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Full text: Berliner Leben Issue 17.1914

Das neue Problem. 
In unermüdlicher Geschäftigkeit baut sich die Zeit ihre Probleme. 
Häufig genug sind es solche, die im Fluge aus dräuenden Zukunfts 
sorgen sich in belächelte Besorgnisse von ehegestern verflüchtigen. Hin 
und wieder dagegen wäclist umgekehrt auch aus zunächst unbeachteten 
Anfängen ein Problem empor, das als immer mehr sich verdichtender 
Schatten uns durch die Zeit begleitet. Ob ein Problem zur ersteren 
oder letzteren Gattung gehört, ist nicht schlechthin mit unanfechtbarer 
Sicherheit zu entscheiden, und die Auffassung, dass die praktische Aus 
einandersetzung mit der Trustidee unser wichtigstes volkswirtschaft 
liches Problem des 20. Jahrhunderts sein wird, hat deshalb wohl 
mit Widerspruch zu rechnen. Unsere Zeit ist reichlich superlativistisch. 
Ohne Superlativ ist die Ankündigung einer neuen Stiefelschmiere eben 
sowenig denkbar wie die eines neuen Balletstars. Man mag schon 
darin Anzeichen von Amerikanisierung unseres Denkens sehen, mag in 
weiterem Rahmen die Erscheinung ansprechen als Beweis dafür, dass 
die Oermanisierung des amerikanischen Kontinens allgemach umschlägt 
in die Amerikanisierung der germanischen Welt, die schon vor rund 
einem Dutzend von Jahren der der mit Titanic begrabene William T. 
Stead als die „Marschroute des 20. Jahrhunderts“ bezeichnete*). 
Einstweilen brauchen wir uns allerdings erst zu gestehen, dass wir mit 
der Vorliebe für den Superlativ von den Amerikanern nicht minder 
die Neigung zu leichtvergessender Gleichgültigkeit übernommen haben: 
Wir nehmen mit brennender Neugier, flammender Begeisterung oder 
quälender Besorgnis das Neue ekstatisch auf, um ebenso schnell Be 
geisterung wie Neugier oder Besorgnis fallen zu lassen. Pegoud wie 
Bredereck oder die Sorge um die Geburtenziffer, alles nimmt uns für 
*) William T. Stead, Die Amerikanisierung der Welt. Berlin 1901. 
den Augenblick mit jeder Fiber gefangen, ist eines wie das andere 
gleich schnell vergessen. 
Diese kaum zu leugnende Neigung, Wert und Bedeutung von 
Dingen und Problemen in erster Linie ihrer Sensationskraft geich 
zusetzen, birgt nun wohl ebenso zweifellos die Gefahr in sich, dass 
sensationslos sich vollziehende Vorgänge und Entwickelungen ungestört 
Boden zu gewinnen vermögen, und die Notwendigkeit von Korrek 
turen erst erkannt wird, wenn es zu spät oder wenigstens schon sehr 
spät dafür ist. So eben steht es vielleicht mit dem Trustproblem. 
Trustwirtschaft wirkt als Sensation erst, wenn sie zu einer gewissen 
Blüte gediehen ist. Ihre Vorstadien nehmen das allgemeine Interesse 
nur in geringem Grade in Anspruch. Die Zusammenballung wirtschaft 
licher Unternehmungen ist eine alltägliche Erscheinung geworden. Ob sie 
im einzelnen Fall durch Kartellierung oder Trustierung sich vollzieht, wird 
selten bekannt. Die Trustmanager geben sich sogar die grösste Mühe, 
die Oeffentlichkeit über das Wachsen ihres Einflusses zu täuschen. 
Das entscheidende des Trustproblems lässt sich in einem kurzen Wort 
zusammenfassen: Trustherrschaft ist genau so gut wirtschaftlicher 
Absolutismus wie jener fürstliche Absolutismus es war, der bis 
zum Ausgang des 18. Jahrhunderts dem Merkantilismus als höchster 
volkswirtschaftlicher Weisheit huldigte. Der Unterschied ist allein der, 
dass der fürstliche Absolutismus die Staatswohlfahrt wenigstens zu 
pflegen wähnte, während die Triebfeder des Trustabsolutismns ganz 
persönlicher Egoismus ist. Unter wirtschaftsethischen Gesichtspunkten 
wäre also schnell genug der Stab über das Trustproblem gebrochen. 
Ethik und Moral sind aber Aschenbrödel nicht nur des parteipolitischen, 
sondern auch des wirtschaftlichen Lebens. Es wäre Träumerei, nach 
ihren Grundsätzen allein oder in erster Linie das Trustproblem erörtern 
zu wollen. Daher gilt es vor allem die weitere Frage, wie in jeder 
andern Hinsicht die Trustidee die Volkswirtschaftszustände eines Staates 
oder die wirtschaftlichen Beziehungen der Länder untereinander beein- I 
flusst. Ihre Beantwortung erst dürfte die massgebenden Aufschlüsse 
darüber geben, ob in irgend einem allgemein wertvollen Sinne der 
Sieg der Trustidee in einer Volkswirtschaft einen Fortschritt über ein 
früheres Entwickelungsstadium hinaus zu bedeuten vermag. Die „Trust 
Abwehr Korrespondenz“ glaubt diese Frage verneinen zu können und 
zu müssen, denn anders bestünde keine Veranlassung für sie, das 
allgemeine Interesse auf Vorgänge hinzulenken, die sich, teilweise mit 
ziemlicher Gelassenheit hingenommen, bereits abgespielt haben, oder, 
mit grösserer Aufmerksamkeit beobachtet, augenblicklich abspielen. Die 
deutsche Volkswirtschaft steht tatsächlich auf der Schwelle zur Trust 
wirtschaft, deren Vollendung Trustherrschaft sein müsste. Bis 
zu einem gewissen Grade hat hat schon der Kartellierungsprozess 
innerhalb unserer Volkswirtschaft sich zu trustähnlichen Formen ent 
wickelt, aber wichtiger, und sogar wichtiger unter ganz allgemein 
staatspolitischen Gesichtspunkten, ist noch, dass die deutsche Volks 
wirtschaft mehr und mehr zum Kolonisationsgebiet ausländischer — 
amerikanischer — Trusts wird. Die alte American Tabacco Co., die 
nur gesetzlich tot ist, im übrigen aber sich besten Wohlseins erfreut, 
bedrängt das deutsche Tabakgewerbe, und eine ganze Reihe anderer 
Industrien hat ebenfalls in der eigenen Heimat unter Angriffen ameri 
kanischer Trusts zu leiden. Ausserdem machen amerikanische Trust- 
einftüsse sich schon fast überall bemerkbar, wo weltwirtschaftliches 
Leben sich regt, so dass man buchstäblich bereits — um noch einmal 
William T. Stead zu zitieren — „von einem weltumfassenden Einfluss 
der überquellenden Kraftfülle der Vereinigten Staaten“ zu sprechen 
versucht ist. Ob das einen Segen bedeutet, ist freilich eine andere 
Frage; aber gerade deshalb ist es wohl nicht falsch, das Trustproblem 
als das volkswirtschaftliche Problem des 20. Jahrhunderts zu bezeichnen. 
Setzen wir uns also mit ihm auseinander, solange wir es noch zu 
meistern vermögen. Paul Zimmer mann. 
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