Path:

Full text: Berliner Leben Issue 17.1914

Noch r ehe Kesser antworten konnte, rief er über den 
Tisch: „Der Graf hat doch gespielt heute Abend, er hat 
auf rouge et noir gesetzt —„Ich habe nicht gespielt.“ 
Die Antwort kam so ruhig und schneidend, dass es um 
den letzten Rest von Beherrschung bei Gaston geschehen 
war. „Wollen Sie mich Lügen strafen?“ „Ich war nicht 
im Casino.“ „Nein. Trotzdem rouge et noir —“ „Das 
gehört nicht hierher.“ Der Kopf des jungen Offiziers 
glühte. Die Ruhe des Grafen reizte ihn zum Wahnsinn. 
Er schlug mit der Faust auf den Tisch. „Niemand hat 
mir zu verbieten, wenn ich über meine Cousine — “ 
„Schweigen Sie, dummer Junge!“ Halblaut, aber jedem 
verständlich war das Wort gefallen. Gaston kam zur Be 
sinnung, aber schon war der Graf aufgestanden und sagte 
ruhig: „Sie wissen meine Adresse“ und verliess den Raum. 
♦ 
* _ ♦ 
Am nächsten Tage erschien der Offizier sehr blass, 
den rechten Arm in der Binde, beim Lunch. „Ich bin 
etwas gekraxelt und habe mir das Schlüsselbein ge 
brochen,“ erklärte er. Hannah war voll Mitleid. „Armer 
Kerl, wäre es nicht das Beste, Du reist gleich ab und 
gehst in Berlin zu einem Chirurgen?“ „Ich glaube auch, 
es ist das Beste, ich reise ab.“ Er sah sie fest an. Kein 
Zug ihres Gesichts verriet tieferes Gefühl. „A propos, von 
abreisen,“ fiel Baron Legow ein, „Graf Kesser lässt sich 
Dir empfehlen, kleines rouge et noir, er ist heute auch 
fort.“ „Für immer?“ Der Ton sagte Gaston genug. 
„Onkel, ich nehme den Nachtzug.“ — 
♦ ♦ 
* 
Hannah fühlte sich todeinsam. Alle Bekannten waren 
abgereist. Die Tante kümmerte sich nicht mehr um Neu 
ankommende, seit Prinz Andro da war. Sie kümmerte 
sich auch kaum um Hannah. Der Baron kam nur ab 
zu, er war viel in Paris. 
* * 
Hannah sass auf ihrem alten Platz in den Anlagen am 
Meer. Ganz allein. Der Tante war es egal, was sie tat. 
Sie hörte Schritte und sah auf. Eine Blutwelle schoss 
ihr ins Gesicht, ihr Herz begann rasend zu klopfen. 
Lächelnd zog Graf Kesser seinen Hut. „Darf ich 
kommen?“ Strahlend reichte sie ihm die Hände. „Wie 
reizend, dass Sie wieder da sind. Ich war so allein.“ 
„Das habe ich in Paris von Ihrem Onkel gehört.“ „Und 
deshalb sind Sie gekommen?“ Wie kindlich diese Frage. 
„Vielleicht“, antwortete er und seine Augen blickten fest 
in die ihren. 
Sie waren immer den ganzen Tag zusammen. Hannah 
merkte nichts von dem Geflüster im Hotel. Aber der 
Graf war ausser sich über diese Rücksichslosigkeit gegen 
das arme Kind. 
Er wich nicht von ihrer Seite, aber er nahm öfters 
junge Amerikanerinnen mit zu den Spaziergängen. Hannah 
schmollte darüber. „Ich mag nicht Englisch sprechen, es 
ist viel netter, wenn wir allein sind.“ Der Graf sah auf 
die entzückende Gestalt in dem dünnen schwarzen 
Kleidchen, durch das die Haut rosig schimmerte. Er liebte 
sie, er hätte sie beschützen mögen, vor allem, was der 
Einsamen drohte. Aber ihre kindliche Zutraulichkeit 
schreckte ihn ab; noch liebte sie ihn nicht. 
Der Baron war wieder da. Aber es war nicht mehr 
gemütlich. Bei Tisch herrschte eine Spannung. Zwischen 
Onkel und Tante musste etwas nicht in Ordnung sein. 
♦ ♦ 
* 
Hannah liess sich von der Jungfer das Dinerkleid im 
Zimmer der Tante zumachen. Die war heute unruhig und 
unliebenswürdig. „Hannah, sobald wir nach Paris kommen, 
musst Du bunte Kleider haben — ich mag nicht, dass 
Du auch da als rouge et noir auftrittst.“ Dann plötzlich: 
„Heirate sobald wie möglich. Ich rate Dir gut —■ vielleicht 
zum letzten Mal.“ Ein Boy brachte ein paar Orchideen und 
ein Briefchen vom Prinzen Andro. Die Baronin las es. Das 
Silber und Glas auf der Toilette klirrte unter ihren nervösen 
Fingern. Sie befestigte die bizarren Blüten an dem tiefen 
Ausschnitt der Corsage. Dann gingen beide hinunter. 
♦ ♦ 
♦ 
Entsetzt starrte Hannah auf den Zettel, den die Jungfer 
ihr am nächsten Morgen ans Bett brachte. „Musste ganz 
plötzlich mit Tante abreisen. Ich weiss, Du hast noch 
genügend Geld. Bleibe ruhig hier, bis Du Nachricht 
erhältst von Deinem Onkel.“ 
Sie fuhr aus dem Kissen, dass der rote Zopf flog. Das 
war ja nicht möglich! Sie ganz allein in Monte Carlo! „Wann 
hat denn die Frau Baronin gepackt?“ Die Jungfer lächelte 
verlegen. „Ich habe nichts von der Tante gesehen, seit sie 
gestern mit dem gnädigen Fräulein zum Diner ging.“ 
Der Tag erschien Hannah endlos im Warten aui 
weitere Nachricht. Sie wusste, dass Graf Kesser am Morgen 
hatte nach Mentone fahren müssen. So fühlte sie sich 
vollständig verlassen. Grosse Sorge machte ihrem 
Kinderköpfchen die Geldfrage. Das Geld, von dem der 
Onkel geschrieben, hatte sie Gaston gegeben. Sie besass 
noch knapp zweihundert Francs. Und man bezahlte 
das Essen immer bar. Das hatte sie gesehen. Wie lange 
würde sie reichen? Am Nachmittag rief sie die Jungfer, 
um nicht ganz allein zu sein. Sie schickte zum Portier 
und liess sagen, man solle Graf Kesser, sobald er komme, 
ausrichten, sie erwarte ihn oben. Es dunkelte. Wenn der 
Graf erst in der Nacht zurückkäme? Oder erst in ein 
paar Tagen? Der Jungfer war die Sache sehr interessant. 
Sie fing an zu sprechen. Und bald erfuhr Hannah, was 
ihr das Herz Stillstehen liess; die Baronin war nicht mit 
ihrem Manne abgereist, sondern mit dem Prinzen Andro. 
Der Baron hatte es erst am Morgen entdeckt und war 
sofort abgefahren, um die Beiden noch einzuholen. Hannahs 
Gedanken verwirrten sich. Sie brach in Tränen aus. 
Da klopfte es. Die Jungler ging an die Tür. „Graf 
Kesser,“ — leiser, etwas spöttisch fügte sie hinzu: „er 
wird das gnädige P'räulein trösten,“ sie verschwand. 
Hannah hatte nur den Namen gehört. Sie sprang auf 
und stürzte dem Manne entgegen. Sie hätte sich in seine 
Arme geworfen. Aber er nahm ihre Hand fest in die 
seine. „Mein armes gnädiges Fräulein, ich habe erfahren, 
dass Sie ganz allein sind. Hätte ich geahnt —“ Hannah 
suchte sich zu fassen. Sie schluchzte; Ich — ich — weiss 
garnicht — wo — Onkel — ist. Er — hat — mich — hier 
gelassen.“ Llannahs schöne Gestalt im weichen Tea- 
gown mit dem winzigen Ausschnitt stand in rührender 
Hilflosigkeit vor dem Grafen. Der starke Mann bebte. Er 
tat sich Gewalt an, um sie nicht in seine Arme zu reissen. 
Sein Entschluss war gefasst. Er hatte jetzt ein Recht, dies 
verlassene Kind zur Frau zu begehren. In wessen Hände 
konnte sie sonst so unbeschützt geraten. Und er wusste, 
er konnte sie glücklich machen. Aber er wollte sie nicht 
überraschen. Er wollte geliebt werden. 
„Beruhigen Sie sich. Sie werden sicher bald Nachricht 
haben.“ „Die Jungfer hat mir gesagt, dass Tante“ — 
„Davon wollen wir garnicht sprechen!“ Er war wütend. 
Durch das Getratsche der Dienstboten musste sie solche 
Dinge erfahren. „Was hat Ihnen Ihr Onkel gesagt, dass 
Sie tun sollen?“ Sie reichte ihm den Zettel; da fiel ihr 
ihre Plauptsorge wieder ein. Sie stotterte: „Ich — ich 
habe das Geld garnicht mehr“ — „Es war nicht viel?, 
„Doch, aber ich habe Gaston fünftausend Francs ge 
geben.“— „Ihrem Vetter? Verd — Hat er gespielt?“ „Ja, 
der Arme tat mir so leid, er brauchte es sofort.“ Kesser 
rannte im Zimmer auf und ab. Dieser Vetter, an den er 
kaum mehr gedacht! Dieser grüne Junge, der keine 
Gewalt über sich hatte, der beim Champagner jeder 
Laune nachgab! Und so einen liebte sie vielleicht! Rasch 
wandte er sich wieder zu Hannah. „Ich stelle Ihnen 
selbstverständlich soviel Geld zur Verfügung, wie Sie 
brauchen bis Sie von ihrem Onkel hören. Und wenn 
Morgen noch keine Nachricht da ist — telegraphieren 
Sie am besten Ihrem Vetter und holen sich Rat.“ — 
„An Gaston?“ Die schönen Augen blickten erstaunt, fast 
verletzt. „Was soll denn der Junge mir raten?“ Sie fasste 
seine Hand. „Helfen Sie mir doch — bitte“ — „Sie 
meinen, der Alte kann das besser als der Junge?“ „Ich 
meine, dass ich mir nur von Ihnen helfen lassen will.“ 
Sie sah ihn gross und fest an. Der kindliche Ausdruck in 
den blauen Augen war verschwunden. Das war Liebe, was 
aus ihnen leuchtete. Er sah es. Da nahm er sie in seine 
Arme und küsste sie. „Hannah, Du sollst nie mehr allein 
sein, wenn Du mich lieb hast, wenn Du meine Frau 
werden willst.“ 
Ein Telegramm: „Erwarte Dreh morgen in Paris, 
Hotel Lotti, Onkel Legow.“ 
Dem Grafen entfuhr ein „Gott sei Dank!“ 
„Bestelle gleich das Packen, ich bringe Dich dann an 
den Zug.“ „Du fährst nicht mit?“ Eine Welt von 
Enttäuschung lag in den Worten. Leise küsste er sie 
auf die Stirn. „Ich komme morgen nach Du Kind — 
Du süsses rouge et noir.“ 
G.Schwechten 
nor PianororteTabriK 
Rerlin.:5.w.. gegründet r, 
iNochatraa^e 62 
nur
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.