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Full text: Berliner Leben Issue 17.1914

Währenddessen tanzte Madame Rosi weiter und weiter 
und es' bereitete ihr ein süsses Behagen, als sie bemerkte, 
dass hinter der dunkelroten Sammetportiere, dicht neben 
dem grossen Büffet, „Numero 12“ hervorlugte und ihr mit 
seinen heissen Blicken unablässig folgte — ihr wurde fast 
ein wenig bange —• aber sie konnte doch wirklich nichts 
dafür, dass sie auch dem Ober gefiel! 
Es war unerträglich heiss im Saale — die Musik hatte 
aufgehört zu spielen — und Madame überlegte, ob sie 
eine Portion Vanilleneis oder lieber eine Citronenlimonade 
nehmen sollte, ihre dunkelblauen Augen irrten hilfesuchend 
nach dem Büffet herüber — sofort stand „Numero 12“ 
mit tiefer Verbeugung vor ihr: 
„Gnädigste befehlen?“ 
Es kam Madame vor, als wenn seine Stimme ein klein 
wenig gezittert hätte — „Armer Ober!“ dachte sie mitleidig. 
„Bitte bringen Sie mir eine Citronenlimonade, ich 
fühle mich sehr angegriffen —“ sagte sie matt und trat 
durch die nächste geöffnete Glastür auf einen kleinen 
Balkon hinaus. 
Madame atmete tief auf, der erfrischende Seewind, der 
vom Strande herüber wehte, kühlte ihr Stirn und Wangen, 
ein berauschender Rosenduft drang aus dem Garten 
herauf, über ihr funkelten die Sterne am tiefblauen 
Nachthimmel, sie liess sich in einen der Korbsessel gleiten, 
die auf dem Balkon zum ausruhen einluden, und schaute 
träumerisch auf das im Mondenlicht schimmernde Meer 
hinüber. 
„Hier ist die Limonade, gnädige Frau?“ sagte da eine 
leicht vibrierende Stimme hinter ihr — es war 
„Numero 12,“ welcher mit heftig klopfendem Herzen 
und bebenden Händen der Gnädigen die Limonade 
reichte — wahrhaftig, er hatte seine sichere Haltung ganz 
verloren — ach — er hatte sich wirklich in die schöne 
Gnädige verliebt! O, wenn er ihre kleinen aristokratischen 
Hände hätte küssen dürfen — wenn er ihren kleinen 
roten Mund — nein, das wagte er nicht auszudenken! 
Er vergass, dass ein halbes dutzend Beefsteaks, diverse 
Roularden und Ragouts bei ihm bestellt waren, mochten 
„die“ in der Küche verbrennen! 
Er stand wie gebannt und betrachtete mit heimlichem 
Entzücken die dunkelblauen Augen Madames, die unter 
dem Riesenhut verführerisch blitzten. 
,,Sehen Sie nur, wie wunderbar schön die Sterne 
sind!“ sagte sie träumerisch. Aber „Numero 12“ sah 
nicht die Sterne an — — — „Sie sollen die Sterne 
Ansehen, nicht mich!“ sagte sie schmollend. Armer 
Ober — eine Sekunde noch — und er hätte ihr zu Füssen 
gelegen, da war es nur gut, dass es hinter ihnen rauschte 
v on seidenen Kleidern und Schritte nahten; ein paar 
tarnen aus der Gesellschaft erschienen geräuschvoll im 
Rahmen der Tür: 
„Aber beste Freundin, wo bleiben Sie denn? Man 
1S J im Begriff, Lancier zu tanzen und Graf Biro sucht 
Sie durch alle Säle! Ah — Pardon! Ich glaube wir 
haben ein Tete a tete gestört!“ rief scherzend eine der 
Hamen. Rosi erhob sich elektrisiert, sie lachte ausgelassen: 
„Ach, es ist ja nur der Ober! rief sie. 
Die Tanzmusik war verklungen — die Sterne be 
gannen zu erbleichen und rosige Wölkchen am Himmel 
verkündeten den nahenden Sonnenaufgang. Erschöpft 
nach mühevoller Arbeit suchte „Numero 12“ endlich 
sein Mansardenstübchen auf, welches er mit Numero 11 
teilte, der lag schon im Bett und streckte sich behaglich. 
„Na „Zwölf,“ liebste noch immer?“ fragte er schlaf 
trunken — aber „Zwölf“ anwortete nicht — — — 
Währenddessen schlenderte Madame Rosi, auf den 
Arm ihres geliebten „Bären“ gestützt, eine lustige 
Melodie trällernd, behaglich nach Hause; neben dem 
liebenswürdigen Paar tänzelte Herr von Gerty und 
erschöpte sich unaufhörlich in der angeregtesten Unter 
haltung, er befand sich in brillantester Champagnerlaune 
— nur war er sich nicht ganz klar darüber, ob dort 
eben die Sonne aufging oder der Mond — oder vielleicht 
auch alle beide — ihm kam das strahlende Himmelslicht 
nämlich doppelt vor und er musste sich energisch 
zusammenfassen, seine schneidige Haltung zu bewahren 
— „äh, äh, wirklich unangenehm!“ dachte erbesorgt. — 
Nun waren die drei vor der Villa angelangt, in 
welcher Madame Rosi mit ihrem Gemahl wohnte. 
„Nur nicht seekrank werden, meine Gnädige — äh 
— äh —“ hauchte von Gerty schwach, während er der 
Gnädigen zärtlich die Hand zum Abschied küsste und 
sich den Herrschaften eiligst empfahl. 
Selig lächelnd stolperte er dann in sein kleines, 
elegantes Junggesellenboudoir hinein und ruhte bald 
darauf in tiefstem Schlafe, umgaukelt von einem tollen 
Traum, denn — ach — die schöne Gnädige, der ge 
bratene Fasan und eine riesige Sektflasche umkreisten 
den armen Gerty in rasendem Wirbel —• „äh, äh!“ 
stöhnte er verzweifelt — aber der böse Traum wollte 
nicht weichen —. 
Der Regen goss in Strömen, und der Himmel zeigte 
ein trostloses, undurchdringliches Grau — ein rechtes 
Abreisewetter — dann begannen sich die Wolken zu 
türmen, und vom Sturmwind gepeitscht, bildeten sie 
unaufhörlich die seltsamsten Gestalten — die Wellen 
brausten und tobten, und in all diesem Aufruhr der 
Natur schwankte und tanzte ein eleganter, schneeweisser 
Dampfer, welcher an der Landungsbrücke bereit lag, 
um die Badegäste nach beendeter Saison wieder in ihre 
Heimat zurückzubringen. Koffer und Reisekörbe wurden 
herangeschleppt, denn die Stunde der Abfahrt war nahe. 
Es war noch früh am Tage — da schlüpfte aus dem 
elegantesten Blumenkiosk des Badeortes die schlanke 
Gestalt eines jungen Mannes heraus, mit hochgeschlagenem 
Kragen und ohne Hut, in grösster Hast, ein duftiges 
Etwas, in Seidenpapier gehüllt, in den Händen tragend 
und dasselbe nach Möglichkeit unter seinen Rock 
schiebend, um es vor dem strömenden Regen und gleich 
zeitig vor den profanen Blicken neugieriger Augen zu 
schützen. 
Es war „Numero 12,“ welcher diesen entzückenden 
Strauss der erlesensten, dunkelroten Rosen soeben ge 
kauft hatte. Ein glückseliges Lächeln flog über sein 
Gesicht und mit beschleunigten Schritten eilte er nun 
dem Kurhause zu; hastig glitt er an der Hauptfront des 
Reinhold Böhm 
Pilot der Albatros-Werke, stellte mit demselben Flugzeuge mit dem Werner Landmann 
kurz vorher 21 Stunden und 30 Minuten ununterbrochen flog, einen neuen Dauer- 
Weltrekord mit einem Fluge von 24 Stunden und 12 Minuten auf. 
Auch die andern lachten —- nur „Numero 12“ 
lachte nicht. —- — — Dann erschien Graf Biro in der 
Tür, küsste Rosi die Hand und bat sie um den nächsten 
Lancier. 
Und sie nahm den Arm des Grafen und rauschte 
davon, gefolgt von ihren Freundinnen, unter lachen und 
scherzen, während die Musik drinnen im Tanzsaal die 
Introduktion zum Lancier spielte. 
Wie im Traum stand „Numero 12“ und starrte ihnen 
nach wie strahlend schön hatte „sie“ doch aus 
gesehen, als sie ging — — — er beugte das Haupt und 
hob eine der Fliederdolden auf, die sie im Gürtel 
getragen und die herabgefallen war, als sie zum Tanze 
schritt -— scheu blickte er um sich, ob ihn auch niemand 
sah, und dann drückte er hastig einen heissen Kuss auf 
die Blume und — „es ist ja nur der Ober!“ gellte es 
ihm da noch im Ohr — er lachte bitter auf — und 
zerriss die Blume, die er eben geküsst. — — — 
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