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Full text: Berliner Leben Issue 17.1914

Reiseflirt. 
Von Olga Görlitz. 
(Nachdruck verholen). 
„Gnädige Frau“ waren soeben in weisser Spitzentoilette, 
einen reizenden Hut, über und über mit Rosen bedeckt, 
auf dem goldblonden Lockenköpfchen, auf der Terrasse 
des Kurhauses in dem fashionablen Ostseebad H. er 
schienen. 
Sie hatte den ganzen Vormittag in der anmutigsten 
Stellung von der Welt in einem Strandkorbe geruht, mit 
träumerischem Blick ihrer tiefblauen Augen — und sie 
hatte sehr schöne Augen — dem Spiel der Wellen zu 
schauend, ganz und gar versunken in dem herrlichen 
Anblick der Natur — nur hin und wieder glitten ihre 
Blicke wohlgefällig hinab bis zu den Spitzen ihrer kleinen 
entzückenden Füsse, die in schneeweissen Schuhchen, von 
winzigen Brillantknöpfchen geschlossen, bereits helle Be 
wunderung bei den Insassen der benachbarten Strand 
körbe erregt hatten. 
Neben der schönen Frau lag der neueste französische 
Roman in hochelegantem Einbande, aber Madame Rosi 
hatte seit den drei Wochen, da sie in H. weilte, noch 
nicht einmal Zeit gehabt, die Seiten desselben aufzu 
schneiden! Man hat gar zu viel zu tun in einem Bade 
ort! Und noch dazu, wenn man die Natur gar so sehr 
liebt, wie die reizende Gnädige! 
Sie zog ihr mit Brillanten besetztes Uehrchen aus 
dem Gürtel: „Himmel! Schon dreiviertel eins!“ 
Der Herr Gemahl musste gleich aus dem Herrenbade 
zurückkommen, und dann sollte das Diner eingenommen 
werden. Vorher musste sie sich noch ihre Löckchen brennen 
und dann das blassblaue Foulardkleid — nein — lieber 
das weisse Spitzenkleid anziehen! 
Was hatte man doch zu bedenken, um „allen“ zu 
gefallen! 
Erstens dem Herrn Gemahl, der „gute Bär“ wie sie 
ihn immer nannte! 
Dann Herrn von Gerty, den sie mit ihrem Gatten, 
neulich auf der Dampfschifffahrt nach Rügen kennen 
gelernt hatte und der seitdem nicht mehr von ihrer Seite 
wich! Besonders wenn „Bär“ Sekt bestellte, dann bezeugte 
Herr von Gerty ihr seine Bewunderung mit einer so ent- 
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zückenden Galanterie — mit einem Feuer — welches 
etwas berauschendes für sie hatte! 
Also für Herrn von Gerty musste sie sich ganz be 
sonders nett machen! Das hatte er verdient! 
Und dann kamen die vielen interessanten „vis ä vis“ 
in Betracht, die Tag für Tag sich auf der Terrasse des 
Kurhauses beim Diner nach der reizenden Fi*au die Hälse 
ausreckten! 
Sie überlegte einen Moment — sollte sie lieber das 
„schwarze“ Spitzenkleid anziehen? 
Es machte einen gar so verführerischen Eindruck, 
wenn Hals und Arme unter dem durchbrochenen Spitzen 
gewebe hervorleuchteten wie rosig angehauchter Schnee! 
Aber Madame hatte Energie — es blieb bei der „weissen“ 
Spitzentoilette! 
Der „gute Bär“ sass mit seiner schönen Frau beim 
Diner auf der Terrasse, Herr von Gerty natürlich neben 
der Gnädigen, plaudernd, scherzend in brillantester Laune 
und die Gnädige flirtete hinüber und herüber, dass es zum 
Entzücken war! 
Wie silberhell sie lachte! 
Wie ihre schönen Augen mit dem so kindlichen Aus 
druck hierhin und dorthin strahlten! 
„Bär“ war überglücklich und küsste das mit Brillanten 
geschmückte, rechte Händchen seiner reizenden Frau 
immer wieder und wieder, während Herr von Gerty von 
der anderen Seite das linke Händchen küsste. 
„Oh weh!“ sagte Rosi schmollend, „nun ist mir meine 
Serviette auf die Erde gefallen!“ Ihre beiden Kavaliere 
schnellten in die Höhe, um die Serviette aufzuheben. 
Aber schneller noch als die beiden hatte sich der „Ober“ 
gebückt und reichte nun mit tadelloser Verneigung der 
Gnädigen das Verlorene dar. 
Sie schaute in zwei tiefschwarze Augen, — „Ah — 
nicht übel —“ dachte sie angenehm überrascht. 
„Numero 12“ hatte ausserdem über einen hoch 
eleganten, schwarzen Schnurrbart zu verfügen, und eine 
schlanke, geschmeidige Gestalt, die mit seltenem Schick 
lautlos über die roten Teppiche der Terrasse zu gleiten 
wusste, vervollständigte den günstigen Eindruck, den er 
auf Madame Rosi gemacht. „Wirklich sehr nett! Sehen 
Sie nur, Herr von Gerty, einen schickeren „Ober,, gibt 
es nicht!“ 
„Aeh, äh!“ meinte Herr von Gerty unbehaglich, er 
wurde jedesmal rasend eifersüchtig, wenn der Gnädigen 
jemand gefiel, und Madame machte es nun einmal einen 
köstlichen Spass, Herrn von Gerty eifersüchtig zu sehen. 
Sie hob graziös die Lorgnette: „Sehr schick!“ sagte 
sie noch einmal — Herr von Gerty warf Madame einen 
melancholischen Blick zu und versuchte dann seinen 
Kummer mit mehreren Gläsern Pfirsichbowle hinab 
zuspülen, die der „gute Bär“ soeben bestellt hatte! Eine 
grosse, silberne Platte, voll der köstlichster! Speisen, 
mit unnachahmlicher Geschicklichkeit auf der Schulter 
balancierend, nahte jetzt der „Ober“ — 
Madame wandte wie zufällig das Köpfchen und ein 
sanfter weicher Blick streifte den „Ober“: „Wie reizend 
sie ist —“ dachte „Numero 12.“ 
„Warum sollte nicht auch ein „Ober“ eine schöne 
Frau „schön“ finden?“ dachte die Gnädige. 
„Bitte um den Salat!“ bat sie schmelzend. 
Der Ober servierte musterhaft. 
„Oh!“ bedauerte sie leise, die Gnädige hatte ganz zu 
fällig — sie konnte wirklich nichts dafür — an die Pfand 
des Ober gestossen, als er ihr den Salat reichte. 
„Habe ich Ihnen wehe getan?“ 
„O bitte“, sagte „Numero 12“, ihm war heiss ge 
worden! 
Und in weitem Bogen öffnete er hastig die grosse 
Glastür, damit die frische Seeluft vom Strande her Kühlung 
bringen sollte. 
Seltsam! War es ihm doch, als wenn ihm nur noch 
heisser würde — 
„Numero 10“ und „11“, seine Kollegen, die an den 
Nebentischen servierten, stiessen sich heimlich mit dem 
Ellbogen an: 
„Numero 12“ glüht ja wie eene Hummer!“ 
„Ich jlobe, der hat sich eben verliebt!“ 
„Na. so’n Unsinn!“ 
„Pst — jetzt macht er ooch noch die andere Glas 
türe uff!“ 
„Aber nu komm, jetzt müssen wir noch die Käse 
schüsseln holen.“ — 
Das Diner war vorüber — 
Rosi hatte noch nie mit einem solchen Behagen ihr 
Vanilleneis gegessen, wie heute — nun war man beim 
Kaffee angelangt und die Cigaretten verbreiteten ihren 
aromatischen Duft — auch Madame rauchte — und mit 
welcher Grazie! 
Zum Nachtisch hatte sie den Kopf ihres geliebten 
„Bären“ zwischen ihre beiden kleinen Hände genommen 
und einen zärtlichen Kuss auf seine Lippen gedrückt, 
worüber „Bär“ in Entzücken schwamm und Herr von 
Gerty seufzte; „Oh!“ und hielt dann einen Vortrag: 
„dass „ihm“ ein Glück „nicht“ beschieden sei!“ während 
der „Ober“ mit klopfendem Herzen den Tisch abräumte 
und beinahe das Brett mit Kaffeetassen über Madame’s 
reizende Schulter gekippt hätte — — — 
Die Herrschaften wollten mit dem Motorboot nach 
dem Leuchtturm fahren, das Wetter war köstlich, wolken 
los lachte der Himmel und in wunderbarer Schönheit 
leuchtete ihnen das tiefblaue Meer entgegen. Tänzelnd 
und schwankend harrte das Motorboot an der Landungs 
brücke der vergnügungslustigen Gäste, die scherzend und 
Steckenpferd- 
Lilienmilch-Sei fei 
für zarte weisse Haut 
und blendend schönenTeint.
        
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