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Full text: Berliner Leben Issue 19.1916

Der Russische Hof, Hotel Friedrichsbahnhof 
Direktion Wilhelm Krause, Georgenstr. 21-22 
hat seine herrlich geschmückten Garten-Terrassen in diesem Jahre wieder eröffnet. Der geräumige Garlenhof 
ist ein Sommer-Restaurant, in dem der grösste Wert auf die Behaglichkeit der Besucher gelegt worden ist. 
Bequeme Polstersessel stehen um Tische, auf denen bunte Lampenschirme ein abgedämpftes Licht ausstrahlen. 
Eine Künstler-Kapelle bietet musikalische Genüsse. Der jetzigen Zeit entsprechend, ist alles aulgeboten worden, 
den Gästen durch vorzügliche Küche bei mässigen Preisen, gut gepflegte Weine, sowie Biere vom Fass, den 
Aufenthalt in diesen Räumen möglichst angenehm zu gestalten. 
Endlich sah die Frau Oberst nach der Uhr, — 
Egon musste die Rechnung fordern. Er hatte 
schon vorher ab und zu einen Blick auf die Speise 
karte geworfen und zusammengerechnet, — die 
Zeche betrug ungefähr 35 Mark, also musste er 
vierzig haben. 
„Da fällt mir ein“ rief er aus, „ich habe 
noch eine dringende Bestellung telephonisch zu 
erledigen . . . 
„Bitte, Herr Leutnant!“ 
Egon eilte ans Telephon und läutete bei 
seinem Freund Rode an, der glücklicherweise zu 
Hause war. 
„Um Himmelswillen, Mensch, Du musst mir 
aus der Verlegenheit helfen, ich sitze hier im 
Weinbaus Wilheim fest, — ich werde Dir morgen 
alles erzählen. Schicke mir durch Deinen Burschen 
vierzig Mark her, aber dalli.“ 
„M. W. — Mit Windeseile!“ 
„Aber schärfe dem Johann ein, dass er die 
Sache nicht auffällig macht. Er soll an der Tür 
stehen bleiben, bis ich zu ihm komme. — Danke!“ 
In derselben Zeit hatte zwischen der Oberstin 
und ihrer Tochter folgendes Gespräch stattgefunden: 
Mutter: Ich finde die verliebten Blicke, die Du 
dem Leutnant zuwirfst, höchst unschicklich. 
Tochter (seufzend): Er merkt sie ja garnicht. 
Mutter; Da hast Du Dir einen schönen dummen 
Mann ausgesucht. Ist in ein Mädchen verliebt und 
merkt garnicht, dass sie in ihn noch verliebter ist. 
Tochter: Dumm — in gewisser Hinsicht mag 
sein. Aber Papa sagte immer, er wäre einer 
seiner fähigsten Offiziere, — und er hat auch das Eiserne — 
Mutter: Uud ist arm wie eine Kirchenmaus. Ich sag Dir 
ein für allemal, schlage ihn Dir aus dem Sinn ah, die 
Frau Generalin I 
Ueber das ganze Gesicht strahlend eilte die Oberstin an 
den Tisch ihrer hinüberwinkenden „Vorgesetzten“, ohne zu 
beachten, dass sie ihre Tochter mit dem wieder an den Tisch 
tretenden Leutnant allein liess. Mit dem Blicke des zukünftigen 
F'eldberrn überschaute Egon die Lage, und nach einer schönen 
Einleitung war er gerade im Begriff, Gunhild eine richtige 
Liebeserklärung zu machen, als der Kellner mit der Rech 
nung an den Tisch trat, diese niederlegte und sich diskret 
zurückzog. Sie betrug 38 Mark und 25 Pfennig. Dagegen 
war nichts einzuwenden. Fehlte nur noch Johann mit 
dem Gelde. 
„Nein, das ist zu komisch,“ lachte Gunhild auf. 
„Was denn?“ 
„Da steht schon eine ganze Weile 
der Soldat an der Tür —“ 
Egon blickte hin. Richtig, da stand 
Johann stramm, die Iländ e 
an der Hosennaht. Er 
blickte nach dem Leut 
nant mit solcher An 
strengung hin, dass ihm 
fasst die Augen aus dem 
Kopf traten und war vor 
Anstrengung ganz rot im 
Gesicht. Von allenTischen 
sah man nach ihm hin und 
lachte. Auf sprang der 
Leutnant, winkte ihm hin 
auszukommen, nahm ihm 
draussen die vierzig Mark 
ab, warf ihm noch einige 
Liebenswürdigkeiten an 
den Kopf und kehrte an 
den Tisch zurück. Hier 
fand er die Frau Oberst im 
GesprächmitdemKellner. 
„Also, Herr Ober, Sie bringen mir das die 
Frau Generalin gab mir davon zu kosten — es 
schmeckt entzückend — also diesen Falluntern- 
tischeislauf — was für ein komischer Name —1“ 
Es ist eine Uebersetzung aus dem Englischen, 
gnädige Frau“, erwiderte der Kellner, „früher 
hatten wir den englischen Ausdruck auf der 
Speisekarte, da fiel er weiter nicht auf —“ 
„Nun, dann bringen Sie zwei Portionen, — nein, 
drei, — Sie essen doch auch mit, Herr Leutnant —! 
„ MitV ergnügen“, erwiderte Egon, dem der Angst- 
schweiss ausbrach. „Ich muss doch mal sehn, ob der 
verrückte Ausdruck wirklich auf der Karte steht.“ 
Ein Blick überzeugte ihn, dass die Portion eine 
Mark kostete, d. h. es fehlten ihm noch 25 Pfg. zur 
Begleichung der Zeche, — vom Trinkgeld ganz ab 
gesehen. Tausend Gedanken schossen ihm durch 
den Kopf. Das Einfachste wäre ja gewesen zu sagen: 
Bitte, Frau Oberst, borgen Sie mir ein paar Mark. 
Aber so tapfer er auf dem Schlachtfelde war, so 
sehr fehlte es ihm in solch heiklen Lagen an Mut. 
„So und nun ist es wirklich Zeit zu gehen“, 
sagte die Frau Oberst. 
Egon schob die Rechnung auf die Ecke des 
Tisches und legte seine 41 Mark hinauf — es 
musste sich ja irgend ein Wunder ereignen, etwa 
wie das mit den fünf Broden und zween Fischen. 
Denn er war an Wunder gewöhnt — vom Schlacht 
feld her, wo die Kugeln und Granaten um ihn 
pfiffen und sausten, ohne ihn zu verletzen. 
Auf eine Frage der Oberstin antwortete er 
so zerstreut, dass diese verwundert den Kopf 
schüttelte und für gut fand, sich nach ihrer Garderobe 
umzusehn. Nun nahte auch noch der Kellner, und — 
ehe er noch am Tische war, ereignete sich das Wunder. 
Eine kleine weisse Hand schob sich über den Tisch und 
legte zu dem vorhandenen Gelde einen Fünfmarkschein. 
Und da die Oberstin am Garderobeständer dem Tisch 
den Rücken wandte, ergriff Egon schnell die helfende Hand,
        
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