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Full text: Berliner Leben Issue 18.1915

am Tage, an dem die Scheidung rechtskräftig geworden 
war den Rest von 19,000 Mark in bar. Ich hatte dazu 
einen la Trau-Anzug bekommen, und die Ringe steckte 
uns der Schwiegerpapa auf der Fahrt zum Standesamt an 
die Finger. Wir wurden in Jena getraut und in Leipzig 
geschieden — alles im Spätherbst und Winter, wenn 
ich hier leicht ertbehrlich bin. Niemand, auch hier mein 
Chef nicht, hat eine Ahnung von allen meinen Hochzeiten 
und Scheidungen, die sich alle in gleicher Weise vollzogen, 
nur — dass das .Honorar' etwas schwankte von Fall zu 
Fall, und der Schauplatz der Handlung wechselte.“ 
„Ja aber Fürchtegott“ — rief ich endlich — „wenn 
Sie nun mal auf Ihr Recht gepocht hätten und sich nicht 
hätten scheiden lassen?“ 
„Das war alles viel zu fein klauseliert 1 Das wär’ mir 
nicht gut bekommen! Und dann, das bare Geld war mir 
immer lieber. Ich hatte nun einen Beruf, der seinen 
Mann nährt. Und was sollte ich denn auch mit den alten 
feinen Stadtmamsellen ? Ich bin ein Bauer und will ein 
Bauer bleiben. Meine Vorfahren waren alle Landjunker.“ 
„Wie kam’s denn, dass Sie ..." 
„Mein Grossvater war schon ganz verarmt und mein 
Vater hatte schon nichts mehr gelernt. Er war Laternen- 
anstecker, aber ein ehrlicher Mann, der seinen Adel auf 
recht erhielt. Das ist mir nun zugute gekommen! “ 
„Es waren immer Damen, die zufällig hier auf Sommer 
frische waren ? “ 
„Ja, fast alle Jahr kommt mal so was!“ 
„Und Sie meinten nun ich wäre auch so was?“ 
„Warum denn nicht? Das erfährt kein Mensch! Ich 
bin nicht neugierig und kann schweigen. Ich weiss von 
keiner meiner F'rauen wo und wie sie leben. Es giebt 
wohl so Allerlei in der Welt wovon ich wenig Ahnung 
habe! Ueberlegen Sie es sich — im November könnte 
die Hochzeit sein!“ 
„Ich will Ihnen mal was sagen Baron: in Anbetracht 
dieser kuriosen Welt verüble ich Ihnen Ihre Ungezwungen 
heit nicht weiter. Ich möchte Ihnen aber doch für später 
raten abzuwarten, bis man Ihnen diese aussergewöhnliche 
Offerte macht.“ 
„Der Letzten habe ich mich auch angetragen. Sie 
kam wohl auch nicht selbst darauf. Sie nahm gleich an!“ 
„Leider muss ich ablehnen — schon weil Sie mir viel 
zu teuer sind“, lachte ich, packte meine sieben Sachen 
zusammen, und vergass sogar das Hinken bei dem 
Abgang. 
„Ja, billiger is’s nu nich ! Am besten is auch wohl 
ich mach’ Schluss, wenn ich selbst noch .... Das Mädel 
is Zweiundzwanzig — — •— viel Zeit zum warten hab’ 
ich nicht mehr, ich bin rund Fünfundvierzig! Aber Eine 
hält’ ich noch ganz gern mitgenommen bis ich hier ab 
breche in diesem Winter!“ -— 
Acht Tage später reiste ich ab. Baron Fürchtegott 
hat mich bis zur letzten Mahlzeit mit unbeweglichem Ernst 
tadellos bedient — nur eine Blume hat nie mehr neben 
meinen Teller gelegen. 
Im letzten Winfer wurde mir in sehr feudaler Ge 
sellschaft eine „Baronin Gähr“ vorgestellt. Ich verwickelte 
sie sofort in ein Gespräch. 
„Ist Ihr Herr Gemahl auch anwesend?“ fragte ich 
harmlos. 
„Ach nein — leider war ich ja nur ein Jahr verheiratet. 
Ich musste mich scheiden lassen -er ist unheilbar 
geisteskrank und kommt nie mehr aus der Anstalt heraus. 
Ja, man hat etwas durchgemacht!“ seufzte die noch sehr 
gut aussehende Baronin. Sie war in Damast und Spitzen 
gehüllt und trug köstliche Diamanten. Ihr wurde sehr 
der Hof gemacht, und eine altadlige Exellenz schien sich 
durchaus ernsthaft um sie zu bewerben — es braucht den 
stattlichen Herrn General nicht zu kümmern, dass ihre 
Mutter eine übel beleumdete Budike geführt hatte, eine 
Goldgrube. Seine Zukünftige trägt den stolzen Namen 
der Freiherren Fürchtegott Geliert von Gähr! Und ich 
sah den ganzen Abend neben ihr (in seinem untadeligen 
Trau-Anzug aus allererster Ehe) Baron Fürchtegott den 
alten Gargon. Dachte an seine jeder Geisteskrankheit 
fernstehende gesund-nüchterne Vernunft dachte 
an seinen winkenden schönen Bauernhof an sein 
junges frisches Mädel, die werdende Ahn-Mutter eines 
neu erstehenden Geschlechtes, das die Brücke zum alten 
Urstamm zurückschlägt, um vielleicht wieder ein grosses, 
kühnes verdienstvolles Geschlecht zu werden. — — — 
Und ich dachte; das Leben ist ein grosses Rechen 
exempel — wohl dem, dem es restlos aufgeht! 
20. Mai. Oestlich Jaroslau und bei Sieuiawa wurden 
starke russische Angriffe unter schweren Verlusten 
des Feindes zurückgeschlagen. In den Kämpfen am 
oberen Dnjestr weitere 5 600 Gefangene. Die Russen 
wurden in einem Abschnitt nördlich Sambor aus ihrer 
Hauptverteidigungsstellung geworfen, eine Ortschaft 
zehn Kilometer südwestlich Mosciska erstürmt. Nördlich 
Kolomea brachte ein kurzer Gegenstoss 1400 Gefangene. 
22. Mai. Südwestlich Lille und in den Argonnen ver 
wendete der Feind Minen mit giftigen Gasen. (Oestlicher 
Kriegsschauplatz). Westlich der Windau in Gegend 
Schawdiny kam es zu Reiterkämpfen, bei denen ein 
Regiment der russischen Ussuri-Reiter-Brigade auf 
gerieben wurde. 
23. Mai. Italien erklärt Oesterreich-Ungarn den Krieg. 
Nachfolgend der Text der Kriegserklärung; Am 4. d. M. 
wurden der K. und K. Regierung die schwerwiegenden 
Gründe bekanntgegeben, weshalb Italien im Vertrauen 
auf sein eigenes Recht seinen Bündnisvertrag mit 
Oesterreich-Ungarn, der von der K. und K. Regierung 
verletzt worden war, für nichtig und von nun an 
wirkungslos erklärt und seine volle Handlungsfreiheit 
in dieser Hinsicht wieder erlangt hat. Fest entschlossen, 
mit allen Mitteln, über die sie verfügt, für die Wahrung 
der italienischen Rechte und Interessen Sorge zu tragen, 
kann die Königliche Regierung sich nicht ihrer Pflicht 
entziehen, gegen jede gegenwärtige und zukünftige 
Bedrohung zum Zwecke der FIrfüllung der nationalen 
Aspirationen jene Massnahme zu ergreifen, die ihr die 
Ereignisse auferlegen. Seine Majestät der König erklärt, 
dass er sich von morgen ab als im Kriegszustände mit 
Oesterreich-Ungarn befindlich betrachtet. 
24, Mai. Die österreichisch-ungarische Flotte hat in der 
auf die Kriegserklärung folgenden Nacht vom 23. auf 
den 24. Mai eine Aktion gegen die italienische Ostküste 
zwischen Venedig und Barletta unternommen und hier 
bei an zahlreichen Stellen militärisch wichtige Objekte 
mit Erfolg beschossen. Gleichzeitig belegten unsere 
See-Flugzeuge die Ballonhalle in Chiaravalle sowie 
militärische Anlagen in Ancona und das Arsenal in 
Venedig mit Bomben, wodurch sichtlicher Schaden und 
Brände verursacht wurden. — An einzelnen Stellen 
der Tiroler Grenze haben kleinere Kämpfe begonnen. 
Im küstenländischen Grenzgebiet hat sich italienische 
Kavallerie beim Grenzort Strassoldo gezeigt. 
25. Mai. An der Dubissa östlich Rossienie, östlicher 
Kriegsschauplatz, griffen unsere Truppen gegenüber 
stehende starke russische Kräfte an, schlugen sie und 
warfen sie unter empfindlichen Verlusten über den 
Fluss. 2 240 Gefangene und fünf Maschinengewehre 
wurden erbeutet. — Die Armee des Generalobersten 
von Mackensen hat gestern nördlich von Przemysl die 
Offensive erneut aufgenommen. Der Angriff führte 
wieder zu einem vollen Erfolge. Die stark befestigten 
Orte Drohojow, Ostrow, Rodymno, Wysocko, Wietlin, 
Makowisko und die Höhen nordwestlich Bobrowka 
sowie östlich Cetula wurden stürmender Hand ge 
nommen. Bisher fielen 153 Offiziere und über 21 000 
Mann als Gefangene, 39 Geschütze, darunter neun 
schwere, und mindestens 40 Maschinengewehre den 
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