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Full text: Berliner Leben Issue 18.1915

phot. Gebr. Haeckel, Berlin. 
Aus dem Zivil-Gefangenenlager der Deutschen und Oesterreicher in Perigueux, Frankreich. 
In welch schmachvoller, aller Kultur hohnsprechender Weise unsere armen Landsleute, die sich bei Ausbruch des Krieges als Zivilpersonen in Frankreich aufhielten, von den Franzosen behandelt werden, davon sind im Laufe der Zeit bereits wiederholt 
fürchterliche Einzelheiten bekannt geworden. Die vorstehende Aufnahme lässt uns nun einen Blick tun in das Zivilgefangenenlager der Deutschen und Oesterreicher in Pürigueux im südwestlichen Frankreich, östlich Bordeaux, ln einer alten, leerstehenden, 
vollständig verwahrlosten und feuchten Perlenfabrik, in der es von Raiten wimmelt, sind hunderte von Deutschen, Oeslerreichern und Ungarn jeden Alters und Geschlechts zusammengepfercht. Mitte August wurden unsere Landsleute aus allen Teilen 
Frankreichs in verschlossenen Viehwagen, die während des Transportes nicht verlassen werden durften, in zum Teil lagelanger Fahrt nach Perigueux gebracht. Dort fanden sie bei ihrer Ankunft in dem feuchten Rattenloch absolut nichts, nicht einmal 
die allernotwendigste Waschgelegenheit, vor. Nach einigen Tagen erst erhielten sie für das Nachtlager etwas Stroh. Die Verpflegung besteht für alle, auch für Kinder, aus zwei Mahlzeiten täglich, mittags eine dünne und sehr schlecht zubereitele Wasser 
suppe mit minderwertigem Äbfallfleisch und abends eine ganz ungenügende Portion zumeist angebrannter Erbsen- oder Bohnensuppe. Dass unter diesen traurigen Verhältnissen sehr bald Krankheiten ausbrachen und Opfer forderten, ist kein Wunder. 
Namentlich die Kinder haben sehr unter Krankheiten zu leiden und in den ersten fünf Wochen starben zwanzig von dreissig erkrankten Kindern. Wenn sich auch in der letzten Zeit wohlwollende Franzosen fanden, die einsahen, dass eine derartige 
Behandlung gefangener Zivilpersonen doch gar zu grell absticht von der Behandlung, welche den Franzosen in Deutschland zuteil wird, und dafür sorgten, dass jeder Gefangene wenigstens einen Strohsack und eine Decke erhielt, so ist das Loos der 
Gefangenen doch auch heute noch das denkbar traurigste.
        
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