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Full text: Berliner Leben Issue 18.1915

Baron Fürchtegott 
von Edela Rüst. 
(Nachdruck verboten.) 
Irgendwo im Thüringischen auf einem hübschen Erden 
fleck steht ein Gasthof, in dem im Winter nur die Dörfler, 
im Sommer aber die kurgastliche vornehme Welt verkehrt, 
und ihren Abendschoppen auf weinumrankter geräumiger 
Veranda trinkt. 
Mit vielen Anderen ass auch ich dort zu Mittag. Erstens 
fanden wir den Blick von der Veranda auf die weiten 
Waldwiesen, wo schöngefleckte Kinder weideten und sich 
in der Sonne wälzten/sehr erfrischend. Dann war das 
Essen vorzüglich, und drittens hatte ich im besonderen 
ein Auge auf den Kellner geworfen. 
Dieser Kellner war mit der Wirtschaft verwachsen und 
alt geworden. Er wurde von allen einfach „Fürchtegott“ 
gerufen und nach Kräften angeulkt Er ulkte wieder, und 
hatte auch sonst wenig Kavaliersreste in seinem Umgang 
mit der Menschheit. Und doch wusste Jeder: Fürchtegott 
ist ein Freiherr von Geburtl 
Nur wenn er, in seltener Ruhepause, an den Türpfosten 
gelehnt, ein Bein über das andere geschlagen, seine schmalen 
immer noch feingliedrigen runzeligen Hände lässig in die 
Taschen seiner leicht korkzieherigen Hosen versenkte, war 
so etwas in der ganzen Profillinie dieses hageren Menschen, 
das immer noch den Gedanken an ein Rassepferd auf- 
kommen liess. 
Nicht, dass ich eine Tragödie in ihm vermutete — 
er machte einen mit sich und der Welt durchaus zu 
friedenen Eindruck. Aber ich verulkte ihn nicht, und 
fesselte durch tägliche Verabfolgung eines verhältnismässigen 
Trinkgeldes seine Aufmerksamkeit. 
„Das sind die einzig anständigen Gäste, die daran 
denken, dass jeder Tag seine Anforderungen stellt — 
auch an den Kellner! Die da gleich sagen: ,ich zahle 
wenn ich abreise .... wenn Sie mich gut bedient haben 
sollen Sie es nicht bereuen!’ Die Sorte kennt man! Ent 
weder sie drücken sich ganz und gar, sie sind eben eines 
Tages weg. Oder sie lassen grossmütig eine Mark in die 
Hand gleiten — nach vier bis sechs Wochen dreimal 
täglicher Bedienung, womöglich noch für eine vielköpfige 
Familie! “ 
Wir fanden uns also auf diesem Wege, ich wurde 
stets tadellos bedient und begrüsst, und — zuweilen lag 
sogar eine duftende Blume neben meinem Teller. 
„Na also schauen’s, Sie werden den Vogel abschiessen 
und Baronin werden!“ uzte mich ein Nachbar dann, der 
mir viel weniger sympathisch war als Fürchtegott. Und 
eines Tages sagte er es so laut, dass Fürchtegott es hören 
musste. Er sah den Sprecher an und sagte mit seinem 
unbeweglichsten Gesicht: „Das giebt’s alles Herr Hofrat!“ 
„Also Fürchtegott keine Anzüglichkeiten! Sie vergessen 
wohl wer Sie sind, was? “ 
Da reckte Fürchtegott sich zu seiner ganzen Höhe auf. 
In der Rechten einen dampfenden Suppenteller, auf der 
Linken das Tablett mit der Gefolgschaft, sagte er, dass 
es über die Veranda schallte: „Niemals Herr Hofrat! Ich 
bin immer noch F'reiherr Fürchtegott Geliert von Gähr!“ 
Wieherndes Gelächter ringsum, in das Furchtegott un 
geniert mit einstimmte und ruhig weiter servierte. Der 
Hofrat machte sein dümmstes Gesicht, das er zur Ver 
fügung hatte und löffelte seine Suppe hastig aus. 
Mir wurde es immer mehr zur Gewissheit, dass doch 
irgend etwas Aussergewöhnliches hinter diesem alten 
Gargon zu suchen sei, und ich wollte doch endlich da 
hinter kommen. So fand ich mich eines Tages zur Kaffee 
zeit ein, um welche Stunde alles auf dem Nachmittags 
ausflug war. 
Ich sagte Fürchtegott, der mich erstaunt lächelnd 
begrüsste, dass ich mir den F'uss etwas verletzt hätte und 
ihn ruhen wollte. Ich markierte mein Leiden durch einen 
Badepantoffel und trat mit dem linken Fuss „ein bischen 
kurz“. 
Als Fürchlegott mir den Kaffee brachte, hatte ich mich 
in der gemütlichsten Veranda-Ecke auf dem Sofa mit Buch 
und Zeitung etabliert, und hatte das bestimmte Gefühl: 
du erlebst jetzt etwas! 
Kaum waren zehn Minuten vergangen, als Furchtegott 
zu mir herauskam und sich hinter den mir nächsten Stuhl 
stellte. Er rieb mit beiden Handflächen auf der Lehne 
herum, räusperte sich und sagte trocken; „Wir haben 
nicht viel Zeit — ich muss bald alles für den Abend 
herrichten.“ 
„Was meinen Sie?“ „Wenn Sie wollen — Sie können 
Baronin werden! 1000 Mark am Trauungstag, und — 
5000 nach ausgesprochener Scheidung sie müssen 
beim Rechtsanwalt deponiert liegen.“ 
Ich hatte das Empfinden, als fiele ich mitten durch 
dasSofa hindurch und hinge hilflos zwischen denTrümmern 
eingeklemmt, zappelnd, sprachberaubt und denkunfähig. 
„Nu wie . . . !? Von fünf Frauen bin ich schon ge 
schieden — — — Sie sind gut dabei gefahren — — — 
sie mussten die ,Baronin’ doch zu etwas brauchen. Und 
ich bin gut dabei gefahren! Zwei haben mir das Dreige 
doppelte bezahlt. Ich könnte mich heute schon zur Ruhe 
setzen. Aber ein oder zweimal möchte ich das Geschäft 
noch ganz gern machen — — ■— dann habe ich reichlich 
130,000 Mark und — dann kaufe ich mir ein erstklassiges 
Bauerngut, und — heirate endlich ganz ernsthaft ein 
liebes Bauernmädel vom Nachbardorf, und — gründe 
wieder ein neues Geschlecht der Freiherren von Gähr! 
Das Geschlecht ist im Aussterben. Ein Vetter ist in 
Amerika, ich weiss nicht ob er noch lebt oder Familie 
hat. Ein zweiter Vetter lebt in Wien als mittlerer Beamter 
und sein einziger Sohn ist Schwindsuchtskandidat.“ 
Ich hatte mich nun doch so weit ermannt, dass ich 
mich, auflachend, in die andere Sofaecke warf. 
„Da ist garnichts zu lachen! Ich selbst wäre ja wohl 
nie darauf gekommen. Aber da war wohl vor Jahren 
ein schwerreicher Mann mit einer alten hässlichen etwas 
buckeligen Tochter hier auf Sommerfrische. Der bot mir 
20,000 Mark für das Geschäft. 1000 Mark vor der Tür 
zum Standesamt. Sofort nach Standesamt meinerseits bös 
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