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Full text: Berliner Leben Issue 19.1916

war, „auch in dieser Hinsicht bin ich gebunden, 
ich muss auf die Dutzendware der Mittelmässigen 
sehen, Hausfrauenpolitik, denn Gelegenheit 
macht Diebe, und die reine Seele meines 
Mannes geht mir über die Hausdekoration, 
auch darin bist Du besser dran.“ 
Eva lachte so herzlich und steckte die 
Freundin damit an, dass sie beide ihr Gespräch 
von vorhin vergassen. 
„Jetzt muss ich heim“, sprang plötzlich 
Harriett auf, „Du verstehst die Sommerzeit und 
die Kinder, sie müssen frühzeitig zu Bett.“ 
„Siehst Du, wie gut Du’s hast.“ 
„Und Du gehst doch so gern zu den 
Deinen“, sagte Eva und drückte einen Kuss auf 
die lieben losen Lippen der Freundin. 
„Noch eins Eva, nimm Deinen Helden mal 
ordentlich vor, wenn er wiederkommt, er soll 
auch ein bisschen sehr splendid im Schenken 
sein, w T eisst Du, er interessiert mich, Du könntest 
ihn retten, unseren Jugendfreund, mach dir eine 
Lebensaufgabe daraus, Eva! „Aber freilich, nie 
sollst Du mich befragen, ob Du’s aushalten kannst?“ Sie 
war schon auf der Treppe und warf der Freundin noch 
eine Kusshand zu. „Komm bald zu mir, versprich, aber 
halte es, hörst Du?“ — — — 
Eva von Rabbow war allein. Sie presste die Finger 
spilzen gegen die Schläfen und schloss für einen Augen 
blick die Augen. 
Das Sprühteufelchen hatte ihr alle Gedanken im Kopfe 
umgewirbelt, nun galt es, sich ein wenig zu sammeln. 
Sie bettete ihren seidenblonden Kopf in die weichen Kissen 
der Sofaecke und Hess die Hände in den Schoss sinken. 
„Helge von Riedel“, ihr Held, ihre Jugend, ihres 
Lebens Kern! Was wussten sie von ihnen, alle die 
anderen, seitdem er bei Kriegsausbruch zu ihr gekommen 
und mit dem letzten Händedruck ihres Herzens Wunsch 
und die Versicherung ihrer Treue mit hinausgenommen 
in Nacht und Kampf. 
Don Juan, brutal, Pascha? 
Helge, ihr Held, ach, was früher war, kümmerte sie 
nicht mehr, auch sie war einst andere Wege gegangen, 
als sie sich auseinander gelebt in Trotz und Zorn. Aber 
nun, bei seinem letzten Urlaub, damals im Winter, als er 
das eiserne Kreuz und den Major in der Tasche, im 
staubigen Kommiss frisch von der Bahn weg zu ihr ge 
kommen war, nein, das war einfach unmöglich. 
Mit einer Blondine im Dämmerschein des Wintertages, 
verschleiert, splendid im Schenken? 
Ihr Blick fiel auf die goldberänderte Meissner Blumen 
vase, an der die zwei Schlangenköpfchenhenkel sich krümm 
ten, zum halt gegen das Getäss, sein Geschenk, sein letzter 
Gruss mit duftenden Hyacinthen, als er von ihr gegangen 
und dann auf die kleine silberne gehämmerte Schmuck 
nadel an ihrer Brust mit dem schimmernden Topas, die 
fein empfundene Künstlerarbeit eines Goldschmiedes, die 
hatte er ihr auch irgendwo aus einer Werkstatt mitgebracht. 
Aber dann weiter, es Hess sie nicht los, die Blondine im 
Stadtpark und an seiner Tür. Er besass keine Verwand 
ten in der Stadt, keinen weiblichen Menschen, der ihm 
sonst nahestand ausser ihr, sollte wirklich ihre kleine 
Harriett Recht behalten, ein wenig Don Juan? Ihre Ge 
danken verwirrten sich, wenn das wäre, nein, das würde 
sie nicht überleben, nach all den enttäuschungsreichen 
Jahren ihrer Ehe- und Wittwenzeit, ihres Helden Bild 
durfte sich nicht trüben, im Reiche ihrer Seele sollte er 
Herrscher sein, er, Helge. 
Und wäre es doch wahr, müsste die Liebe der Frauen 
den Becher still entsagenden Heldentums doch auskosten 
in dem Erkennen: du bist nie die Einzige, nur eine Epi 
sode, ein Erleben, nichts weiter? Nein und dreimal nein, 
wie wär dann ein Sichversenken, ein Ineinandertauchen 
zweier Seelen zu einem einzigen himmelsklaren Quell 
möglich? 
Da tönte die Klingel des Fernsprechers durch die 
Flucht der Zimmer, Eva zuckte zusammen, hatte etwa 
Harriett etwas vergessen, wer konnte wohl sonst etwas 
von ihr wollen? 
Sie hatte keine Lust, sich zu erheben, und als sie hörte, 
dass Agnes, ihre Stütze den Hörer abhob, lehnte sie sich 
befriedigt in die Kissen zurück. 
Der Sonne letzter Glanz verstreute sein 
Gold noch einmal durch’s Fenster und um 
strahlte auch das hellblonde Haupt des jungen 
Mädchens, das da eben zur Tür hereintrat, 
atemlos, ohne anzuklopfen. 
„Gnädige, gnädige Frau“ stotterte sie, „der 
Herr Major“. 
„Was Agnes!“ Wie vom Blitz getroffen 
fuhr Eva empor. 
„Der Herr Major haben sich für heute 
abend J / 2 9 Uhr angesagt. Er komme direkt 
aus dem Felde, die gnädige Frau möchte Gnade 
üben.“ 
„Helge!“ Frau von Rabbow zitterte un 
merklich, dann plötzlich sah sie über das Gold, 
das im Blondhaar des Mädchen flimmerte, 
hinaus in undurchdringliche Weiten. 
Einen Augenblick zuckte das Misstrauen 
durch ihr Inneres, sollte sie ihn auf dem Bahnhof 
erwarten, in prüfen? 
Pfui, Fwa, da klang schon die Stimme der 
kleinen Stütze: 
„Soll ich den Herrn Major erwarten, vielleicht 
hat er Koffer, oder ihm ein Zimmer bestellen?“ 
Da auf einmal war das Gold auf dem Llaupte des 
Mädchens fort, und der lichte Blondkopf erzählte die 
Lösung des undurchdringlichen Rätsels. 
Die kleine Agnes hatte damals mit ihm im Stadtpark 
gestanden und eine Bestellung von Eva ausgerichtet, einen 
Brief von ihr zu ihm getragen und einen letzten Gruss 
nach dem Bahnhofe, ihr Bild. 
Ein glückseliges Lächeln besonnte ihre Züge. 
O, Helge, mein Held, o Hatriett, kleine misstrauische 
F'rauenseele. Ein wenig brutal da hatte sie Recht, er 
übei rumpelte sie doch recht rücksichtslos, und ein wenig 
Pascha? Da standen die beiden Frauen und rissen sich 
drum, ihn zu bedienen. Aber Don Juan? Nein, ihr ge 
hörte er, ihr ganz allein. Und in ihren Armen hielt sie 
ihn eine Stunde später, und sah die Augen, die nur sie 
suchten und sah den Staub und die Schwere seines Be 
rufes und Dienstes, die er mitbrachle von draussen, nur 
um so schnell wie möglich bei ihr zu sein und wusste, 
dass er nichts weiter suchte und kannte hier in der Fleimat 
als ihres Herzens liebenden Schlag und die Rast an ihrer 
Seite. Und so führte sie ihn, hinein ins Reich ihrer Seele 
als seine Göttin. So wollte sie ihn retten, wie Harriett ihr 
geraten, und ihre schönste Lebensaufgabe sollte es werden. 
G. Schlechten 
Gegründet 1853 
Ho! - Planolorte - Fabrikant 
BERLIN SW. 68 
nur: Kochstr. 62
        
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