Path:

Full text: Berliner Leben Issue 17.1914

„Wie lieb von Ihnen, dass Sie noch an den ver 
sprochenen Spaziergang gedacht haben.“ 
„Glauben Sie, so was könnte ich vergessen?“ „Die 
Tante meinte —“ „Was?“ „Nichts.“ „Doch! Sagen 
Sie es mir. Hat die Tante gemeint, ich würde es ver 
gessen?“ „Ja!“ „Sagen Sie Ihrer Tante, dass es Dinge 
gibt, die ein Mann gerne vergisst ■— andere, die er nicht 
vergessen wird. Hannah sah erstaunt auf. „Sie kennen 
die Tante schon von Amerika?“ „Ja.“ „Sie waren ein 
guter Freund von ihr und viel dort im Hause?“ „Gewiss.“ 
„Haben Sie schon gehört, dass mein Onkel ankommt?“ 
„Wirklich?“ Es klang wie ein Seufzer der Erleichterung. 
„Dann — dann wird' man Sie nicht mehr so viel allem 
lassen, armes Kleines, dazu kenne ich Ihren Onkel zu gut. 
Und ich werde abgesetzt werden.“ „Oh nein, ich werde 
ihm erzählen, dass Sie auch ein guter Onkel sind!“ Krach! 
da fiel das Zigarettenetui, das er eben hervorgeholt, auf 
die Chaussee. „Nun können Sie nicht rauchen,“ bedauerte 
Hannah „und sind sicher ungemütlich.“ „Ach was, alte 
Onkels dürfen sich nicht so gehen lassen. 
Plötzlich wurde es trübe, und fing heftig an zu regnen. 
Kesser bestand darauf, dass Hannah seinen langen Mantel 
überhing. Wie wohl seine Sorge tat! Die Tante war ja 
auch sehr lieb zu ihr — wenn sie Zeit hatte. Aber beim 
Grafen war es doch etwas anders — sie wusste selbst 
nicht, warum, woher das angenehme Gefühl des Geborgen 
seins an seiner Seite kam. Dankbar sah sie ihn an. 
Lange. Es überlief ihn. 
* * 
♦ 
„Gott sei Dank, dass Legow kommt,“ dachte der Graf, 
die nassen Kleider wechselnd. „So kann’s nicht weiter 
gehen. Sein Hiersein ist der beste Grund, mich endgültig 
von seiner Frau zurückzuziehen. Dass ich mir auch nur 
vierundzwanzig Stunden einbilden konnte, ich liebte sie 
noch! Die Kleine wird er auch nicht mehr so verlassen 
herumlaufen lassen. Wenn sie meine Nichte wäre —, 
wollte ich die Taffen jagen, die immer um sie herum 
sind“. Nichte? Fühlte er sich als Onkel ärgerlich, dass 
junge Leute ihr den Hof machten? War er zu alt, dies 
selbst zu tun? Er sah in den Spiegel. Die gelbliche 
Gesichtsfarbe, die kleinen schwarzen Augen, die verhauene 
Nase und grau wurde er auch schon — nein, er war kein 
„schöner, junger Mann“. Und sie achtzehn. Und so ein 
Kind! Das war eine Sünde.“ Er schellte; „Ich fahre für 
Heute nach Nizza, bestellen Sie Frühstück und Diner ab.“ 
♦ ♦ 
♦ 
Baron von Legow kam. Er störte die Tante nicht in 
ihrem Vergnügen. Für Hannah hatte er einen entfernten 
Vetter mitgebracht. Einen jungen Leutnant, frisch und 
lustig, der das Leben in Monte Carlo genoss und die 
Schönheit der rotblonden Cousine zu schätzen wusste. 
Hannah war selig. Sie spielten Tennis, segelten und 
fuhren im kleinen Motorboot auf dem blauen Meer. Der 
Onkel als stiller Begleiter genierte nicht. Nur wenn der 
Vetter den Verlockungen des Spiels nicht widerstehen 
konnte, sass Hannah einsam auf ihrer Bank und ihr fiel 
auf, dass Graf Kesser sie nie mehr abholte. 
* » 
♦ 
Hannah wartete im Schreibzimmer. Vetter Gaston 
wollte mit ihr Tennis spielen, und nun sass er noch im 
Casino. — Ihr Herz klopfte. Er würde sie wieder necken 
und seine blauen Augen würden strahlen. Die Tante 
hatte sie heute Morgen gefragt: „Gefällt Dir Gaston?“ — 
„Er ist reizend! Seit er da ist bin ich viel froher, ich 
wünschte er ginge nicht wieder fort.“ „Nun, vielleicht 
fällt Euch ein Mittel ein, dass Ihr immer zusammen 
bleiben könnt.“ 
Darüber hatte sie nachgedacht. Ja, sie hatte ihn wohl 
sehr lieb. — 
Da kam er. Endlich. Totenbleich! Schwer Hess er sich 
auf einen Sessel fallen. Sein Atem flog, seine Augen 
blickten stier. „Um Gotteswillen, was ist denn?“ „Ich — 
ich habe verloren —“ „Sehr viel?“ Ein Stöhnen die Ant 
wort. Vielleicht gewinnst Du morgen wieder.“ „Morgen — 
da leb ich nicht mehr!“ „Gaston! Sag so was auch nicht 
im Spass.“ Sie fasste seine Hände. „Erzähle doch.“ „Ich 
habe jeden Pfennig verloren, den ich in der Tasche hatte, 
und dann hat mir ein Italiener, den ich seit gestern kenne, 
weiter gepumpt Bis heute Abend muss ich ihn bezahlen.“ 
„Hast Du schon mit Onkel gesprochen?“ „Den kennst 
Du nicht; lieber würde er sehen, dass ich den Revolver 
nehme, als mir Spielschulden bezahlen — amerikanische 
Ansichten!“ Hannah zermarterte sich den Kopf nach 
einem Ausweg. „Graf Kesser, der leiht Dir sicher. Ich 
werde ihn darum bitten.“ „Du — unmöglich — ich hasse 
es überhaupt, wenn Du mit diesem Menschen sprichst, 
der eine vom Tingel-Tangel geheiratet hat.“ „Was — was 
hat er?“ — Hannah blickte entgeistert. Gaston kam vor 
ihren entsetzten Blicken zu sich selbst. „Pardon! Also — 
den Grafen kann ich unmöglich anpumpen, ich kann es 
ihm nicht wiedergeben.“ „Kann ich Dir nicht helfen?“ 
„Du?“ Er lachte bitter. „Kannst Du fünftausend Francs 
aus dem Aermel schütteln?“ „Fünftausend Francs — die 
habe ich oben — ich hole sie.“ „Hannah?“ Es klang wie 
ein Schrei. „Ich soll mit Geld umgehen lernen, Tante gab 
mir sechstausend, als wir hierherkamen.“ Sie huschte 
hinaus. Der junge Offizier starrte ihr nach. Als sie wieder 
hereinkam, die fünf grauen Scheine offen in der Hand, 
da schluchzte er wie ein Kind. Hannah sah ihn erstaunt 
an. Wollte sie wirklich gerne immer mit ihm leben? Der 
Gedanke durchzuckte sie. Langsam zog sie ihre Hand 
zurück, die er mit Küssen überschüttete. 
Dich nicht mit diesem Grafen abgeben? Es ist eine Schande, 
wie Du —“ Hannah sprühte: Du hast mir garnichts zu 
sagen — überhaupt ist das Ganze sicher nicht wahr, denn 
er ist weder schlecht noch dumm!“ Verblüfft über diese 
Logik starrte Gaston ihr nach. Dann hielt er Plerrn von 
Legow zurück. „Onkel, warum erlaubst Du Hannah den 
Umgang mit Graf Kesser?“ „Warum nicht? „Ich weiss 
nichts Schlechtes von ihm.“ „Du weisst, wen er geheiratet 
hatte, und diese Frau war nicht seine letzte Liebe —“ 
„Mein guter Gaston —“ der alte Herr gähnte behaglich, 
„verlangst Du vielleicht, dass ich meiner Nichte den Um 
gang mit allen Männern verbiete, die mehr als einmal 
geliebt haben?“ „Aber wenn Kesser sie heiraten wollte?“ 
„Das wäre mir ganz recht, ich wünschte, sie bekäme in 
Deutschland einen Mann, und wir brauchten sie nicht 
nach Amerika zu nehmen. —“ Der junge Mann zitterte 
vor Aufregung. „Wenn Ihr sie los sein wollt, so gibt 
es doch noch andere Männer als diesen alten, verlebten —“ 
„Halt, Du hast Dich verraten! Ich wusste, die Eifersucht 
spricht aus Dir. Gute Nacht, mein Lieber — Du hast 
freie Bahn — Du oder er — mir ist’s gleich.“ Amüsiert 
lächelnd schritt Baron Legow nach dem Lift. 
♦ * 
♦ 
Gaston war in verzweifelter Laune. Im Hotel war er 
zwar Gast seines Onkels, aber die paar hundert Franken, 
die er noch in seinem Zimmer gehabt, reichten knapp für 
die Heimreise und die Trinkgelder. Jetzt abreisen! Und 
rouge et noir diesem Grafen überlassen! Oder morgen 
schon das entscheidende Wort sprechen? Er war der 
Antwort recht wenig sicher. Hannah war reizend zu 
ihm. Gewiss. Heute Morgen hatte sie ihm das Geld ge 
geben. Aber — liebte sie ihn wirklich? Sie hatte ihn bös 
angefaucht, als er von dem Grafen anfing. Der junge 
Offizier war über den Platz geschritten und trat bei Giro 
ein. Es war ein Uhr. Die kleinen eleganten Räume voll 
Menschen, die, nachdem das Casino geschlossen, noch 
ein spätes Souper einnahmen. Gaston wurde von ein 
paar jungen Männern an ihren Tisch geholt. Zu seinem 
Aerger war auch Graf Kesser dabei und der Italiener, 
der ihm am Morgen das Geld geliehen. Irgend jemand 
fragte den Grafen: „Warum kamen Sie heute Abend 
nicht ins Casino? Die Baronin Legow war wieder mit 
dem Prinzen da und hat fabelhaft verloren - “ Gaston 
stürzte ein Glas Champagner nach dem andern hinunter. 
„Onkel, was heisst denn: Eine vom Tingel-Tangel?“ 
„Aber Hannah! Davon dürfen kleine Mädchen nicht 
sprechen.“ „Onkel, ist der Mann schlecht, der so eine 
heiratet?“ Nicht immer schlecht — aber immer dumm!“ 
Baron von Legow versank wieder in seine Zeitung, 
Hannah in ihre Träumereien. 
„Schlecht nicht, aber dumm!“ dachte sie. Graf Kesser 
dumm? Ein eigentümliches Gefühl Hess sie den Kopf 
wenden. Da stand Kesser vor ihr, lächelnd. „Darf ich 
mich ein bischen zu Ihnen setzen?“ Gleich darauf erschien 
auch Gaston aus irgend einer Ecke. Der Graf erzählte — 
Hannah fragte. Ihre Augen glänzten. Gaston wurde 
kaum beachtet. Beim Gutenachtsagen flüsterte er mit 
brennenden Augen: „Habe ich Dir nicht gesagt, Du sollst 
is Ütxyky" Gpj2.avate.T2s 
* Objzßtbjsj^tzismen&läsem 
Tssxup. raaji. vxscte.it/iLaft 5ei o*asscs 
BTBR£IM C 
Taajzntzuznstn 1Z - Schlossplatz 
^ 'Verlangen Siz die. letzte- Lagecäste.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.