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Full text: Berliner Leben Issue 19.1916

Herbst. 
Skizze von Philipp Franz. 
(Nachdruck verboten.) 
Harald Mannfeld hatte die letzten Häuser der Stadt 
hinter sich und schritt langsam die bewaldete Höhe 
hinan, hinter welcher die Villenkolonie Lindenhain lag. 
Der Wald, der sich staffelförmig ansteigend, südlich 
in blauen Fernen verlor, war hier parkartig gepflegt. 
Ein gemischter, von blitzsauberen Wegen durchkreuzter 
Laub holzbestand, in welchem Eichen und Buchen 
vorherrschend waren. Epheuumsponnene Felspartieen 
wechselten mit reizvollen Einschnitten. Rechtsseitig bahnte 
sich ein klares Gewässer seinen Weg talwäits, dessen 
Gurgeln und Plätschern die einzigen Stimmen waren, 
welche die Einsamkeit des Waldes belebten. 
Herbststimmung um und um, überall fallende Blätter, 
bunte Farben. 
Zwischen den grauen Stämmen schwankten Nebel 
schwaden. 
Der Plimmel war überjagt von Wolken, die ein 
scharfer Nordost vor sich hertrieb. Dann und wann 
brach ein Sonnenblitz durch das wandernde Gewölk und 
Hess den Wald jäh aufflammen. 
Es war ein letztes stürmisches Erglühen in Lebens 
lust und Daseinsdrang, ehe die Schönheit ganz von ihm 
abgestreift war. Ein Aufzucken, das in sensitiven Seelen 
vielleicht eigentümliche Gedanken hervorgerufen haben 
würde. Aber der Mann in der schlichten feldgrauen 
Offiziersuniform, der elastischen Fusses unter dem rau 
schenden Blätterdach dahinschritt, empfand nichts von 
dieser Poesie des Sterbens. Er hatte das Sterben auf 
den Schlachtfeldern des Ostens in seiner schrecklichsten 
aber auch heroischsten Gestalt kennen gelernt und sah 
hinter den Schleiern des Herbstes bereits wieder die 
siegflalternden Fahnen des Frühlings. Seine breite mit 
dem „Eisernen“ erster Klasse geschmückte Brust dehnte 
sich unter einem lang entbehrten wohligen Gefühl, und 
mit vollen Zügen sog er den herben Dunst ein, der von 
der Erde aufstieg. 
Er fühlte sich verwandt mit diesem sturmdurchbrausten 
Wald, an den sich für ihn so viele Erinnerungen knüpften. 
Er war durch eine harte Schule gegangen, und herb wie 
der Herbst, war auch sein Wesen. 
Wielange war es her, seitdem er diesen Weg mit 
Hildegard gegangen war. Dort unter dem mächtigen 
Ahornbaum am Ausgang des Waldes hatten sie zuletzt 
beisammengestanden. Dort hatten sich ihre Wege 
geschieden. Sie war gegangen mit einem herben Zug 
um den stolzen Mund und einer Träne in den schönen 
Augen. Er hatte ihr nachgesehen mit einer unbestimmten 
vagen Hoffnung auf ein Vergeben in letzter Stunde, auf 
einen rückwärts gewandten Blick. Aber dieser ver 
zeihende, Versöhnung heischende Blick war ihm nicht 
zu Teil geworden, der stolze Mund hatte sich nicht mehr 
geöffnet. Ohne sich noch einmal umzuwenden, war ihre 
hohe Gestalt in der Dämmerung des Abends untergegangen. 
Und doch war dieser Zwist zwischen zwei starken 
Herzen weniger ein Streit um eine Sache, als ein Kampf 
um Wille und Eigenart. Das harte Element der friesischen 
Erde, deren Kinder sie waren, behielt die Oberhand. 
Keines von ihnen wollte zuerst den Nacken beugen, 
keines zuerst die Hand zum Frieden bieten, und so 
schien ihre Trennung ein Scheiden auf Nimmerwieder 
sehen zu sein. 
Sic suchten zu vergessen. 
Harald folgte einem Ruf nach Westfalen, woselbst er 
als Oberingenieur in einem Hüttenwerk mehrere Jahre 
lang in angestrengter Tätigkeit verbrachte. Aber diese 
Titanenarbeit vermochte die Erinnerungen seiner Seele 
nicht zurückzudrängen und das Dröhnen und Stampfen 
der Maschinen die Stimme nicht zu übertönen, die aus 
der Ferne zu ihm drang. Ahnte er, dass auch das stille 
Haus in Lindenhain ein Wesen barg, das nicht vergessen 
konnte. Dass manchmal in einsamen Nächten zwei heisse 
Mädchenaugen den verschwundenen schönen Tagen 
nachvveinten. 
Hildegard vermochte die Geister der Vergangenheit 
ebensowenig zu beschwören, wie er. Dann und wann 
Hess sie seine Briefe durch ihre Junger gleiten und be 
rauschte sich an seinen stolzen Worten. Oder sie 
wandelte einsam zu der waldigen Höhe hinauf und starrte 
hinaus nach Westen, bis die Sonne sank und der Ahorn 
baum, dessen Zweige sich über sie ausbreiteten, in hellen 
Gluten loderte. Sie lauschte schmerzerfüllt den lernen 
Glocken, bis alles still um sie wurde und die herein 
brechende Nacht sie in ihre Schleier oinhüllte. 
So verfloss Jahr um Jahr und ihr Herz wurde immer 
stiller. Ihre Wangen bleichten und in ihr braunes Haar 
mischten sich allmälich Silberfäden. Eine sanfte Resig 
nation breitete sich über ihr Wesen aus und sie kam all- 
mälich dahin auch den gesellschaftlichen Freuden zu ent 
sagen. Es schien, als sei sie für die Welt verloren, als der 
ausbrechende Weltkrieg mit einem Schlage alles änderte, 
Sie vernahm auf Umwegen, dass Harald zu den 
Fahnen geeilt war und als Oberleutnant unter Hindenburg 
im Osten stritt. Sie hörte mit Stolz von seinen kühnen 
Taten, und die fast erloschenen Hoffnungen setzten ihr 
Herz aufs neue in Gluten. Hundertmal war sie versucht 
allen Stolz von sich abzustreifen und ihm ihre Gefühle 
offen darzulegen. Immer wieder kam sie davon ab. 
Da erhielt sie eines schönen Tages aus einem Grenz 
orte in Wolhynien eine Mitteilung, die ihre Bedenken 
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jäh zerriss. Man befand sich im dritten Kriegsjahr. Die 
blutigen Schlachten zwischen Lipa und Styr wurden 
geschlagen. Bei Luck — schrieb die Oberschwester eines 
Feldlazarettes — hatte Harald eine Verwundung erhalten, 
die das Schlimmste befürchten Hess. Sie sandte ihr zu 
gleich mit seiner Photographie seine letzten Grüsse. 
Am nächsten Tage war Hildegard bereits auf dem 
Wege nach Russland. Sie fand Harald in einem Lazarett 
in Lodz, wohin er inzwischen überführt worden war. 
Das Wiedersehen war erschütternd. Eine Schicksals 
wende. Eine Wiedervereinigung zweier geläuterter 
Herzen. Die Augen des Verwundeten umfassten ver 
zehrend die geliebte Gestalt, seine Lippen murmelten 
zärtliche, liebende Worte. Der Wille zum Leben be 
feuerte sein Blut und Hess ihn ringen mit dem harten Tod. 
Drei Tage lang verbrachte das Mädchen an dem Lager 
des Geliebten. Als sie schied, war die Krisis vorüber. 
Sie verliess ihn mit dem seligsten Herzen 
Und nun war er auf dem Wege zu ihr. 
Unter dem Ahornbaum am Ende des Waldstreifens 
blieb er stehen und schaute hinab auf das stille, von 
wildem Wein umrankte Haus, in dem sie mit ihrer 
Mutter wohnte. 
Ara Gittertor sah er sie stehen, schlank, hoch wie 
eine Göttin. 
Die Wangen, welche die Jahre der Schmerzen ge 
bleicht hatten, leuchteten, in ihrer schönen Hand hielt 
sie einen Strauss weisser Astern. 
Als er vor ihr stand öffnete der Himmel noch einmal 
seine lichten Tore, das stille Haus im Hintergrund lohte 
auf unter den letzten Küssen der sinkenden Sonne. 
Ein Windstoss streute farbige Blätter über sie. 
Sie reichte ihm die weissen Blumen. 
„Es ist Herbst geworden“ sagte sie. 
Aber der aufrechte, aus dem Stahlbad des Krieges 
heimgekehrte Mann vor ihr machte nicht den Eindruck 
eines Verlassenen. 
Er war Einer derer, die sich der Reife freuen. Ein 
Winzer des Lebens, der leuchtenden Auges die goldene 
Traube emporhält, die er harten Gewalten abgezwungen hat. 
Er nahm die Astern aus ihrer Hand und dankte ihr 
mit einem frohen Blick. 
„Ja, es ist Herbst geworden“ versetzte er, „die Blätter 
fallen . . . Auch wir sind in den Plerbst eingetreten. 
Auch wir blicken auf lärmvolle Tage zurück. Aber, 
Geliebte, lasse uns nicht klagen. Lasse uns froh sein, 
dass wir am Ende eines Weges stehen, der so besäet war 
mit Schwierigkeiten und so leer an Schönheit. Es ist Herbst 
geworden und die ernsten Astern blühen an den Wegen.“ 
Sie blickte forschend in sein männliches Gesicht. 
„Du wertest das Leben heute anders wie früher?“ 
„Ich bin im Kriege ein Anderer geworden und wer, 
wie ich am Rande des Abgrundes hingeschritten ist, der 
weiss der Erde Güter wieder zu schätzen. Wie die 
Völker die Segnungen des Friedens schätzen werden 
wenn die Drangsale des Krieges überstanden sind. Wie 
kleinlich erschienen mir unsere Zwistigkeiten, als ich in 
Wolhynien im Feuer stand. Und wie Vieles hatte ich 
Dir abzubitten, als Du mir in Lodz wie ein rettender 
Engel erschienst.“
        
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