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Full text: Berliner Leben Issue 17.1914

Unten schlüpfte sie rasch aus dem Lift und ging 
durch die Halle und den ganzen Speisesaal nach ihrem 
Tisch. Die Tante sah sie kommen. Rechts und links 
machte man ihr Komplimente über die schöne Nichte. 
Sie lächelte geschmeichelt. 
Innerlich war Hannah nicht so ruhig. Bei ihrer Eile, 
aus dem Lift fortzukommen, war ihr Tuch abgeglitten, 
ohne dass sie es gemerkt. „Verzeihung!“ Der Fremde 
hatte ihr das Tuch wieder umgelegt, eine Verbeugung 
gemacht und war nach der andern Seite gegangen. 
Jetzt spähte sie nach der Tür. Er kam nicht. Er 
ass wohl auswärts. 
♦ * 
* 
Morgens sass Hannah oft mit der Jungfer in den 
Anlagen. Sie war viel allein. Die Tante ging ins 
Casino zum Spiel. Da konnte sie nicht mit. Sie war zu 
jung. Das grosse Haus interessierte sie brennend. 
Wieder öffnete sich die hohe Glastür. „Da kommt 
die Frau Baronin“, sagte die Jungfer. Hannah sah die 
Tante in ihrer eleganten weissen Toilette, dem Blumen 
hut und Spitzenschirm, eifrig redend und lachend. An 
ihrer Seite — der „grosse Fremde“. 
Sie gingen über den Platz nach dem Hotel, ohne 
nach Hannah hinüber zu sehen. 
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♦ 
„Graf Kesser — meine Nichte.“ Man traf sich in der 
Halle zu einer gemeinsamen Autofahrt nach Cap Martin. 
Der Graf verbeugte sich leicht. Er erkannte die Dame 
in grosser Toilette, mit der er gestern im Lift gefahren, 
nicht wieder in der schmalen Gestalt, die in einen langen 
Automantel gehüllt war, das Köpfchen von einem grossen 
Schleier umgeben. 
Die roten Löckchen sah man nicht. „Hannah, Du fährst 
mit Ellen Johnsohn und ihrem Vater. Graf, Sie kommen 
mit mir und Frau Johnsohn,“ entschied die Tante. 
Die Automobile sausten auf der prachtvollen Strasse 
dahin. Entzückt genoss Llannah die Fahrt, aber sie hätte 
lieber im andern Wagen gesessen. 
Auf dem herrlichen Platz gegenüber dem Hotel Cap 
Martin, hart am Wasser, das über die felsigen Steine 
spritzte, trank man Tee. 
Ohne zu wissen warum, fühlte sich Hannah unbehaglich. 
Zum erstenmal hatte sie das Gefühl, dass ein Herr sie 
nicht beachtete. Für den Grafen schien nur die Tante zu 
existieren. Die Familie Johnsohn war bald mit Bekannten 
lortgegangen. Hannah hatte Müsse, die zwei zu be 
obachten. Sie unterhielten sich flüsternd; ein paarmal 
küsste der Graf der Tante die Hand. Ob er an seine Frau 
dachte, und ob die Tante ihn tröstete? Warum sprach er 
garnicht mit ihr? Es war ganz dunkel. „Geben Sie doch 
Acht — das Kind!“ — — Die Baronin hatte es aus 
gerufen. Dann ging man zum Auto. Hannah musste auf 
den Rücksitz. „Du sollst Dir keinen Schnupfen holen, 
der Graf ist weniger empfindlich.“ „Aber Du, Tante, 
sitzt Du nicht auch lieber rückwärts?“ „Kein Gedanke, 
mir macht das nichts.“ Die Rückfahrt war wie ein Traum. 
Der Mond, der schwarzblaue Himmel, die warme, 
schmeichelnde Luft, die dunklen Schatten der hohen 
Cypressen. Das Automobil schleuderte hin und her. Da 
legte der Graf seinen Arm um die Tante und hielt sie 
ganz fest. Hannah sah es deutlich. Regungsloss sass sie 
in ihrer Ecke. Sie hätte immer so weiter fahren mögen. 
♦ ♦ 
♦ 
„Aber mein gnädiges Fräulein, wir sind ja schon alte 
Bekannte vom Lift her! Dass ich Sie heute Mittag nicht 
gleich erkannte!“ 
„Daran ist nur mein Schleier schuld, das rote Haar ist 
sonst unverkennbar“, meinte Hannah lustig. „Gewiss, das 
wird man nie im Leben vergessen, wenn man es einmal 
gesehen.“ Die Baronin trat hastig dazwischen. „Keine 
Komplimente, Graf, dazu ist sie noch zu jung.“ Für 
die nächste Stunde fühlte sich llannah wieder vergessen. 
Oder doch nicht? Ein paarmal fing sie den Blick des 
Grafen auf, den sie treuherzig wie ein Kind während des 
Essens gründlich studierte. Ein klein bischen grau 
wurden seine Haare schon an den Schläfen — eigent 
lich war er recht hässlich mit der grossen Narbe über 
der Nase. 
Nach Tisch ging man ins Theater. Mit einem Schwarm 
Bekannten. Der unterirdische Gang, der vom Hotel zum 
Casino führte, war voll Menschen. Der Graf hielt sich 
an Hannahs Seite. „Wie gefällt es Ihnen in Monte 
Carlo?“ „Es ist himmlisch.“ „Und das ganze Leben 
hier —• sagt Ihnen das zu?“ 
„Aber natürlich!“ Die blauen Augen glänzten ihn 
an. Er musste lächeln. Das Kind. Was sie wohl 
wusste von dem „Leben“ hier! 
Eine Pariser Truppe spielte. Fun klassisches Stück. 
In den Pausen ging man hinüber in die Spielsäle. 
Hannah konnte nicht mit. „Wenn Sie gestatten, Baronin, 
chaperoniere ich das Fräulein Nichte solange als braver 
Onkel.“ Frau von Legow sah Kesser erstaunt an. Dann 
ein kurzes, etwas zweideutiges „sehr liebenswürdig“, und 
Hannah war mit dem Grafen allein. So gut wie allein. 
„Nicht war, ich bin doch schon ein ganz alter Papa 
und Sie werden sich langweilen allein mit mir zu sein?“ 
„Im Gegentheil, es ist sehr nett, dass Sie bei mir ge 
blieben sind, sonst musste ich nach Hause, wenn Tante 
zum Spiel wollte.“ „Haben Sie die Tante nicht gern?“ 
„Natürlich! Sehr! Sie nicht auch?“ Natürlich! Sehr!“ 
Beide lachten. Dann wurde Hannah ernst. Wissen Sie, 
dass ich es war, zu der damals Bobbi kam?“ „Bobbi?“ 
„Ja, Ihr Pudel — vor fünf Jahren,“ dann leiser: „Ich 
war ja noch ein Kind, aber es hat mir so leid getan, als * 
ich hörte, dass Sie Ihre Frau so schnell verloren haben. 
Ich war immer sehr gut zu dem Hund, weil er doch 
Ihr gehört hat — der Kutscher hat es mir erzählt.“ 
Kesser starrte vor sich hin. „Verzeihen Sie mir, ich 
hätte nicht an das Traurige erinnern sollen, ich habe —“ 
Der Graf wandte sich um. Diese schönen Augen, die 
ihn bemitleideten — die ersten, die es taten — und jetzt, 
nachdem er längst vergessen. Er nahm ihre Hand, be 
rührte sie mit den Lippen und sagte hastig: „Versprechen 
Sie mir, dass Sie nie mehr davon reden, nicht mit mir 
und nicht mit andern, versprechen Sie es mir.“ „Ja!“ 
Schokolade und Obst wurde angeboten. Er kaufte eine 
Menge für Hannah. „Aber ich bin doch kein Kind,“ 
wehrte sie. Er lächelte. „Doch!“ 
Die Tante mit ihrer Gesellschaft erschien nicht wieder. 
„Ich bringe Sie ins Hotel zurück,“ beruhigte der Graf, 
als er Hannahs ängstliche, suchende Blicke sah. Er half 
ihr in den Mantel und führte sie am Arm durch das 
Menschengewühl des Ganges. Er blieb an ihrer Seite, 
bis er sie oben der Jungfer übergeben konnte. Bei Giro 
traf er die Baronin mit ihren Bekannten beim Souper. 
Trocken fragte sie: „Und wo ist meine Nichte? Ich habe 
erst an sie gedacht, als das Theater schon aus war.“ 
♦ ♦ 
„Sehen Sie nur die Legow mit Kesser —“ „Wo?“ 
„Da drüben am mittelsten Tisch; eben schiebt ihr der 
Croupier Geld hin.“ „Ja, jetzt sehe ich sie. Seit er da 
ist, geht sie den ganzen Tag ins Casino.“ „Sehr einfach, 
da kann die Kleine nicht mit, und sie hat ihn für sich allein.“ 
„Sie sollte sich schämen, wo doch alle Welt weiss, 
dass er in New-York schon mit ihr — “ „Ob das wahr 
ist?“ „Jedenfalls nicht unwahrscheinlich nach dem, was 
man hier sieht.“ „Sehen Sie doch, er will weg“ „Aber! 
sie nicht.“ „Da verabschiedet er sich wirklich.“ „Wollen 
wir nicht auch fort? Ich möchte wetten, er geht zu 
rouge et noir. Sie sitzt gewöhnlich bei der Musik um die 
Zeit.“ Die zwei eleganten Klatschbasen folgten Kesser aus 
dem Casino und hatten die Befriedigung zu sehen, wie 
er direkt auf llannah zuschritt, die mit ihm weiterging. 
Eden Hotel 
Berun 
Kurfürstendamra 
,240-247 
2 Minuten vom Bahnhof 
— Zoologischer Garten = 
Gegenüber Zoologischer 
Garten und Tiergarten. 
Höchster Komfort. Gesunde, freie Lage. 
200 Fremdenzimmer und Appartements mit Bad und Toilette, Telefon etc. 
Rcftauranl. Franzöfifche Küche. SommerleraUen. 
Weingroßhandlung. Täglich: Musikalischer Fünf-Ühr-Tee.
        
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