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Full text: Berliner Leben Issue 17.1914

schon im stillen, ob ich meine Leute nicht lieber an die 
Gewehre gehen Hesse, um die Geschichte da vorne durch 
eine starke Patrouille feststellen zu lassen, als mir noch 
glücklich einfiel, dass ja Kulike mit einer Patrouille vorne sei; 
solange der am Feinde war, passierte sicher nichts, ohne das 
der es merkte. Der würde schon näheres melden. Uebrigens 
schien die Sache schon fertig zu sein, denn so sehr wir auch 
lauschten und horchten, es blieb alles ruhig. So ging ich 
denn also zu meiner Wache zurück. In der Kampagne ist ja 
so’ ne Geschichte scheusslich einfach, da wird man entweder 
selber tot geschossen, oder man schiesst den Feind tot, aber 
im Manöver, wenn man da nich aufpasste, dann gab’s gewaltig 
einen auf die Mütze; ich bleibe noch ’ne Weile stehen, freue 
mich über den Mond, über den die Schneewolken wie das 
Donnerwetter hinfegen und komme denn auch noch rechtzeitig 
gerade im Ffotel Kiesgrube an, — um die Rückkehr der 
Patrouille Kulike mit zu erleben. — — — Was glauben Sie 
wohl, meine Herren, was diese gottvergessenen Berliner 
Strunke für Nachrichten vom Feinde mitbrachten? — Eine 
veritable, in den königlich preussischen Farben prangende, 
vollständige, aber zerhackte — — Bahnbarriere mit sämtlichem 
Klimbim, der an so ’nem Beest drum und dranhängt. — — 
Heiliger Brahma, denke ich, bist du nun verrückt, oder sind 
es diese Berliner Rangen. Mit Seelenruhe ballert Kulike seine 
schwarz-weiss karrierten Stengel an die Erde und meldet mir, 
leise weinend: „Patrolje Kulike zurück. Vom Feinde is 
nischt zu melden!“ während die ganze andere Bande, brüllend 
vor Lachen, mit Hacken und Beilpicken über die unschuldige 
hinterpommersche Bahnbarriere herfällt, ehe ich auch nur ein 
Wort erwidern kann. 
„Mensch, — Kulike, — sind Sie denn von allen guten 
Geistern vollständig verlassen, in drei Deibels Namen? — 
Königliches Eigentum! — Eisenbahntransportgefährdung!!! — 
Wenn da nun jemand vom Zuge überfahren wird? — Das 
bringt Sie ja um Kopp und Kragen und Gefreitenknöppe ,Sie 
wildgewordener andalusischer Waldesel!!!“ 
Wenn Sie sich nun etwa einbilden, meine Herren, dass 
dieser infamichte Sünder zu Tränenwasser zerflossen wäre, 
auf meine wohlmeinende Rede hin, dann sind Sie genau so 
im Irrtume wie ich damals. Besitzt nich der Kerl die Frech 
heit, auch noch zu antworten? 
„Ach, Herr Leitnant, Albert Käsebier meent ja, det et ’ne 
Prifateisenbahne sin täte. Ick hab schon for jesorjt, det keener 
nich ieberjefahren wird; die ollen hinterpommerschen Dorfdeibels 
können ja ooch wo anders rum fahren!“ — — — 
Na, was geschehen war, das Hess sich ja nun doch nicht 
mehr andern, und da eine Bahnbarriere bekanntlich keine 
Stradivarigeige is, die vom Zerkloppen besser wird, wenn 
man sie wieder zusammenleimt, so haben wir ja denn auch in 
dieser Nacht nicht weiter sehr gefroren, denn gebrannt hat das 
Ding einfach tadellos. — — — — Die grösste Frechheit von 
diesem Berliner Windhunde sollten wir aber erst am anderen 
Tage erleben. So gegen Viere geht denn da vorne richtig die 
Ballerei los, und wir kriegen Befehl den Vormarsch auf Trampel 
burg anzutreten; ich natürlich mit einem Halbzuge vorneweg als 
Spitze. Es dauert nicht so lange, kommen wir auf der Chaussee 
an die Bahnlinie. Schon von weitem sehe ich da irgen’d etwas 
mitten auf der Strasse stehen. Ich gucke und gucke, kann aber 
in der Dämmerung nicht erkennen, was das ist, bis ich schliess 
lich dran bin. — Haben die Bengels nicht auch die beiden 
Halt-Tafeln ausgerissen und mitten auf die Chaussee um ’nen 
Haufen von Steinen gebaut, — — — ,,Na so eine Frechheit“, 
denke ich noch, da fallen meine Augen auf die Tafeln. Mit 
grossen Lettern, fein mit schwarzem Helmwachs steht da 
geschrieben: 
„„Wegen Brandschadens ist das Geschäft 4 Wochen 
geschlossen. So lange darf hier nicht durchgefahren werden““. 
Brief und Siegel drauf, meine Herren, das ist mir im Jahre 
1872 mit diesen Berliner Halunken passiert““. — — — 
Der Major Patschke schwieg und nahm einen riesigen 
Schluck aus dem inzwischen frisch gefüllten Glase, wie er 
immer zu tun pflegte, wenn er eine Geschichte zu Ende er 
zählt hatte. Da beugte sich der Apotheker Bilsenkraut etwas 
vor und fragte: „Sagen Sie mir bitte, Herr Major, wo haben 
Sie bloss, so famos berlinern gelernt, Sie sprechen ja einen 
tadellosen Berliner Dialekt?“ Bedächtig leerte der alte Herr 
sein Glas, dann antwortete er: 
„Wo ick det jelernt habe? — Na, ick bin ja in de Breite 
Strasse jeboren, da, wo heile der Marstall steht; da hat ja ■) 
mein Urjrossvater selig schon jewohnt. — Na un nu juten 
Abend, meine Herren, meine Amalie wartet mit’s Abendbrot 
uff mir“. 
Sprach’s und ging heim. — — — — — 
Was der Barograph erzählt! 
8 slündiger Dauerflug des Piloten Georg Hans 
mit Passagier von Johannisthal nach Dresden-Bitterfeld und zurück. 
(Flugzeug L, V. G. Doppeldecker, 100 P.S. Mercedes-Motor.) 
Für unsere Leser dürfte es von Interesse sein, zu erfahren, 
wie die von dem Kuratorium der National-Flugspende aus 
geschriebenen Ueberlandflüge kontrolliert werden. Es geschieht 
dies durch einen Schreib-Barographen, resp. Höhenmesser, 
welcher automatisch die Höhe und die Zeit, welche das Flug 
zeug durchfliegt, registriert. 
Die senkrecht untereinander stehenden Ziffern 200, 400, 
600 etc. bedeuten die Flughöhe in Metern. Die Ziffern 15, 
30, 45 etc. bedeuten Minuten Jede leicht gebogene senk 
rechte Linie repräsentiert eine Minute, der Abstand zwischen 
jeder wagerechten Linie bedeutet eine Höhen-Differenz von 
50 Metern. Die vom Barographen registrierte Linie beginnt 
bei 1 und lauft zunächst steil nach oben. Der Flieger erreicht 
also in 12 bis 13 Minuten 650 Meter Höhe. Die Linie läuft 
nun unruhig zwischen 450 und 700 m weiter, da böiger Wind 
und Nebel herrscht. Nach ungefähr I Stunde Flugzeit sucht 
der Flieger grössere Höhen auf. Die Linie II führt langsam 
von 500 m auf I 300 m und nach 2 stündiger Flugzeit schwebt 
die Maschine über Dresden und macht nun der Flieger einen 
Gleitflug aus 1300 m Höhe auf 800 m Hohe; er erweist 
Dresden seine Reverenz. Nach einer weiteren Flugzeit von 
2 Stunden, als Herr Hans über Bitterfeld kreuzt, setzt er in 
1200 m Höhe einen scharfen Sturzflug ein, um sich die 
Parseval-Werke anzusehen. Wie ein Pfeil schiesst das Flug 
zeug hinab und der Barograph registriert: Sturzflug aus 1200 m 
auf 200 m innerhalb einer Minute. Der weitere Verlauf der 
Linien III, IV und V zeigt das Flugzeug in Höhe von 1400 m. 
Bei V und VI ist der Flieger über 1500 m hoch und hat 
jetzt 7 Stunden 22 Minuten Flugzeit hinter sich. Langsam 
lässt Herr Hans die Maschine vom Tempelhofer Feld aus 
nach Johannisthal ausschweben und landen. Der amtliche 
Flugprüfer, Herr Hauptmann Kiesel, entnimmt das versiegelte 
Barogramm und konstatiert eine 8 stundige ununterbrochene 
Flugzeit und gratuliert nun dem Flieger zum Gewinn der 
Prämie: 8 Stunden Ueberland mit Passagier ä M 1500 pro 
Stunde = M 12000.—. Gut ab. 
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