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Full text: Berliner Leben Issue 18.1915

DACKELI. 
Von M. L. Evau. 
(Nachdruck verboten.) 
Es war ganz still in dem schönen Schloss — in dem 
grossen Park — schon seit Monaten, bald seit einem Jahre. 
Niemand wohnte mehr darin ausser dem alten Gärtner 
und dem Dackeli Der war lange suchend umhergeirrt 
nach der lieben, schönen Frau, nach den Kindern, die 
nicht wieder kamen. Es war einsam und ruhig — an 
das dumpfe Rollen, das immerwährend in der Ferne grollte, 
hatte man sich gewöhnt. Die Sonne lag über dem Park 
heiss und strahlend. Dackeli hatte sein Lieblingsplätzchen 
aufgesucht beim grossen Sandhaufen vor der Wiese. 
Täglich hatte er in der ersten Zeit des Alleinseins dort 
gelegen, wo er eine Puppe gefunden und einen Beutel. 
Die dufteten so süss, wie die Frau und die lustigen Kinder, 
und wenn er seine Nase darauflegte und die Augen fest 
schloss, so dachte er, ganz, ganz nahe bei der geliebten 
Herrin zu sein! Schnee und Regen weichten im Winter 
den Platz ein, Dackeli blieb beim Gärtner am Ofen, den 
Kopf zwischen den Pfoten — träumend von schönen 
Tagen. Als die Sonne wieder kam, die Wiese wieder 
grün wurde und stets zur selben Zeit der schöne heisse 
Sonnenfleck am Sande lockte, da kam auch der Dackel 
wieder dorthin und schob sich dicht an den verschrumpften 
Beutel. Der Duft war entschwunden, aber die Erinnerung 
lebte in dem klugen Hundeherzen. 
Auch dieser Sommer war fast vergangen, das Grollen 
und Rollen wurde täglich stärker, und Dackeli hob den 
Kopf in die Höhe und knurrte leise. Der Gärtner sass 
bei ihm auf der Bank. „Ruhig, Dackeli“ sagte er und 
schaute ängstlich auf, „lange werden wir nicht mehr hier 
bleiben können, der Feind ist ganz nahe!“ Er sann vor 
sich hin. Da war so vieles, was nicht in seinen alten Kopf 
hinein wollte. Der Feind, das waren die Deutschen — das 
waren die Freunde und Brüder seiner lieben, guten Herrin, 
die oft hier gewesen zu fröhlichen Zeiten. Diese Freunde — 
es waren die E'einde, gegen die der Herr ausgezogen war 
zu kämpfen — die E'einde, die schon seinen Enkelsohn 
getötet hatten! — Es war so schwer, darüber nachzudenken. 
Man machte es am besten wie der Dackeli, legte sich in 
die Sonne und wärmte sich. Ein lautes Zischen und 
Krachen^— ein Schlag; In tausend Stücke zerbarst die 
grosse Eiche, unter der der Gärtner gesessen. Schwer 
fiel der mächtige Ast auf den alten Mann und löschte alles 
Nachdenken bei ihm für immer aus. Dackeli sprang auf 
und schüttelte sich;. Zweige, Laub und Sand waren auf ihn 
geflogen. Dann stiess er einen lauten Klageton aus und 
legte sich neben seinen letzten E'reund. Er wusste, dass 
er ihn verloren hatte. Ruhig blieb er liegen, während 
der Lärm immer stärker wurde. Vom Schloss her 
leuchteten Flammen. Andere Bäume stürzten. Man schoss 
von allen Seiten. Line Menge Menschen stürmte durch 
den Park. Dackeli sah nicht nach ihnen hin; er wich 
nicht von der Leiche. Er dachte nicht an sein Futter, 
nicht daran, dass das Sonnenplätzchen schon lange weiter 
gerückt und dann ganz verschwunden war. 
Die Deutschen waren Sieger geblieben, Schloss und 
Park in ihren Händen. Man hatte den Brand gelöscht 
und freute sich, wieder einmal ein schönes Nachtquartier 
zu haben. Ein paar Offiziere gingen noch durch den Park 
und fanden den Dackeli die Totenwacht haltend. Mit 
Mühe nur trennten sie ihn von der Leiche und brachten 
ihn ins Schloss; knurrend setzte er sich zur Wehr. Ein 
junger Leutnant sprang auf, als er den Hund sah: „Wo 
habt Ihr den her? Das ist ja der Dackeli —“ Er nahm 
ihn in die Arme, und Dackeli liess es sich gern gefallen — 
er schmiegte sich an und grub seine Nase ganz, ganz tief 
in die Falten der Uniform. Er hatte bei dem jungen Mann, 
der schmutzig und staubig aus dem Schützengraben kam, 
den lieben Duft der Herrin wiedergefunden. — 
Am nächsten Tag wurde Dackeli in eine Kiste gepackt 
und erst nach langer, mühsamer Fahrt wieder daraus 
entlassen. Ein Brief war mit ihm abgegangen. 
Liebe Vera! Chateau Bois ‘ 
Du wirst staunen, wenn Du die Ueberschrift dieses 
Briefes siehst. Wir sind stark vormarschiert, und ich liege 
in E'eindesland bei meiner eigenen Schwester in Quartier! 
Das Schloss hat ein paar Granaten bekommen, ist aber 
im ganzen unversehrt. Eva mit den Kindern ist wohl 
noch im Süden Frankreichs, wie Du einmal hörtest, und 
ihr Mann ist an der E'ront und kämpft gegen uns! Näheres 
konnte mir hier Niemand sagen. Das sind schreckliche 
Zustände. Der alte Jean lag tot im Garten. Bei ihm fand 
ich Dackeli, das treue Hündchen, von dem Eva so oft 
schrieb. Er muss meine Verwandtschaft mit ihr gefühlt 
haben, denn er schloss sich sofort an mich an. Wir 
müssen heute weiter und deshalb schicke ich ihn Dir. 
Ein verwundeter Offizier wird ihn mitnehmen. Pflege ihn 
gut für Eva. Dein treuer Schwager Helmuth. 
♦ * 
* 
Dackeli wurde mit grosser Liebe aufgenoraraen. Eine 
heitere Frau hatte den Brief des Schwagers gelesen, hatte 
ihren Kindern davon erzählt, ihrem Mann, der auch im 
Felde stand, von dem Hunde seiner Schwester Eva ge 
schrieben. Dackeli lebte jetzt wieder in einem schönen 
Haus, es gab seidene Sessel, in die er sich einschmiegen 
konnte, es gab Kinderhände, die streichelten und zausten — 
ja, mit einem kühnen Satz konnte er den Schooss der 
neuen Elerrin erreichen und sich darauf zusammenrollen. 
Ihr Zanken war nicht ernst gemeint; er blieb ruhig liegen 
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und beantwortete ihre Vorwürfe mit eifrigem Schwanz 
wedeln. 
Am schönsten aber war es, wenn alles hinauszog in 
den strahlenden Sonnenschein. Der lag noch so heiss 
über den Hügeln, dass die Trauben gelb und süss wurden, 
und nicht Elände genug da waren, den Reichtum zu bergen. 
Da halfen sie alle mit aus dem grossen Hause, und 
Dackeli sprang selig zwischen den Stöcken herum, purzelte 
über die grünen Butten, warf das zweijährige Bübchen 
um, das noch nicht gar so sicher auf dem lehmigen Boden 
stand und benahm sich so wild, dass man einstimmig be 
schloss, Dackeli während der Lese einzusperren. Aber 
es ist nicht leicht, einen Hund gegen seinen Willen im 
Hause zu behalten, und kein Tag verging, dass nicht Dackeli 
in die Weinberge kam, wenn auch mit starker Verspätung! 
Seine grosse Freundin war die älteste Tochter des 
Hauses. Sie hatte sich des Dackeli besonders angenommen, 
da sie die Tante, der er gehörte, zärtlich liebte. Man 
sagte, dass sie dieser Tante, deren Namen sie trug, ähnlich 
sehe. Sie war schlank und fein gebaut wie das Dackeli; 
hatte so glänzend schwarze Haare und so treue, braune 
Augen; auch beweglich und lustig war sie wie er und so 
treu und anschmiegend. Der grosse Krieg hatte sie ernst 
und nachdenklich gemacht. Sie war erst 20 Jahre alt. 
Die Trennung von dem Vater, das Schicksal der Verwandten 
im feindlichen Land; die Sorgen der Mutter bei der Bewirt 
schaftung des grossen Besitzes — das alles gährte und 
arbeitete in dem klugen, schmalen Kopfe, so dass sie oft 
nicht einschlafen konnte, vor lauter Gedanken. Dackeli 
hatte bald herausgefunden, dass er ihr immer willkommen 
war. Er lag vor ihrer Tür und wartete, bis sie ihn ein- 
liess; dann gewann er mit weitem Sprung die'Sofaecke, 
wo all die weichen Kissen lagen und war glücklich. 
Und nach kurzer Zeit hatte Dackeli einen weiteren 
Freund. Gleich ihm kam er aus E'eindesland, noch sehr 
leidend von der Nachwirkung einer Verwundung. Gleich 
ihm kam er mit einem Begleitschreiben an Frau Vera. 
Ihr Mann bat sie, den Freund, an den er sich innig an 
geschlossen in langen Kriegsmonaten, bei sich aufzunehmen 
und gesund zu pflegen. 
Und wie der Dackeli so wurde Rittmeister von Haller 
schnell heimisch in dem schönen Haus. „Ich weiss nicht, wie 
ich Ihnen danken soll, meine gnädige Frau“, sagte er eines 
Tages zu Frau Vera. Sie gingen langsam den langen 
Traubengang im Garten entlang, in dem die Oktobersonne 
strahlte. „Sie ahnen garnicht, was Sie mir antun. Nicht 
nur dem Kranken, sondern dem Menschen! Ich habe 
keine Seele auf der Welt, kein Haus, kein Heim. Seit 
15 Jahren — seit ich die Schule und die Pensionsmutter 
verlassen — kenne ich keine Häuslichkeit mehr. Ich bin 
auch so eine verlassene Kreatur wie das Dackeli“. Er 
lächelte wehmütig und streichelte den Hund. Lebhaft und 
energisch fiel Frau Vera ein; „Das Dackeli wird nach dem 
Krieg seine Herrin wieder finden und Sie, lieber Haller, 
nun, Sie müssen sich halt auch eine Herrin suchen, die 
Ihnen eine Häuslichkeit gibt und Ihre schwarzen Gedanken 
vertreibt“. 
Der Gärtner kam herbei mit einem Anliegen, und Ritt 
meister von Haller blieb allein mit dem Hund. Er setzte 
sich auf die Bank am Ende des Ganges, von wo man
        
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