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Full text: Berliner Leben Issue 17.1914

Vorbereitungen einstellt und hierüber eine bestimmte 
Erklärung abgiebt. — Gleichzeitig wird an die franzö 
sische Regierung eine Anfrage über ihre Haltung im 
Falle eines deutsch - russischen Krieges gerichtet. — 
Kaiser Wilhelm richtet von einem Balkon des König!. 
Schlosses an eine nach Tausenden zählende Menge, die 
dem Monarchen unter nicht endenwollenden Hurrarufen 
ihre Huldigung darbrachten, folgende Ansprache: 
„Eine schwere Stunde ist heute über Deutschland 
hereingebrochen. Neider überall zwingen uns zu 
gerechter Verteidigung. Man drückt uns das Schwert 
in die Hand. Ich hoffe, dass wenn es nicht in letzter 
Stunde meinen Bemühungen gelingt, die Gegner zum 
Einsehen zu bringen und den Frieden zu erhalten, 
wir das Schwert mit Gottes Hilfe so führen 
werden, dass wir es mit Ehren wieder in die 
Scheide stecken können. Enorme Opfer an Gut und 
Blut würde ein Krieg vom deutschen Volke erfordern. 
Den Gegnern aber würden wir zeigen, was es heisst, 
Deutschland anzugreifen. Und nun empfehle ich 
Euch Gott! Jetzt gehet in die Kirche, kniet nieder 
vor Gott und bittet ihn um Hilfe für unser braves 
Heer!“ — 
Im Schloss Bellevue findet die Kriegstrauung des Prinzen 
Oskar von Preussen mit der Gräfin Bassewitz, welcher 
der Name Gräfin von Ruppin beigelegt wurde, statt. — 
Prinz Adalbert, der dritte Sohn unseres Kaiserpaares, 
verlobt sich mit der Prinzessin Adi von Sachsen- 
Meiningen — Ueber das deutsche Reich wird der Kriegs 
zustand verhängt. 
1. August. Die Frist des an Russland gerichteten Ulti 
matums läuft unbeantwortet ab. Der deutsche Kaiser 
ordnet die Mobilmachung der gesamten deutschen Streit 
kräfte an. — Die französischen Truppen werden mobili 
siert. — Ungeheure Menschenmassen versammeln sich 
auf dem Schlossplatz, die nach Absingung des Liedes 
„Eine feste Burg ist unser Gott“ vieltausendstimmig nach 
dem Kaiser rufen. Der Kaiser erscheint mit der Kaiserin 
auf dem Balkon und spricht nachstehende markige 
Sätze, die bei den Tausenden einen wahren Jubelsturm 
entfachen. 
„Aus tiefem Herzen danke ich euch für den Aus 
druck eurer Liebe, eurer Treue. In dem jetzt 
bevorstehenden Kampf kenne ich in meinem 
Volke keine Parteien mehr. Es gibt unter uns 
nur noch Deutsche und welche von den Parteien 
auch im Laufe des Meinungskampfes sich gegen 
mich gewendet haben sollte, ich verzeihe 
ihnen allen von ganzem Herzen. Es handelt sich 
jetzt nur darum, dass alle wie Brüder zusammen 
stehen, und dann wird dem deutschen Schwert Gott 
zum Siege verhelfen.“ — 
Durch kaiserliche Verordnung wird der Reichstag auf 
den 4. August einberufen. — 
phot. Photothek, Berlin. 
Generaloberst von Kessel, 
Oberbefehlshaber in den Marken. 
□ □ 
2. August. Russische Truppen überschreiten die Grenze. 
Es kommt zu kleineren Zusammenstössen. Die Russen 
besetzen Eydlkuhnen. — Auf die über die Weichsel 
führende grosse Thorner Eisenbahnbrücke wird ein 
missglückter Bombenanschlag unternommen. — Die 
französische Regierung gibt eine ausweichende Antwort.— 
Französische Flieger werfen bei Nürnberg Bomben herab, 
Frankreich begeht damit, da eine Kriegserklärung nicht 
erfolgte, einen Bruch des Völkerrechts. — Truppen des 
□ □ 
phot. Gebr. Haeckel, Berlin. 
General der Infanterie Hclmuth von Moltke, 
Chef des Generalslabes der Armee.
        
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