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Full text: Berliner Leben Issue 19.1916

Ein Held in Aengsten. 
Humoreske von Max Feder. 
(Nachdruck verboten.) 
Oberst Schmalstich erhob sich vom Schreibtisch im 
Arbeitszimmer des Liller Dienstgebäudes, als ihm die 
Leutnants Egon von Stopp und Hellmut Rode gemeldet 
wurden. Als sie grüssend eintraten, sagte er: 
„Zunächst, meine Herren, meinen herzlichsten Glück 
wunsch zum eisernen Kreuz, das Sie sich redlich verdient 
haben. Insbesondere muss ich Ihnen, Herr von Stopp, 
meine Bewunderung über die Tatkraft ausdrücken, mit 
der Sie in Vertretung Ihres gefallenen Hauptmanns den 
umstrittenen Hügel eroberten. Nun, diese Tatkraft wird 
Ihnen noch zu Statten kommen, wenn Sie jetzt nach 
Berlin . . .“ 
Der Oberst brach ab, strich lächelnd über seinen 
grauen Kinnbart und fuhr dann, seine hagere Figur auf 
richtend, in dienstlichem Tone fort; 
„Also, meine Herren, der nachgesuchte Urlaub ist 
Ihnen auf vierzehn Tage bewilligt .... bitte, gern 
geschehen, meine Herren, nun, Herr von Stopp, Sie 
werden die ganze Zeit in Berlin zu bringen?“ 
„Ja, wohin sollte ich, Herr Oberst, ich bin ja leider 
ein Waisenknabe, — und lediglich Herrn Oberst habe 
ich zu danken . . .“ 
Er wollte hinzufügen, wie sehr er sich seinem Vor 
gesetzten verpflichtet fühle, der ihn in seinen Familien 
verkehr aufgenommen und in dessen Haus er viele an 
genehme Tage verlebt hatte. Aber der Oberst schnitt 
ihm das Wort ab. 
„Schon gut, mein Lieber, geben Sie mir die Hand. 
Wir bleiben die Alten. — Und nun zu Dir, Hellmut, 
den ich als den Sohn meines Freundes, des Kommerzien 
rats Rode, wie einen eigenen Sohn schätze. — Ich bitte 
Dich, ihm diesen Brief zu überreichen, den ich aus 
bestimmten Gründen nicht mit der Feldpost schicken 
möchte. — Na, und dass Du Dich deines Freundes 
Herrn von Stopp annimmst, damit er sich nicht zu einsam 
fühlt, ist wohl selbstverständlich.“ 
* * 
♦ 
Zwei Tage später spazierte Egon von Stopp durch die 
Strassen Berlins, wie einer, der aus alltäglichen Verhält 
nissen in eine Märchenstadt versetzt wird. Obwohl 
geborener Berliner, war es ihm doch jetzt zu Mute, als 
sähe er die Reichshauptstadt zum ersten Male. Auch die 
Bewunderung der Vorübergehenden, die dem forschen 
jungen Leutnant mit dem schwarzweissen Bande nach 
blickten, tat ihm wohl, obgleich er mit einer Miene 
dahinschritt, als sei er solche Spaziergänge schon seit 
lange gewohnt. Und dennoch befand sich Egon noch 
nicht auf dem Höhepunkt der Seligkeit, die erwartete 
er noch. Ob der gute Oberst wohl beim Abschiede eine 
Ahnung davon gehabt hatte, dass der Magnet, der ihn 
nach Berlin zog, niemand anders war, als das eigne 
Töchterchen des Obersten, die liebliche Gunhild . . . . 
Und kaum hatte er an sie gedacht, da erblickte er 
sie leibhaftig.. (Hier muss eingeschaltet werden, dass der 
Leutnant an Wunder glaubte, und wir werden sehen, 
dass er alle Ursache hatte.) Ein Wagen rollte daher, 
hielt am Bürgersteig und befand sich gerade vor Egon, 
so dass Frau Oberst Schmalstich ihm die Hand reichen 
konnte, was sie bei der Begrüssung nicht ganz so freudig 
tat, wie die neben ihr sitzende Gunhild. Nachdem Egon 
über das Befinden des Herrn Gemahls Bericht erstattet 
hatte, beantwortete Egon die nächste Frage über das 
Wohin, dass er zwecklos herumspaziere. 
„Wir fahren zum Abendessen in ein Weinhaus“ 
sprudelte Gunhild heraus. 
Die Mutter warf der Tochter einen strafenden Blick 
zu, denn es lag durchaus nicht in ihrer Absicht, den 
Leutnant zum Mitkommen einzuladen, was sie jetzt an 
standshalber schon tun musste. Egon hätte sich lieber 
einen Finger abgebissen, als diese wenn auch noch so 
formelle Einladung abzulehnen. 
„Gnädigste Frau Oberst“ sagte er, „ich nehme mit 
Dank an, nur bitte ich zu bedenken, dass ich schon so 
oft Mittagsgast bei der Frau Oberst war, dass nunmehr 
an mir die Reihe ist, den Gastgeber zu spielen. Darf 
ich Sie also nach dem' Sekthaus einladen?“ 
„Sekthaus? Nein, mein Lieber“ erwiderte die Frau 
Oberst mit grösster Entschiedenheit, „das ist mir zu hoch. 
Bitte, steigen Sie ein, — wir fahren nach Wilhelms 
Weinstuben“, rief sie dem Kutscher zu. 
Himmelhoch jauchzend nahm er im Wagen Platz, 
aber gleichzeitig zu Tode betrübt, denn . . . das muss 
aber ausführlicher erklärt werden. Der Tag, an welchem 
sich die erzählten wichtigen Ereignisse zutrugen, war 
nämlich gerade der einunddreissigste des Monats. Und 
nun denke man sich unseren Helden mit der Anweisung 
auf eine Gehaltszahlung von 400 Mark in der Tasche, 
die er aber erst am nächsten Morgen erheben konnte 
und mit etwa einer Mark im Geldbeutel. Im Sekthaus 
war ein invalider Kamerad Geschäftsführer, der ihm die 
bedeutendsten Zechen gern gestundet hätte, aber Wilhelms 
Weinhaus war ihm ganz unbekannt. Dass ihn auch der 
Satan reiten musste, ohne einen nennenswerten Betrag in 
der Tasche die Gattin seines Obersten und das geliebte 
Mädchen dazu zum Essen einzuladen. 
So sass man denn im Weinhause und ass und trank, 
und wenn der selige Dante dabei gewesen wäre, hätte 
er eine Höllenqual mehr zu schildern gehabt, welche 
Egon litt. Die Damen entwickelten einen ganz anständi 
gen Appetit, und aus Freude über die guten Nachrichten 
von ihrem Gemahl bestellte die Oberstin eine Flasche 
alten Johannisberger. Die Damen waren in bester Stim 
mung, denn Egon erwies sich als ein Unterhalter von 
bestem Humor, einem wahren Galgenhumor, denn wie 
in aller Welt sollte er nun die teure Zeche bezahlen. 
Und wie war er enttäuscht! Er hatte immer geglaubt, die 
süsse Gunhild lebe nur von Luft und Liebe. Aber sie ass 
und trank ganz tüchtig, ohne sich im geringsten zu zieren. 
RUDOLPH HERTZOG BERLIN C.2 
Jacken- 
Kleider, 
Kleider, 
Mäntel, 
Ueber- j 
zieher 1 
Husstellung oon Damenkleidung, 
Backfisch-Kleidung und Damen-Hüten 
FÜR HERBST UND WINTER 
oon Montag, den 18. September ab 
Unterröcke, 
Morgen- 
Röcke, :: 
Kleider- 
Röcke, :: 
Blusen 
Eigene 
Werkstätten 
im Hause für 
Jackenkleider, 
Mäntel, Kleider, 
Blusen usw.
        
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