welt. Der Eingang ist durch die Hotel-Vorhalle. Der jetzigen Zeit entsprechend ist alles 
aulgeboten worden, den Gästen durch vorzügliche Küche bei mässigen Preisen, gut gepflegte 
Weine, den Aufenthalt in diesen Räumen möglichst angenehm zu gestalten. 
Burschen heraus! 
Eine Erzählung von Bruno Salinger. 
(Nachdruck verboten.) 
Stolz schaute der Senior der „Twelvia“ in die Runde, 
wahllosin das Getümmel der Kommilitonen. Seit einem halben 
Jahre lenkte Fritz von Carma nun das Schicksal 
der „Twelvia,“ da war der Krieg und die Mobil 
machung dazwischen gekommen. Sie alle 
wollten sich freiwillig melden bei den Königs- 
Ulanen, die ganze Verbindung bis auf einen, 
dem eine Pistolenkugel von einem Duell her 
noch in den Rippen steckte. 
Zum letzten Male also sollte heute Carma 
am Tafeleck chargieren, dann wollte er seinem 
Bruder Pleinz gleichtun, der sich da draussen 
irgendwo als Fliegeroffizier herum tummelte. 
Ernsten Auges blickte er an den Wänden 
entlang, die vollgehängt waren von Bildern 
derer, die 1848 im Vorkampf für die Burschen 
schaft ihr Leben gelassen. Und geradeüber 
schaute das altehrwürdige Banner herab in 
seinen verblichenen blau-goldenen Farben und 
mahnte zum Aushalten, zum treuen Ausharren 
bis zum letzten Atemzuge. Wüster Lärm ist 
im Raum, doch alles durchdringend klingt 
stahlhart seine Stimme, dem Reden ein jähes Ende 
bereitend. 
„Silentium!“ Sausend zischt sein blankes Rapier dreimal 
durch die Luft, krachend schlägt es dreimal auf den 
Tisch — Atemlose Ruhe — schweigende Ruhe — Hoch 
erhobenen Hauptes sendet er seinen Blick in die Runde, 
keck sitzt ihm sein kleines Cerevis auf dem Kopfe, das 
ihm die scheue Ruth, das Töchterchen des Philologen, 
seines Professors, geschenkt hat; in das sie mit ihren eigenen, 
fvftifpf 
Träge schleicht der Fluss in den Ufern dahin. 
Abendfrieden. Aus Millionen kleinen Lichtern webt 
sich ein geheimnissvoller Schleier über die Erde, als ob es 
keinen Krieg gäbe als ob kein Völkerstreit, kein Schlachten 
und Morden die Welt erschütterte. 
Nachsommeradend. Lau streicht der Wind durch die 
flatternden Zweige der Laube, die ganz von Büschen 
und Kletterrosen umrankt, im Schilfe verborgen daliegt. 
Düster gleitet der Schatten des silbrig glänzenden Mond 
scheines darüber, schwül ist der Windhauch und singt 
ein Liebeslied und ist gesättigt von heissem Empfinden. 
Am Rande des Flusses, ganz dicht bei dem 
Ufer, birgt die schützende Laube eine Bank. 
Flüssigem Golde gleich bricht sich der Mond 
an den Wassern, leise wogen die Wellen, wie 
wenn Nixen ihre weissen kühlen Leiber hervor 
streckten; langsam huscht der Mondenstrahl 
weiter und beleuchtet die angstvoll weit ge 
öffneten schwarzen Augen des Profossor- 
töchterleins, die sich bebend, heimlich hierher 
geschlichen hat zum letzten Stelldichein, um 
Abschied zu nehmen von ihrem Fritz. Spielend 
verfängt sich der Mond in ihrem sammet 
schwarzen Haar, er streichelt ihre blasse, durch 
sichtige Haut und dunklen, seidenweichen 
Wimpern. Vor ihr kniet Fritz Carma, der 
hochmütige Carma, der vor keinem Menschen 
sein trotziges Knie beugt, nur vor seinem 
Mädel, von der er sich lieben und schelten und 
zausen lässt wie ein kleiner ungezogener Schul 
bub, die er vergöttert und auf Händen trägt
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.