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Full text: Berliner Leben Issue 19.1916

stöhnte noch einer. Das deutsche Artillerie 
feuer war unterdessen den Kolonnen gefolgt. 
Schon kamen die ersten Feldgrauen aus 
dem Walde, lieber den Vogesenbergen ging 
die Sonne auf. Das Gefecht war gewonnen. 
Die Franzosen hatten sich überall mit 
ungeheuren Verlusten zurückziehen müssen. 
Frymann Hess sich den Weg zum Divisionär 
zeigen. 
„Patrouille Frymann zur Stelle. Ein 
Mann gefallen, sonst alles da,“ erstattete der 
Unteroffizier seine Meldung. 
Der alte General empfing ihn mit einem 
herzlichen Händedruck: „Sie sind ein pracht 
voller Kerl, ein Scharfschütze. Na, ich 
gratuliere zum Eisernen Kreuz.” Doch wie 
er die Hand losliess, bemerkte er Blut an 
seinem Handschuh. Frymann hatte zwei 
Finger der linken Hand verloren. 
„Was schadet das, Exzellenz, wenn’s 
dem Vaterlande nützt?“ 
Zwei Monate später war er als Feldwebel 
wieder an der Front. 
Hurra! Die Tante kommt! 
Eine Berliner Lausejungengeschichte von Karl Heinrich. 
(Nachdruck verboten.) 
Ich hatte meine weisse Sonntagsbluse angekriegt und 
die langen Strümpfe. Die haben eklich gekratzt. Ich 
habe wiedergekratzt, aber es hat nichts genützt. Da hab 
ich mich geärgert, dass ich meine blossen Waden nicht 
anziehen durfte. Bios wegen Onkel und Tante. Mutti 
hat mir auch die Ohren ausgeseift. Immer müssen sie 
einen damit plagen. Und dann hat sie mir die Haare 
vollgeschmiert. Ich hab’ mir’n paar Hörner gedreht. 
Guschi hatte auch ’n weisses Kleid an und zwei lange 
Zöpfe. Da konnte man fein was hinten anbinden. Aber 
Mutti hat es gemerkt. Sie hat mir eine reingehauen. 
Ach hab ich gebrüllt. Da hat sie mir schnell ’n Stück 
Kuchen gegeben, dass die Augen nich rot werden. Dann 
hat sie mir ’n paar Rosen in die Hand gestochen. Wenn 
die Tante kommt, dann soll ich ’n Komplement machen 
und was sagen. Dass dies Röschen sind und dass sie 
auch ’n Röschen ist. Mutti sagt, sie freut sich, wenn man 
sie Röschen nennt. Sie heisst Therese. Guschi sollte 
auch was sagen. Dass ’ne Rose rot ist und blüht. Das 
weiss doch jeder. Sie hätt man lieber sagen sollen, dass 
’ne Rose riecht, besonders wenn sie alt ist. 
Wir sind auf ’m Bahnhof gestanden, und der Zug hatte 
drei Minuten Verspätung. Endlich ist er reingelaufen, 
und Onkel Hugo hat seinen Hut abgenommen und mit 
der Glatze gewackelt. Ich habe sie mit Hurra begrüsst. 
Und dann hat der Zug gehalten und wir sind nach 
’m Wagen gelaufen, wo wir gesehen haben, dass sie in 
sind. Tante Therese wollte g’rade aussteigen. Aber das 
ging nicht so leicht. Sie ist sehr dick. Darum steigt sie 
immer rückwärts aus. 
Als sie auf dem Trittbrett gestanden ist, da hat sie 
sich in der Tür festgeklemmt, und ihr Kleid ist wo hängen 
geblieben. Da ist der Schaffner hergelaufen und hat ge 
rufen: „Beeilen mit dem Einsteigen!“ Und er hat ihr 
einen Schups gegeben. Sie wollte aber garnicht wieder 
rein und hat furchtbar geschimpft. Die Leute im Wagen 
haben auch geschimpft. Ich glaube sie hat was fallen 
gelassen. Wenn wir in der Schule was fallen lassen, 
dann müssen wir’s 50 Mal aufschreiben. Ich habe mich 
gefreut, dass er sie geschupst hat. 
Schliesslich ist sie draussen gewesen und sie hat noch 
immer auf den Menschen geschimpft. Der Onkel hat 
gesagt, sie soll man still sein. Die Leute kuken schon. 
Da hat sie gesagt, sie sollen kuken. Sie sind Zeugen 
wenn was kaput ist. Die Bahn muss dafür aufkommen. 
Und dann hat sie wieder geschimpft. 
Wir sind da gestanden und wollten sie in Empiang 
nehmen. Aber sie hat in den Wagen geschrieen, man 
soll ihr die Pakete herausgeben. Und dann sind sie alle 
rausgeflogen. Es war wie ’n Aprilregen. Immer wenn 
man gedacht hat, nu is es alle, dann ist noch was ge 
kommen. Ich hab mich furchtbar gefreut. Dann ist der 
Zug weggefahren, und wir wollten sie in Empfang nehmen. 
Aber sie hat noch keine Zeit gehabt. Onkel Hugo musste 
ihr die Pakete hergeben, und sie hat nachgezählt, ob 
auch keins zuviel is. 
Dann hat sie auf einmal geschrieen: „Hugo, es fehlt 
eins!“ Ihre Nase ist ganz spitz gewesen, wie sie das 
gesagt hat, und sie hat aut ihn grosse 
Augen gemacht. Er hat hinlaufen müssen 
und es anmelden. Das sie hinter dem Zug 
herlaufen und ihn anhalten. Sie haben ihn 
aber ruhig laufen gelassen. Da hat sie 
gesagt, sie muss sich beschweren auch über 
den Menschen, der sie geschupst hat. Wir 
sind alle Zeugen. 
Da ist der Bahnhofsmann mit der roten 
Mütze gekommen und hat sie gefragt, wie 
es ausgesehen hat. Da hat sie gesagt, das 
muss er doch wissen. Dann hat sie zu uns 
gesagt sie muss bloss wissen, für was die 
Leute ihr Geld kriegen. Aber sie will mal 
nachsehen. Dann hat sie wieder gezählt. 
Es waren elf Teile, hat sie gesagt. Auf ein 
mal waren alle wieder da. Sie hat sich 
sehr gewundert. Aber dann hat sie gemeint, 
sie is ja nu in Berlin, und da muss man 
sich über nichts ■wundern. Auch nich, dass 
die Leute so grob sind und einen schupsen, 
wenn man aussteigen will. 
Ich hab gedacht, das Paket war für 
mich. Aber es waren man blos Pulswärmer 
und sowas drin. Da hab ich es schnell wieder hingelegt. 
Niemand hat was gemerkt, aber nu waren es wieder 
elf Teile. 
Dann hat die Tante zu Onkel gesagt, er soll gut acht 
geben, wenn sie die Familie begrüsst. Die Familie waren 
wir. Sie hat meine Mutter an den Hals gekriegt und 
furchtbar gequetscht. Und dann hat sie geweint und 
gesagt, sie freut sich weil sie nu da ist. So dumm. Ich 
weine man bloss, wenn ich was haben will. Aber sie 
weint, wenn sie sich freut. Und dann hat sie gerufen: 
„Hugo, hast du auch acht?“ Er hat gesagt: „Nein, elf.“ 
Da hat sie gesagt, was das heisst. Er hat gesagt: „Es 
sind doch elf Teile.“ Sie war böse und hat ihre Augen 
gerollt. Aber sie hat nichts gesagt. 
Dann hat sie mich begrüsst und wollte mich auch 
quetschen. Aber ich bin nicht so dumm. Ich hab ihr 
schnell die Rosen in die Hand gestochen. Aber ich hatte 
ganz vergessen, was ich sagen sollte. Da ist mir ein 
Gedicht eingefallen, was wir grade in der Schule gehabt 
haben. Ich habe es zehnmal abgeschrieben, weil ich es 
nicht gewusst habe. Aber es waren man blos neun mal. 
Der Lehrer hat nichts gemerkt. Da habe ich schnell 
gesagt: „Es ist ein Ross entsprungen.“ Das habe ich 
in der Schule auch gesagt. Ich habe eine runter gekriegt. 
Die Tante hat gesagt, was das ist. Ich bab gesagt, es 
ist ein Gedicht, und wir haben es in der Schule gehabt, 
und es ist sehr schön. Da hat sie mich auf den Kopf 
gepatscht und hat gesagt, sie hofft, dass ich ein fleissiger 
Schüler bin. Ich hab gesagt, ich hoff es auch. 
Dann hat sie Guschi gequetscht. Sie hat ihren Spruch 
noch gewusst. Natürlich, so sind die Mädchen immer. 
Aber sie soll es schon kriegen. 
Dann hat die Tante gesagt, nu will sie acht geben, 
und Onkel Hugo soll die Familie begrüssen. Er hat mir
        
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