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Full text: Berliner Leben Issue 19.1916

Am nächsten Tage fühlte sich Amalie be 
reits besser, so dass der alte Herr fast gejubelt 
hätte; als aber eine Stunde später der Arzt 
wiederkam, sah er nur die Kranke allein, denn 
Papa Rebus Hess sich auch jetzt nicht blicken. 
Schon wollten die Liebenden verzweifeln, 
denn sie sahen ein, dass der Groll des alten 
Herrn zu tief eingewurzelt war, aber die gute 
Amalie tröstete sie von Neuem, sie würde schon 
Rat schaffen. 
Am dritten Tage fing sie aufs neue an zu 
klagen, so dass dem alten Herrn die Haare zu 
Berge standen. Und an diesem Tage erschien 
der Arzt nicht. Als man zu ihm schickte, kam 
der Bescheid, dass der Herr Doktor nach 
auswärts gerufen sei. Der alte Plerr war un 
tröstlich, denn die arme Amalie stöhnte von 
Stunde zu Stunde mehi. Schon sollte ein 
anderer Arzt geholt werden, dagegen aber 
sträubte sich die Kranke, weil sie behauptete, 
dass sie nur zu Dr. Meinhold Vertrauen habe. 
Papa Rebus war jetzt nahe daran, selbst 
krank zu werden. Mit Schrecken dachte er an 
die Zukunft. Was sollte werden, wenn er diese 
vortrefflliche Köchin verlor? Ganz gruselig 
wurde ihm. Er würde ein für allemal Verzicht 
leisten müssen auf seine leckeren Gerichte. Er 
konnte diese ganze schreckliche Folge von 
quälenden Gedanken nicht ertragen. 
Und Amalie stöhnte immer jämmerlicher 
und verlangte nach Dr. Meinhold ohne Unterlass. 
Endlich gegen Abend ertrug es Papa Rebus 
wirklich nicht mehr länger. Er machte sich 
auf und ging zu dem Arzt herum. 
Doktor Meinhold empfing den alten Herrn 
sehr freundlich, aber mit grosser Zurückhaltung 
und versprach dann, noch heut zu kommen. 
Eine Stunde später sass der junge Doktor 
im Zimmer des alten Herrn, der ihn nach der 
ärztlichen Untersuchung zu sich gebeten hatte. 
„Machen Sie mir die Alte gesund, Herr 
Doktor,“ bat er, „ich werde es Ihnen nie 
vergessen.“ 
„Was ich tun kann, soll gewiss geschehen,“ 
damit empfahl sich der Arzt. 
Von nun an kam er jeden lag zu Amalie, 
deren Zustand sich nach ihren eigenen Aussagen 
sehr schnell besserte, und allemal nahm ihn 
dann der alte Herr mit in sein Zimmer und 
plauderte noch ein wenig mit ihm. 
So wurden die beiden Männer nach und 
nach bekannt, und eines Tages, als Papachen 
Der Russische Hof, Hotel Friedrichsbahnhof 
Direktion Wilhelm Krause, Georgenstr. 21-22 
Hat seine herrlich geschmückten Garten-Terrassen in diesem Jahre wieder eröffnet. Der geräumige Gartenhof 
ist ein Sommer-Restaurant, in dem der grösste Wert auf die Behaglichkeit der Besucher gelegt worden ist. 
Bequeme Polstersessel stehen um Tische, auf denen bunte Lampenschirme ein abgedämpftes Licht ausslrahlen. 
Eine Künstler-Kapelle bietet musikalische Genüsse. Der jetzigen Zeit entsprechend, ist alles aufgeboten worden, 
den Gästen durch vorzügliche Küche bei mässigen Preisen, gut gepflegte Weine, sowie Biere vom Fass, den 
Aufenthalt in diesen Räumen möglichst angenehm zu gestalten. 
über den schnellen Genesungslortschritt Amaliens 
besonders erfreut war, meinte er zu Lisa; 
„Dieser Dr. Meinhold ist wirklich ein ganz 
anständiger Mensch, mit dem man verkehren 
kann. Ja, wenn alle Aerzte so wären! —“ 
Lisa war überglücklich, aber sie beherrschte 
sich und meinte nur leichthin: „Nun ja, er ist 
ja ganz leidlich.“ 
„Nun, das brauchst du garnicht so von oben 
herab zu sagen“ meinte der alte Herr etwas erregt. 
Da tat sie erstaunt: „Aber Papa, er ist doch 
ein Arzt; hast du mich nicht selbst gelehrt? —“ 
Schnell sprach er dazwischen: „Nun ja, ich 
habe dir mal so etwas gesagt, aber mein 
Himmel, ich bin ein alter Mann, und irren 
kann doch schliesslich jeder mal.“ 
Lisa nickte nur, dann ging sie in ihr Zimmer 
und schrieb sofort voll Freude an den Geliebten, 
wie gut sich alles gewendet habe. 
Nach einer Woche ungefähr war Amalie 
wieder im Haushalt tätig. Zum erstenmal seit 
langer Zeit sollte Papa Rebus wieder sein 
Leibgericht haben. Zu diesem Ereignis war 
auch der Doktor geladen. 
Es war eine vergnügte Stunde, die man 
zusammen verlebte, und der alte Herr, durch 
die köstlich zubereiteten Gerichte ganz milde 
und weich geworden, meinte zu Lisa, als sie 
wieder allein waren; „Weisst du, mein Kind, 
ich habe darüber reiflich nachgedacht, dieser 
Dr. Meinhold ist eigentlich eine ganz gute 
Partie für dich.“ 
Und wieder bezwang der Tollkopf sich: 
„Aber Papachen, einen Arzt soll ich heiraten?“ 
Da wurde Papachen fast ungemütlich: 
„Nun ja, es war eine Grille von mir, zugegeben, 
aber ich habe doch meinen Irrtum eingesehen, 
und ich weiss, was für ein tüchtiger Mann 
dieser Arzt ist und wieviel Geld er verdient.“ 
Lisa schwieg und nahm eine nachdenkliche 
Miene an. 
„Nun, was meinst du zu meinem Vorschlag?“ 
lächelte er. 
„Aber das geht doch nicht so ohne weiteres, 
Papachen, ich muss doch erst warten, ob er 
mich überhaupt will.“ 
Darauf nickte der alte Plerr nur ... — 
Am nächsten Sonntag war Dr. Meinhold 
wieder zu Tisch gebeten, am darauffolgenden 
auch, und schliesslich war man so bekannt 
geworden, dass der junge Arzt auch ungeladen 
kommen durfte.
        
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