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Full text: Berliner Leben Issue 17.1914

Mrs. Pen hatte gern die Abwesenheit ihres Mannes 
benutzt, um Florenz wiederzusehen. Aber es fiel ihr 
schwer, sich wieder in der Gesellschaft einzuleben. Sie 
hatte nur wenig Verwandte, ihre Freundinnen waren aus 
wärts verheiratet. Und die junge, lebhafte Frau, mit 
lebendigem, italienischem Temperament brauchte Leben 
und Gesellschaft um sich. Daran war sie gewöhnt von 
der Grosstadt her und von ihrem Mann, der immer für 
Zerstreuung gesorgt hatte, auch wenn er selbst keine Zeit 
hatte, sich daran zu beteiligen. 
Der Januar war dieses Jahr auch in Italien ungewöhnlich 
kalt, und die Berge ringsum mit Schnee bedeckt. Mrs. Pen 
machte lange Spaziergänge und gegen Abend nahm sie 
mit irgend einer Bekannten den Tee in dem grossen Hotel, 
wo sich die elegante Welt versammelte um den Zigeunern 
zuzuhören und den Tango zu bestaunen. Hier sah sie 
ein paar Tage später den fremden, jungen Mann wieder. 
Er sass an einem der kleinen Tische ganz allein, sehr 
bleich. Als sie vorüberging, verbeugte er sich leicht, 
zögernd. Man drängte nach dem kleinen Saal, wo sich 
der Tangomeister mit seiner Partnerin produzierte. Plau 
dernd und lachend stand Onesta Pen in der Türe, als 
einer der Herren zu ihr sagte: „Gnädigste, wollen sie mir 
gestatten, Ihnen einen Freund von mir vorzustellen, „Baron 
Justin.“ Aufblickend gewahrte sie den jungen Franzosen 
und ihm freundlich die Hand reichend sagte sie: „es freut 
mich sehr, Sie kennen zu lernen, um Ihnen nochmals für 
Ihre Liebenswürdigkeit zu danken.“ Und lebhaft fuhr sie 
lort: „Mein alter Diener fand es sehr unfreundlich, dass 
ich Ihnen nicht Schutz in meinem Hause anbot, ich muss 
Sie wirklich um Entschuldigung bitten.“ Lautes Bravo 
rufen unterbrach sic, das Paar hatte den Tanz beendet 
und aufatmend schob die Tänzerin die roten Locken zu 
rück. Die lebhaften Augen der Mrs. Pen strahlten. „Ich 
möchte den Tango auch versuchen, ich tanze leiden 
schaftlich gern, Sie auch Baron ?“ Er wurde rot und sagte 
etwas verlegen: „Ich habe solange nicht getanzt seit —“ 
er verschluckte das Ende. Wieder erklang die Musik, 
wieder glitten die Füsse des Meisters und der Tänzerin 
in den schwierigsten Figuren über das Parkett. Baron 
Justin stand hinter Mrs. Pen, sie interessierte ihn vielmehr 
als die Tanzenden. Wie lebhaft die schwarzen Augen 
blitzten, wie beweglich die schönen Lippen sich öffneten, 
wie neckisch die kleinen Ohren unter den schwarzen 
Haarwellen hervorsahen. Alles an ihr war Feuer und Be 
wegung. Es ging eine Lebensfreudigkeit von ihr aus, die 
Gnädige Frau! Vergleichen Sie bitte Ihnen bekannte 
Parfümerien mit Leichner; Ihre Wahl wird nicht 
zweifelhaft sein. Ruf dem Toilettentisch der eleganten 
Dame sind stets zu finden: Parfüm, Creme, 
Puder und Seife uon Leichner. 
den jungen Mann ansteckte, und als er hörte, dass sie am 
Abend im Theater sein werde, w’ar auch er entschlossen hin 
zugehen, obgleich ihn der Arzt vor Nachtluft gewarnt hatte. — 
Als er ihr im Zwischenakt die Hand küsste, fand er 
sie noch bezaubernder in dem ausgeschnittenen Abend 
kleid. Er empfand den ganzen Charme der schönen 
Italienerin in diesen kurzen Minuten, die er im Halbdunkel 
ihrer Loge mit ihr verplauderte. 
Jahrelang hatte Baron Justin zurückgezogen in Kur 
orten und Sanatorien gelebt. Dann hatte ihn ein wahrer 
Heisshunger nach der grossen Welt gepackt und es war 
ihm gelungen, einen Winter in Florenz bei seinem Doktor 
und den Eltern durchzusetzen. Er hatte versprochen, 
sehr vorsichtig zu sein — 
Am nächsten Tage befand er sich wieder in der engen 
Strasse vor dem Palazzo delle Mesure, um seine Karte 
abzugeben. Eben hatte der Portier die Türe geöffnet, 
als Mrs. Pen auf der 'kreppe erschien. Sie lächelte ihn 
an. „Schon ganz vertraut mit italienischer Sille, Baron?“ 
„Die ich eine sehr schöne finde, gnädige Frau. Dass 
ein Mann, wenn er einer Dame vorgestellt wird, am 
nächsten Tage seine Karte bei ihr abgibt, das soll bedeuten, 
dass sie kein flüchtiger Eindruck für ihn war, sondern 
dass er weiss, wer sie ist, wo sie wohnt, und dass auch 
er nicht ganz vergessen sein möchte.“ Ueberrascht blickte 
sie ihn an. „Das haben Sie reizend gesagt, Ihr könnt 
doch allem eine geistreiche Seite abgewinnen — Ihr 
Franzosen.“ Sie waren aus der Ilaustüre getreten, und 
sie fuhr fort: „Ich will bei dem herrlichen Wetter nach 
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der Piazalle Michelangelo, waren Sie schon dort?“ „Noch 
nicht,“ Sie zögerte einen Augenblick — überlegend. 
Dann sagte sie sehr rasch: Wollen Sie mitkommen, dann 
biete ich mich als Fremdenführer an. —“ 
Sich angeregt unterhaltend am Arno entlang gehend, 
wunderte sich Mrs. Pen über sich selbst. Wie kam sie 
dazu, den jungen Fremden zum Spaziergang aufzufordern? 
Aufrichtig, wie sie gegen sich selbst war, fand sie auch 
gleich die Antwort: sie hatte sich gelangweilt und seine 
geheime Bewunderung, die sie fühlte, gefiel ihr. Sie fingen 
an, die grosse Treppe hinauf zu gehen, die zu der Piazzale 
führt, als der Baron öfters zurückblieb. Wenn sie wartend 
nach ihm blickte, so sagte er: „Ich muss die prachtvolle 
Aussicht bewundern“, aber wäre sie näher gewesen, so 
hätte sie sehen können, dass er mit geschlossenen Augen 
dastand. Das Steigen war viel zu anstrengend für ihn, 
sein Atem ging kurz, er fühlte sich schwach und elend. 
Sollte er das der schönen, kräftigen Frau gestehen? Nie. 
— Endlich war man oben, und Mrs. Pen blickte ver 
stohlen nach ihrem Begleiter, der mit glänzenden Augen 
und hochroten Backen neben ihr stand. Wie schön er 
war! — Der Wind blies kalt, ein idealer Wintertag und 
eine seltene Aussicht, denn bis weit unter Fiesoie lagen 
die Berge voll Schnee. Tief schwarz hob sich die Zypressen- 
Allee dagegen ab, die weit links gegenüber den Hügel in 
halber Höhe wie ein Gürtel umschlang, nach dem Erb 
begräbnis einer alten Florentiner Familie führend. Schlank 
stand der Campanile von Fiesoie gegen den blauen 
Himmel. Zu ihren Füssen lag Florenz mit seinen Türmen 
und Kuppeln, die die junge Frau alle beim Namen nannte. 
Stumm stand ihr Begleiter neben ihr, einen seltsamen 
Ausdruck in den Augen. Sein Atem war fast keuchend. 
Der jungen Frau wurde es beklommen, was hatte er? 
Warum starrte er sie so an? Der Wind blies stärker. 
Auf mehrere Fragen hatte sie kaum verständliche Ant 
worten bekommen. Nur immer dieser rätselhafte Blick. 
Rasch wandte sie sich und ging zu einer Droschke. 
„Es wird mir zu kalt, auf Wiedersehn Baron.“ Mechanisch 
grüsste er und kaum hatte der müde Gaul angezogen, so fiel 
Justin halb ohnmächtig auf eine Bank nieder. Ein mitleidiger 
Postkartenhändler brachte ihn im Wagen nach seinem 
Hotel, dessen Namen er ihm mühsam abgefragt hatte. 
Mit drei Tagen Bettruhe musste Justin diesen Spazier 
gang büssen. Kaum konnte er aufstehen, so suchte er 
die junge Frau wieder zu treffen. Er sah sie im Theater, 
bei den Tangotees, bei den Jourfix. Bald fühlte er, dass 
seine Gegenwart ihr angenehm war, dass sie ihn zu er- 
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