Path:

Full text: Berliner Leben Issue 18.1915

gegangenen Truppen des Generalobersten v. Woyrsch 
dringen unter hartnäckigen Kämpfen nach Osten vor; 
alle Gegenangriffe eiligst herangeführter russischer Ver 
stärkungen scheiterten völlig. Die Zahl der Gefangenen 
ist aut 7 Offiziere (darunter 1 Regimentskommandeur) 
und 1600 Mann gestiegen. Während der Kämpfe der 
deutschen Truppen bei Biskupice-Piaski am 30. Juli 
sind 4930 Gefangene gemacht und fünf Geschütze, acht 
Maschinengewehre erbeutet. 
1. August, Eine Kundgebung unseres Kaisers. An 
das deutsche Volk! Ein Jahr ist verflossen, seitdem 
Ich das deutsche Volk zu den Waffen rufen musste. 
Eine unerhört blutige Zeit kam über Europa und die 
Weit. Vor Gott und der Geschichte ist Mein Gewissen 
rein; Ich habe den Krieg nicht gewollt. Nach Vor 
bereitungen eines ganzen Jahrzehnts glaubte der Ver 
band der Mächte, denen Deutschland zu gross geworden 
war, den Augenblick gekommen, um das in gerechter 
Sache treu zu seinem österreichisch-ungarischen Bundes 
genossen stehende Reich zu demütigen oder in einem 
übermächtigen Ringe zu erdrücken. 
Nicht Eroberungslust hat uns, wie Ich schon vor 
einem Jahre verkündete, in den Krieg getrieben. Als 
in den Augusttagen alle Waffenfähigen zu den Fahnen 
eilten und die Truppen hinauszogen in den Verteidigungs 
kampf, fühlte jeder Deutsche auf dem Erdball, nach 
dem einmütigen Beispiele des Reichstags, dass für die 
höchsten Güter der Nation, ihr Leben und ihre Freiheit, 
gelochten werden musste. Was uns bevorstand, wenn 
es fremder Gewalt gelang, das Geschick unseres Volkes 
und Europas zu bestimmen, das haben die Drangsale 
Meiner lieben Provinz Ostpreussen gezeigt. Durch das 
Bewusstsein des aufgedrungenen Kampfes ward das 
Wunder vollbracht: der politische Meinungsstreit ver 
stummte, alte Gegner fingen an, sich zu verstehen und 
zu achten, der Geist treuer Gemeinschaft erfüllte alle 
Volksgenossen. 
Voll Dank dürfen wir heute sagen: Gott war mit 
uns. Die feindlichen Heere, die sich vermassen, in 
wenigen Monaten in Berlin einzuziehen, sind mit 
wuchtigen Schlägen im AVesten und im Osten weit 
zurückgetrieben. Zahllose Schlachtfelder in den ver 
schiedensten Teilen Europas, Seegefechte an nahen und 
fernsten Gestaden bezeugen, was deutscher Ingrimm 
in der Notwehr und deutsche Kriegskunst vermögen. 
Keine Vergewaltigung völkerrechtlicher Satzungen durch 
unsere Feinde war imstande, die wirtschaftlichen Grund 
lagen unserer Kriegsführung zu erschüttern, Staat und 
Gemeinden, Landwirtschaft, Gewerbefleiss und Handel, 
Wissenschaft und Technik wetteiferten, die Kriegsnöte 
zu lindern. ATrständnisvoll für notwendige Eingriffe 
in den freien Warenverkehr, ganz hingegeben der 
Sorge für die Brüder im Felde, spannte die Bevölkerung 
daheim alle ihre Kräfte an zur Abwehr der gemein 
samen Gefahr. 
Mit tiefer Dankbarkeit gedenkt heute und immerdar 
das A aterland seiner Kämpfer, derer, die todesmutig 
dem Feind die Stirne bieten, derer, die wund oder 
krank zurückkehrten, derer vor allem, die in fremder 
Erde oder auf dem Grunde des Meeres vom Kampfe 
ausruhen. Mit den Müttern und Vätern, den AVitwen 
und Waisen empfinde Ich den Schmerz um die Lieben, 
die fürs Vaterland starben. 
Innere Stärke und einheitlicher nationaler AAGlle im 
Geiste der Schöpfer des Reichs verbürgen den Sieg. 
Die Deiche, die sie in der Voraussicht errichteten, dass 
wir noch einmal zu verteidigen hätten, was wir 1870 
errangen, haben der grössten Sturmflut der AVelt- 
geschichte getrotzt. Nach den beispiellosen Beweisen 
von persönlicher Tüchtigkeit und nationaler Lebenskraft 
hege Ich die frohe Zuversicht, dass das deutsche Volk, 
die im Kriege erlebten Läuterungen treu bewahrend, 
auf erprobten alten und auf vertrauensvoll betretenen 
neuen Bahnen weiter in Bildung und Gesittung rüstig 
vorwärts schreiten wird. 
Grosses Erleben macht ehrfürchtig und im Fierzen 
fest. In heroischen Taten und Leiden harren wir ohne 
Wanken aus, bis der Friede kommt — ein Friede, 
der uns die notwendigen militärischen, politischen und 
wirtschaftlichen Sicherheiten für die Zukunft bietet und 
die Bedingungen erfüllt zur ungehemmten Entfaltung 
unserer schaffenden Kräfte in der Fleimat und auf dem 
freien Meere. 
So werden wir den grossen Kampf für Deutschlands 
Recht und Freiheit, wie lange er auch dauern mag, in 
Ehren bestehen und vor Gott, der unsere AVaö'en weiter 
segnen wolle, des Sieges würdig sein. 
Grosses Flauptquartier, den 31. Juli 1915. 
Wilhelm I. R. 
1. August. Westlicher Kriegsschauplatz. Ein englischer 
Angriff gegen unsere neue Stellung bei Hooge brach 
völlig zusammen. Ebensowenig Erfolg hatten nächt 
liche Vorstösse der F'ranzosen gegen Souchez. Die 
Tätigkeit in der Luft war auch gestern rege, der eng 
lische Flugplatz St. Pol bei Dünkirchen wurde mit 
30 Bomben belegt. Ein deutscher Flugplatz bei Douai 
wurde ergebnislos von einem feindlichen Geschwader 
angegriffen, einer unserer Kampfflieger schoss hier ein 
feindliches Flugzeug ab. Ein französischer Flugplatz 
bei Nancy wurde heute früh mit 103 Bomben beworfen, 
18 Treffer sind in den Zelten beobachtet, die zur Ab 
wehr aufgestiegenen feindlichen Flugzeuge konnten den 
Angriff nicht hindern. Sechs deutsche Flugzeuge 
griffen über Chateau-Salins fünfzehn französische an; 
in dreiviertelstündigem Kampf wurden mehrere feind 
liche Flugzeuge zu Notlandungen gezwungen. Als ein 
weiteres feindliches Geschwader in das Gefecht eingriff, 
zogen sich unsere Flieger ohne Verluste zurück. Nörd 
lich von Saargemünd musste ein französisches Flugzeug 
landen; die Insassen sind gefangen. In den Argonnen- 
kämpfen vom 20. Juni bis 20. Juli nahmen wir 125 Offi 
ziere, 6610 Mann gefangen und erbeuteten 52 Maschinen 
gewehre sowie sehr zahlreiches sonstiges Material. — 
Oestlicher Kriegsschauplatz. Im Juli wurden zwischen 
Ostsee und Pilica 95023 Russen gefangengenommen, 
41 Geschütze (darunter zwei schwere), 4 Minenwerler 
und 230 Maschinengewehre erbeutet. Südöstlicher 
Kriegsschauplatz. Unsere nördlich von Iwangorod über 
die Weichsel vorgegangenen Truppen wiesen heftige 
feindliche Gegenangriffe ab. Beim Nachstoss eroberten 
wir die Höhen bei Podzamcze und machten mehr als 
1000 Gefangene. Zwischen oberer Weichsel und Bug 
stellte sich der Feind gestern erneut. Deutsche Truppen 
warfen ihn im Laufe des Tages aus seinen Stellungen 
bei Kurow (östlich von Nowo-Alexandrija), südlich von 
Lenczna, südwestlich und südlich von Cholin sowie 
südwestlich von Dubienka. Der Feind hat darauf 
beiderseits des Bug und auf der Front zwischen Bug 
und südlich Lenczna den Rückzug fortgesetzt. Cholm 
ist in der Verfolgung bereits durchschritten. Auf dem 
südöstlichen Kriegsschauplatz fielen im Juli in die Hände 
der deutschen Truppen: 323 Offiziere, 75719 Mann, 
10 Geschütze und 126 Maschinengewehre. 
2. August. Im AVestteil der Argonnen setzten wir uns 
durch einen überraschenden Bajonnettangriff in Besitz 
mehrerer feindlicher Gräben, nahmen dabei vier Offiziere, 
142 Mann gefangen und erbeuteten ein Maschinen 
gewehr. Am Abend griffen die F'ranzosen in den 
Vogesen abermals die Linie Schratzmännle-Barrenkopf 
an. Die ganze Nacht wurde dort mit Erbitterung ge 
kämpft. Der Angreifer ist zurückgeworfen. — Oest 
licher Kriegsschauplatz. Mitau wurde gestern von 
unseren Truppen nach Kampf genommen. Die Stadt 
ist im allgemeinen unversehrt. Oestlich von Poniewiez 
haben sich Kämpfe entwickelt, die einen für uns 
günstigen Verlauf nehmen. Nordöstlich von Suwalki 
wurde die Höhe 186 (südöstlich von Kaletnik) erstürmt. 
Nordwestlich von Lomza erreichten unsere Truppen, 
nachdem an verschiedenen Stellen zäher russischer 
Widerstand gebrochen war, den Narew. Ein Olfizier, 
1003 Mann wurden von uns gelangengenommen. — 
Südöstlicher Kriegsschauplatz. Nördlich anschliessend 
an die am 31. Juli eroberten Höhen bei Podzamcze 
drangen gestern Truppen des Generalobersten von 
Woyrsch unter heftigen Kämpfen durch das AValdgelände 
nach Osten vor. Der weichende Feind verlor 1500 Mann 
an Gefangenen und 8 Maschinengewehre. Vor Iwangorod 
lieferten österreichisch-ungarische Truppen siegreiche Ge 
fechte; der Halbkreis um die Festung zieht sich enger, 
3. August. Die am 30. Juli bei Hooge genommene englische 
Stellung ist, entgegen dem amtlichen Bericht des englischen 
G. Schlechten 
Gegründet 1853 
Hol - Pianolorte - Fabrikant 
BERLIN SW. 68 
nur; Kochstr. 62
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.