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Full text: Berliner Leben Issue 17.1914

sie geschlossen, denn was sie durchschauerle, war tief inner 
liches Erleben. So fanden sie sich — zum ersten Mal in 
ganz naiver Liebesfreude. Und ihre Herzen wurden froh, 
wurden weit. Sie flössen über von jener köstlichen Harmonie, 
die keine Überordnung kennt und keine Unterordnung, sondern 
nur die hoch geartete Einheit von Mann nnd Weib, wenn sie 
ineinander aufgehen mit Seele und Sinnen — zur Mensch 
einheit, zum Vollmenschentum. 
Die Tintenflasche hatte ein intimstes Problem gelöst. 
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Gefreiter Kulike. 
Erzählung von Hans Werner Tannenheim. 
Nachdruck verboten. 
Die Mitglieder des Stammtisches im „Rautenkranz“ zu 
Schmeilewitz waren vollzählig versammelt. Draussen war eine 
Affenkälte, und so suchte denn mehr oder weniger jeder der 
trunkfesten Korona, seinem Inneren mehr oder weniger 
wärmende Getränke einzuverleiben. Der Herr Apotheker 
Bilsenkraut war erst vor wenigen Tagen von einer Spritztour 
nach Berlin zurückgekehrt, denn er als eingefleischter Jung 
geselle hatte noch Bedarf an reichsstädtischen Genüssen. 
Alles lauschte gespannt, denn die meisten der Anwesenden 
hatten seit ihrer Studienzeit das Pflaster der Berliner Friedrich- 
Strasse nicht mehr betreten. Nur der Herr Major a. D. 
Patschke, der Präside des Stammtisches, sass wortkarg und in 
sich gekehrt hinter seinem Grog, biss auf seinen grauen 
Knebelbart und liess den Apotheker ein Loblied auf die 
Berliner nach dem andern singen. 
„Na, Herr Major, Sie sagen ja garnichts? Wie denken 
Sie denn über die Berliner?“ fiel endlich einer der Herren 
ein. Der Herr Major nahm einen gewaltigen Schluck, runzelte 
die Stirn und knebelte seinen Schnauzer nach oben, dann 
machte er eine heftig abweisende Geberde und sagte: 
„Was Ihnen hier der Herr Apotheker vorführt, das sind 
ja im ganzen Leben keene Berliner, sondern alles eingewanderte 
Leute, die nun den Fremden in Berlin Witze vormachen und 
ihnen das Geld aus der Tasche locken. — Sollten Sie man 
kennen diese echten Berliner Jungens, so wie ich sie gekannt 
habe, ich sage Ihnen meine Herren, ein tolles Pack is das. 
Um Ehre und Reputation können einem die bringen, sage 
ich Ihnen“, 
und blendend 
schönen Teint-, 
Steckenpferd-Uliemnildi-Seife 
„Wenn Sie, verehrter Herr Major, solche Behauptungen 
aufstellen, dürfen Sie uns auch den Beweis nicht schuldig 
bleiben“, entgegnete ihm daraufhin, etwas gereizt, Herr Bilsen 
kraut. Der Herr Major liess sich auch nicht lange nötigen, 
trank noch einen mächtigen Schluck, was eine längere 
Geschichte andeutete, und begann: 
„Wenn Sie die richtigen Berliner kennen lernen wollen, 
dann müssen Sie sie beim Militär aufsuchen, denn da sind sie 
so gerade richtig bei Jahren und in Stimmung, einem die Hölle 
heiss zu machen. Lassen Sie sich also erzählen, was mir 
eines Tages, kurz nach der Kampagne in Frankreich, mit der 
Gesellschaft passierte. Sie wissen ja, meine Herren, dass mich 
Hitze absolut kalt lässt, so kalt, dass mir einer im Juli den 
Ofen mit ’ner Fuhre Presskohlen einballern könnte, ohne dass 
mich das stören würde. Aber Kälte, — brrrrrrr — nee, Kälte 
kann ich auf den Tod nicht vertragen. Vom 1. Oktober bis 
zum 1. April friere ich ohne Unterbrechung, schon deshalb, 
weil Winter ist und ich glaube auch ganz bestimmt, dass ich 
eigentlich vom Klapperstorch für viel südlichere Gegenden 
bestimmt gewesen bin, hahahaha. Ja, meine Herren, Sie 
lachen, aber ich erzähle Ihnen das alles nur deshalb, damit 
Sie ’ne Ahnung haben, wie mich fror, als ich im Manöver 1872, 
eben an dem Tage, von dem ich erzählen will, mit meinem 
Zuge auf Feldwache zog. Wir hatten Manöver in Hinter 
pommern, bei äh — bei äh — na, is ja egal. — Kurz und 
gut, es hatte vom frühen Morgen an einfach Bindfäden geregnet. 
Und dabei eine Kälte, ein Wind, ich sage Ihnen, toller wie 
in der ganzen Kampagne. Na, Zelte oder Notquartiere beziehen, 
wie das die vermilchsuppte Soldateska von heute macht, gab 
es ja nu damals noch nicht. Unser Bataillonskommandeur, wie 
immer der Dumme bei der Geschichte, bekam die Vorposten, 
und der Sekonde-Leutnant Patschke, hochwohlgeboren, zur 
Sicherung irgend eener dämlichen Eisenbahnlinie, mit seinem 
Zuge auf Feldwache. — Himmelkreuz Deubel und Dachluken 
denk’ ich, die Sache kann ja gut werden; wenn das so bei 
bleibt, is Patschke morgen früh ’n Eiszappen. Ich ziehe also 
los mit meinem Zuge, notabene lauter Berliner Jungens, bis an 
so ’ne olle tiefe Kiesgrube, die mir als Hotel für diese Nacht 
äusserst geeignet erschien, weil man auf diese Weise wenigstens, 
ungesehen vom bösen Feinde, so ’n lüttes Feuer anmachen 
konnte. — — Na, es wurde duster un immer dusterer; endlich, 
so gegen neune, bringen uns denn ein paar Kerls von der 
Kompagnie den sehr nötigen Stoff zum Futtern. — Ha, denke 
ich, jetzt wird die Sache gemütlich, da stiebelt einer von 
diesen Berliner langohrigen Rabenkerls auf mich zu und 
meldet mir seelenvergnügt, der Herr Hauptmann Hessen sehr 
bedauern, kein Brennholz für die Feldwache mitschicken 
zu können, aber die halbe Bagage wäre in Kutendorf 
liegen geblieben, und der Herr Leutnant möchten man 
Zusehen, wie der Herr Leutnant alleene fertig würden. 
Na, das war ja denn, um auf die allerhöchsten 
Akazien zu klettern. Meine Leute huppten vor Kälte in 
der ollen Kiesgrube rum, wie die Karnickelböcke im 
Sauerkohl, und ich fror, wie’n Kängeruh, das eener aus 
Gemeinheit an den Nordpol gebunden hat. Irgend was 
musste geschehn, das war klar. In der Kampagne wäre 
das ja nun sehr einfach gewesen, aber im Manöver wo 
jeder Pisang Zeter schreit, wenn ein Soldat seine Kohl 
rüben anschielt, war das ’ne faule Sache. Wenn hier 
einer Rat wusste, dann war dass der Sergeant Kulike, 
übrigens noch so’n richtiger oller Feldsoldat, eener, der sich 
in der ganzen Kampagne glaube ich, nicht ein einziges Mal 
gewaschen hat. Na, der sass ja denn mit einem Gesichte 
wie’n Fliegenpilz, so giftig, auf einem Sandhaufen, rauchte seine 
Pfeife und döste vor sich hin. — Ich pirschte mich also an: 
„Na, Kulike, was sagen Sie denn zu der Geschichte, ’ne Affen 
kälte heute was?“ — 
„Aber jewiss doch, Herr Leitnant. Ick jloobe, Maxe, wat 
mein Bruder is, könnte mal Patrolje jejen dem Feinde jehen, 
von wejen . . . na un so . . .“ Dabei kniff er das linke 
Auge zu, als wenn er sagen wollte: Junge, verstehst mi woll? — 
Ich verstand ihn denn auch und liess ihn gewähren, obgleich 
ich wusste, dass der Gefreite Max Kulike einer der geriebensten 
Jungen von der ganzen Bande war. Wenn der die Sache in 
die Finger nahm, dann musste irgend was ganz Tolles dabei 
herauskommen. 
Der Sergeant Kulike setzte also seine strengste Dienstmiene 
auf, ging etwas abseits und rief: „Gefreiter Kulike!!!“ 
„Herr Schischant?“ 
„Jefreiter Kulike. Sie haben sich als Patrolje jejen dem 
Feinde zu betrachten. (Vaschteste Maxe?)“ 
„Jawoll, Herr Schischant!“ 
„Alljemeine Kriegslage; Et is eene janz entfamte Affen 
kälte in diese olle Kiesjrube hier. — Spezialuftrag for Ihnen: 
Suchen Sie det zu vahindern. (Vaschteste Maxe?)“ 
„Na un ob, sowat mach ick sauber, Herr Schischant!“ 
„Is jut, nimm Dir noch den Justav Preisnagel un den 
Albat Käsebier mit. Na, un denn jeht man immer dreiste 
los.“ — — — — — 
Zwei Minuten später verschwanden die drei Berliner Jungens 
im Dunkel der Nacht auf dem Wege nach Trampelburg zu. — 
Etwa eine halbe Stunde mochte inzwischen vergangen sein, 
als mir so nebenbei einfiel, dass es doch am Ende ganz gut 
sei, den Doppelposten an der Chaussee etwas weiter nach 
vorne zu stellen. Ich wandere also los, und wie ich bei dem 
Posten ankomme, empfängt mich der schon in heller Auf 
regung: „Herr Leitnant, ick jloobe, da unten rechts im Jrunde 
wird ’ne feindliche Brücke jeschlagen, oder sowas.“ 
„’Ne feindliche Brücke? — Mach doch keenen Kaleika, 
Bumske, wo denn?“ 
„Jawoll, Herr Leitnant, schon seit ’ne janze Zeit wird da 
unten jekloppt un jehämmert, ick wollte schon eben melden 
kommen. — — — Da, jetzt kloppt et wieder.“ 
Wahrhaftig, der Kerl hatte recht, man hörte es ganz deutlich. 
Ein Bach war da unten, das stimmte, und so überlegte ich 
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