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Full text: Berliner Leben Issue 18.1915

eine herrlich weite Aussicht hatte: über die Rebenhügel 
in goldgelbem Laub und über das fruchtbare Land. Hier 
war sein Lieblingsplatz, wo er stundenlang sich sonnte 
und sich ausruhte. Aber es nutzte ihm nicht viel. Zu 
wild jagten die Gedanken in dem müden Kopfe; schwarz 
türmte sich die Zukunft vor ihm auf und drohte ihn zu 
ersticken; heisse Schmerzen der Vergangenheit Hessen 
sich auch durch die heiterste Gegenwart nicht bannen. — 
Dackeli sprang ihm auf den Schooss. Da neigte sich der 
Mann über den schmalen Hundekopf: „Du hast’s gut, 
Dackeli; wenn es Friede gibt, gehst Du wieder zu Deiner 
Herrin, der wunderschönen schwarzen Eva. Sie hat Dich 
lieb und freut sich, wenn Du kommst — aber mich hat 
sie fortgeschickt — damals, als sie meine Herrin werden 
sollte, tortgeschickt hat sie mich, Dackeli, und ist mit dem 
Fremden in das grosse Schloss gezogen in Feindesland!“ 
Dackeli hob den Kopf. Der Ton der Stimme war so leise, 
so traurig. Die braunen Hundeaugen blickten aufmerksam 
auf den kranken Mann und noch ein paar Augen, ebenso 
braun, ebenso treu und mitleidig, schauten nach ihm. Die 
junge Eva war es, von der Mutter zur Ablösung geschickt. 
Die beiden Frauen Hessen den Rittmeister nicht gerne 
allein, denn sie hatten mit klugem Verständnis gefühlt, 
dass er selbst der schlimmste Feind seiner Gesundheit 
war. Eva sah sein trauriges Gesicht und fand sofort heitere 
Worte, um ihn zu zerstreuen. Rittmeister von Haller sah 
sie gerne an. Sie glich ihrer Tante Eva. Er hatte die 
Zurückweisung seiner Liebe damals schwer empfunden, 
und der Schmerz schien neu aufzuleben nun er als kranker 
Mann seiner Gedanken nicht Herr war. Da beruhigte es 
ihn, Eva bei sich zu haben. Es ging ein Friede von ihr 
aus. Er sah vor sich hin, während sie ihm ein lustiges 
Stückchen aus dem Brief des Vaters vorlas. Wie leise 
und angenehm war ihre Stimme. Dackeli hatte die Augen 
geschlossen. Der Rittmeister hing den Kopf tief, die Lider 
fielen ihm zu; Eva las weiter, leiser und leiser. Sie sah 
auf die Beiden, die in der Sonne eingeschlummert waren 
und Tränen traten ihr in die Augen. Wenn sie ihnen 
doch helfen könnte, den beiden Verlassenen. Den Mann 
da vor ihr gesund machen, dass er wieder lustig würde! 
Er hatte ihr erzählt, dass er keine Eltern, keine Geschwister 
habe. Wie schrecklich musste das sein — ganz allein auf 
der Welt und krank. — Die Tränen tropften und es kam 
etwas über sie, ganz plötzlich, dass sie selbst davor er 
schrak und dann selig lächelte in ihren Tränen. Sie 
wusste jetzt: Sie hatte die Beiden da lieb — den Dackeli 
und — den — Mann; sehr, sehr lieb. — 
* ♦ 
* 
Die Weinlese dauerte fast 4 Wochen. Es war schwer, 
Fässer zu bekommen, um den reichen Segen zu fassen. 
Heute war der letzte Tag, sonst durch ein frohes Winzer 
fest gefeiert. Dieses Jahr konnte man nicht tanzen und 
singen; zu viel Trauer war schon im Dorf, zu schrecklich 
wütete noch der Krieg. Die Herrin hatte reichlich zu 
Essen und zu Trinken den Leuten hinausgeschickt und 
war selbst mit den Kindern gekommen, um auszuteilen 
und zu helfen. Den Rittmeister hatte man allein lassen 
müssen. Er wollte nicht mit. Er war die letzten Tage 
noch stiller und trauriger geworden. Frau Vera bemühte 
sich um ihn ohne Erfolg. Eva gab sich Mühe, so heiter 
zu sein wie gewöhnlich. Er blieb teilnahmslos und in 
sich gekehrt. Sie konnten ihn nicht dazu bewegen, mit 
zur Lese hinaus zu kommen. Er hatte Frau Vera die 
Hand geküsst mit einer gewissen Feierlichkeit; Eva hatte 
er garnicht beachtet und war in den Garten hinunter ge 
gangen. 
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Die Sonnenstrahlen lagen über der Bank beim Lauben 
gang. 
Er setzte sich und schaute hinaus in die blaue Weite. 
Drüben am Weinberg zogen die Winzerinnen in langer 
Reihe durch die Zeilen. Er unterschied die Buttenträger, 
die auf den Stab gestützt den steilen Abhang hinaufstiegen. 
Ueberall Arbeit und hoffendes Leben. Er steckte die 
Hand in die Tasche und lächelte. Es war ein Lächeln, 
das erschrecken konnte, aber Niemand sah es. — Er 
senkte den Kopf. Die Gedanken jagten sich, sie rasten 
durch sein Gehirn, sie überstürzten sich, Hessen ihn nicht 
zur Ruhe kommen. Wilde Schlachtenbilder umdrängten 
ihn; dann hörte er wogende Walzerklänge und sah die 
schöne Eva mit dem P'ranzosen tanzen, während er ver 
zweifelt an der Tür stand. —■ Nein, schon gingen die 
Gedanken weiter. Es war nicht die Eva von vor fünf 
Jahren, es war die kleine, braune Eva hier im Haus, die 
dieselben schönen Augen hatte und ihn so süss umpflegte. 
Ihn, den kranken Mann. Er schauerte. Oh, wenn er sie 
für sich haben könnte, wenn sie ihn pflegen könnte bis 
zum Ende! 
In verzweifelten Nächten hatte der Gedanke ihn umkrallt 
und Hess ihn nicht mehr los: Das Ende, das Ende musste 
kommen, er konnte nicht geheilt werden, konnte nie 
glücklich werden im eignen Haus. Und er hatte sich 
durchgerungen zu dem Entschluss: Nicht auf das Ende 
warten und andern zur Qual sein: sondern selbst Schluss 
machen, schnell und ohne Zögern Er zog die Hand aus 
der Tasche; sie umspannte den Revolver. Ein kleines 
Tuch hatte er mit herausgezogen. Süsser Duft entströmte 
ihm. Er küsste es, legte es über die Augen und entsicherte 
den Revolver. Alles mit gleichmässigen, bedachten Be 
wegungen. Er hob die Waffe. Ein Stoss — ein Schuss — 
Blut überströmt ihn in heisser Welle — aber er lebt und 
reisst das Tuch von den Augen. Da Hegt das Dackeli 
mit gebrochenen Augen auf seinem Schooss. Das Dackeli, 
das man eingesperrt und das doch den Weg hinaus zu 
seinem Freund gefunden. Es war im rechten Augenblick 
ihm auf den Schooss gesprungen! 
Verstört blickte der Rittmeister um sich. Kaum konnte 
er sich klar machen, was geschehen war. Die wilden 
Gedanken, sie gingen jetzt so träge, waren kaum zu 
bewegen. Mechanisch streichelte er das Hündchen, es war 
ganz steif. Da ging ein Zucken durch seinen Körper, er 
stöhnte auf und begann zu schluchzen, so wild und un 
glücklich wie noch nie in seinem Leben. Lange, lange 
dauerte das. Der Revolver war auf den Boden gefallen, 
er dachte nicht mehr daran. Dann rutschte auch das tote 
Dackeli hinunter und lag auf den gelben und roten Wein 
blättern. Das brachte den Mann zu sich. Langsam stand 
er auf und ging ein paar Schritte den Gang hinunter. 
Da stand plötzlich Eva, aus einem Seitenweg tretend, vor 
ihm. Entsetzt fuhr sie zusammen, als sie ihn so blut 
überströmt sah. Sie umklammerte seine Hände, hilllos 
sahen die guten, treuen Augen zu ihm auf. „Was, was 
ist,“ stammelte sie. Er konnte nicht antworten. Sie flehte; 
„Um Gotteswillen, was ist mit Ihnen geschehen? Sind sie 
verwundet oder —?“ Jetzt kamen die Tränen. „Oh, bitte 
kommen Sie schnell ins Haus, dass wir Ihnen helfen 
können.“ Stumm drehte sich der Rittmeister um und 
führte sie an die Bank. Da lag Dackeli, alle Viere von 
sich gebreitet im Laub in der hellen Sonne. Eva sah es, 
sah das Blut, den Revolver und mit dem Instinkt der Liebe 
wusste sie alles!“ „Gott sei Dank, dass es so kam,“ sagte 
sie kaum hörbar und ihre Augen strahlten und jubelten. 
Der Rittmeister blickte sie an wie eine Offenbarung. Dies 
Mädchen da vor ihm hatte kein Wort für den geliebten 
Hund, nur weil er selbst lebte? Sein Leben war ihr etwas 
wert, war überhaupt jemand etwas wert? War er nicht 
allein? Brauchte er nicht allein zu bleiben? Doch! Er
        
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