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Full text: Berliner Leben Issue 19.1916

furchtbar den Arm geschüttelt. Ich dachte, er fällt raus. 
Dann habe ich ihn wiedergeschüttelt. Aber feste. Ich 
wollte mal probieren, ob seiner rausging. Aber er ging 
nicht. Er war zu fest genäht. 
Dann hat die Tante gesagt, wir wollen gehen. Es 
zieht so auf dem grässlichen Bahnhof. „Es ist nicht 
wegen mir“, hat sie gesagt. „Ich mache es ja doch nicht 
mehr lange. Aber es ist wegen Hugo. Er hat eine 
schwache Gesundheit.“ 
Aber vorher wollte sie noch einmal ihre Pakete 
zählen. Es waren man wieder bloss mehr zehn Teile. 
Eins hatte sie in der Hand und das hat sie nich mit 
gezählt gehabt. Und dann hat sie wieder furchtbar ge- 
schrien und hat gesagt, Onkel Hugo hat Schuld. Das 
kommt von seinen dummen Witzen. Da hat Onkel 
Hugo nachgezählt und hat gesagt: „Es sind doch elf 
Teile.“ Da hat die Tante wieder die Augen gerollt, und 
ihre Aepfel sind ganz weit rausgekrochen. Ich hab 
schon gedacht, ich muss meine Mütze runterhalten, wenn 
sie rauskullern. Vielleicht muss man sie auch mit ’ner 
Scheere abschneiden. Ich hab aber nichts gesagt. Die 
Tante war ganz böse und hat gesagt: „Du weisst, Hugo, 
ich kann keinen Widerspruch vertragen.“ — Aber 
wenn es doch elf Teile sind —hat er gesagt. Da ist 
die Tante ganz dicht zu ihm hingegangen und hat ge 
sagt, er sieht vielleicht doppelt, weil er vorhin in’s Glas 
gekukt hat, als er angemeldet hat. Darum hat es auch 
so lange gedauert. Onkel Hugo wurde ganz rot. Da 
hat sie ihr Paket hingelegt und hat ihn an die Hände 
gekriegt und hat gesagt: „Hugo, sieh mich mal an. 
Kannst du mir in die Augen sehen?“ Er hat gesagt, er 
kann es. Da hat sie gesagt: „Es ist gut. Ich glaube dir.“ 
Und da hat sie noch mal nachgezählt, und da waren 
es wirklich elf Teile. Meine Mutter hatte es schon lange 
gemerkt, aber sie traute sich nicht, es zu sagen. Da hat 
die Tante gesagt, wir machen sie ganz konfus, sie hat 
aber nu genug von der Zählerei und wir wollen gehen. 
Da ist die Pauline aber weg gewesen, was ihr Dienst 
mädchen ist und schon einen Tag früher gekommen war, 
um ihr Zimmer zurecht zumachen, wie sie es gewohnt 
sind. Sie sind sehr reich. Wir nie. Wir sind die armen 
Verwandten, hat die Pauline gesagt. Ich habe sie ver 
hauen. — 
Da sind wir gegangen und haben sie gesucht, Onkel 
Hugo und ich. Der Onkel hat geschwitzt. Er hat seinen 
Hut abgenommen und gesagt, es ist sehr heiss. Da hab 
ich gesagt, ob er weiss, dass ich jetzt an Bismarck 
denken muss. Er hat sich gefreut und hat gesagt, warum. 
Ich hab gesagt, weil unser Klassenlehrer sagt, Bismarck 
hatte Haare auf den Zähnen. Und ich habe gedacht, 
vielleicht hat er auch welche. Weil er doch sonst keine 
nich hat. Da hat er die Augen gekniffen und hat den 
Hut wieder aufgesetzt. Es is nicht mehr so heiss, hat 
er gesagt. Man muss sehen, dass man sich nich verkühlt, 
wenn man einen blossen Kopf hat. Ich habe gesagt, 
sein Kopf ist immer nackt. Und darum hat er wohl ’ne 
rote Nase, weil er sich verkühlt hat. Da hat er gesagt, 
ich soll im Automaten mal nachsehen, ob noch was drin 
ist. Da bin ich hingegangen und hab nachgesehen. 
„Ja“, hab ich gesagt, „es ist noch was drin. „Da hat 
er mir ’nen Groschen gegeben und hat gesagt, ich soll 
mir ’n Mund mit Schokolade stopfen und nich so viel 
dummes Zeug reden. Ich hab reingebissen. Der Groschen 
war echt. Dann hab ich gesagt, ob er meint, dass eine 
Tafel genug is, weil die Leute sagen, ich hab’n grossen 
Mund. Da hat er mir noch zwei Groschen gegeben und 
hat gesagt, es ist doch noch ziemlich heiss. Er muss 
mal schnell ’n Glas Bier trinken. Ich soll aber zu Tante 
nichts verraten. Da haben wir ’n Bündnis gemacht. 
Schliesslich haben wir auch die Pauline gefunden. 
Sie ist hinter dem Bahnhofsmann mit der roten Mütze 
hergelaufen, weil sie gedacht hat, dass er ein Soldat ist. 
Sie hat vor ihm stramm gestanden und hat gesagt: 
„Bei’s Militör, 
Da geht’s hoch her, 
Die Hände an die Hosennaht, 
Auf die Schulter das Gewöhr“. 
Der Bahnhofsmann war sehr froh, dass wir kamen. 
Onkel Elugo hat sich entschuldigt, Die Pauline is immer 
so, hat er gesagt. Sie ist nich ganz richtig. Wenn man 
ihr das sagt, dann wird sie falsch. Aber sonst tut sie 
keinem Menschen nichts. Und sie ist sehr billig. Dann 
sind wir gegangen und haben sie mitgenommen. 
Pauline musste den grossen Korb anfassen. Auf der 
andern Seite war auch noch ’n Kringel dran. Da sollte 
ich anfassen. Aber ich hab gesagt, ich hab Stiche. Da 
hat die Tante mit’m Kopf gewackelt und hat gesagt, sie 
hofft, es ist nich ansteckend. Es is nicht wegen ihr. 
Ihr weint ja doch keiner eine Träne nach, wenn sie das 
irdische Jammertal verlässt. Aber Hugo muss sich in 
Acht nehmen. Mutti hat gesagt, es ist wohl nich so 
schlimm. Ich soll man ruhig anfassen. Dabei hat sie 
mich so traurig angesehen. Da hab ich gesagt, es ist 
schon besser und ich will den Korb alleine tragen. Die 
Tante aber hat gesagt, sie duldet das auf keinen Fall. 
Nachher hat sie die Schuld. Sie kennt das. 
Da hat Onkel Hugo den andern Kringel angefasst, 
und ich habe die kleinen Pakete auf den Korb gelegt 
und bin hinterher gegangen, dass nichts runterfällt. 
Am Teich. 
Von M. L. Evau. 
(Nachdruck verholen.) 
Da sass sie wieder auf ihrem Lieblingsplatz dicht am 
Teich. Wie in einem Rahmen hob sich die lichte Gestalt 
ab von dem Grün ringsum: dem Grün des Wassers — 
des Schilfs — der hohen Bäume: Kräftige Eichen und 
dunkle Coniferen, schwärzlicher Buchs und silbergrüne 
Weiden, Kastanien und Erlen. Ein Platz des Friedens. 
Kein Laut ringsum, als das Schnellen der Fische aus dem 
Wasser, das Gurren der weissen Tauben, die graziös zum 
Ufer kommen, um zu trinken, das sommerlich verschlafne 
Zirpen der Vögel. — Da kräht ein Hahn vom Hof her 
und schreckt den Mann, der die ganze Zeit die Poesie 
des Bildes in sich aufgenommen. Hinter einem der hohen 
Büsche versteckt hatten seine Blicke jede Bewegung der 
jungen Frau verschlungen, die da drüben im Grünen 
sass. — 
Von hier fort sollen — morgen schon — von ihr, die 
er liebte wie ein Wahnsinniger! Die einem andern 
gehörte — seinem Herrn 1 Er wusste lange schon, dass 
er weg müsse. Seine Zeit als Adjunkt war abgelaufen. 
Eine Stelle als Verwalter sollte er antreten in weitentfernter 
Gegend. 
Sein Herz zog sich zusammen. Er schauderte, er 
zitterte trotz des schwülen Julitages. Ein Mann war 
drüben auf die Lichtung getreten, lachend hatte sie die 
schönen Arme nach ihm gestreckt, er sie an sich gezogen. 
Der Adjunkt warf sich ins Gras, um nichts mehr zu sehen, 
um seine Stirn zu kühlen in dem weichen Grün. Da 
hörte er eine feine Kinderstimme. Eine Idee durchzuckt 
sein Plirn — betörend, furchtbar. 
Wenn er etwas tun könnte für die Frau dort, etwas, 
dass sie ihn bewundern müsste. Er wollte ihre Liebe 
erzwingen. 
Kleine Schrittchen kommen näher. Langsam, um das 
Kind nicht zu erschrecken, steht er auf. Nähert sich ihm. 
„Onkel Woxi“ ruft es, streckt ihm das Händchen entgegen. 
„Wo ist Mama? Bin allein fortgelaufen, will Mama 
suchen.“ Ein fast irres Leuchten kommt in des Mannes 
Augen. Er nimmt das kleine Mädchen an der Hand. 
Er flüstert: „Da drüben sitzt die Mama, siehst Du sie? 
Und der Papa auch. Schnell lauf hinüber.“ Er zieht sie 
an den Teich — verborgen durch die hängende Weide. 
„Dort die Seerose bring’ Mama, sie freut sich. Tritt auf 
die Blätter. Es geht schon.“ 
Die leichte weisse Gestalt erscheint im Schilf, kann 
sich einige Sekunden halten. Ein paar Schritte weiter 
nach den Blumen — ein wahnsinniger Schrei von 
drüben — von der Mutter. Das Kind ist verschwunden. 
Das ist es, was er will. Er springt ins Wasser, erfasst 
das Kind und bringt es ans Ufer. Nun erwartet er 
seinen Lohn: Den Retter ihres Kindes wird sie nicht von 
sich lasssen. In rasendem Lauf kommt die junge Frau 
ihm entgegen. Er will ihr das Kind geben, das ruhig 
atmend, doch mit geschlossenen Augen in seinem Arm 
ruht. Da schreit sie auf: „Sie ist tot! Lisa ist tot!“ 
Ihre Augen weiten sich. Sie greift an ihr Herz. Im 
nächsten Augenblick liegt sie zwischen den beiden 
Männern auf dem Rasen. — Langsam schlägt Lisa die 
grossen Augen auf und im Halbschlaf lächelnd sieht sie 
auf die tote Mutter und den schluchzenden Vater.
        
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