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Full text: Berliner Leben Issue 17.1914

Spürsinn ein, um die verborgenen Hühnerlager aufzufinden. 
Auf dem Heu- und Strohboden turnte er herum und 
wandte im Schweisse seines Angesichts im Holzstall alle 
»Stucken“ um. Kein Ei war zu finden. Endlich, in 
früher Morgenstunde, als der Nebel noch dicht auf dem 
Boden haftete, stellte er sich beim Hühnerstall auf die 
Lauer, denn er hatte eine Spur gefunden — das Haar 
sträubte sich ihm förmlich bei dem Gedanken — die wieder 
auf eine Abwanderung der Hühner nach dem Kirchhof 
hinwies! Und richtig, da nahmen schon zwei feiste 
Hennen die Richtung dorthin auf. Sie stolzierten dabei 
jedoch über des Nachbars Kartoffelacker und kamen unter 
halb der Dorfstrasse zu dem Feldweg, der hinter dem 
Kirchhof zum Spritzenhaus führte, das sich dicht an die 
neu errichtete Mauer lehnte. Mittels der hier aufgestapelten 
Leitern war es den Flennen ein leichtes, oben auf die 
Mauer zu gelangen und von dieser über einen von innen 
an die Wand aufgetürmten Steinhaufen, den Kirchhof zu 
betreten. Prustend, mit zornfunkelnden Blicken war der 
Flerr Amtmann den Hennen gefolgt, wie ein erfahrener 
Detektiv, seinen Opfern immer einen gewissen Vorsprung 
lassend. Als die Hühner über die Mauer verschwanden, 
kletterte er ebenfalls an den Feuerleitern empor. Oben an 
gelangt, ersah er mit grösstem Erstaunen, dass die beiden 
Hennen im Laufschritt nach seinem Erbbegräbnis hin 
flohen und hier plötzlich wie durch Zauberspuk von der 
Bildfläche verschwanden. Keuchend eilte er hinzu, warf 
sich platt auf den Boden und glaubte seinen Augen nicht 
trauen zu können, als die Hennen unter dem überhängen 
den Busch hinkriechend, durch das tief gelegene Luftloch 
spazierten und — Besitz von seiner Gruft nahmen. — 
Ein förmliches Wutgeheul ausstossend, kroch er nach 
oben, lief zur Plattform in der Halle und schob seine 
vor Aufregung zitternden Finger durch einen der grossen, 
auf der Eisenplatte angebrachten Ringe. Mit Aufbietung 
aller Kraft gelang es ihm, die Platte etwas zu lüften und 
sie dann zur Seite hin, über die Steineinfassung hinaus 
zurückzuschieben. 
Ein tiefer schwarzer Raum gähnte ihm entgegen. Das 
Dunkel musste er lösen! Hastig bog er sich immer weiter 
über die Platte hinaus; den Kopf gesenkt, versuchten 
seine starren Blicke das Dunkel zu durchdringen, als 
plötzlich die schräg über der Oeffnung liegende Platte ins 
Wanken geriet und eine schiefe Ebene bildete, über die 
der Herr Amtmann mit einem kreischenden Aufschrei in 
ganzer Leibesfülle in die Tiefe kollerte. Ein flatterndes 
Geräusch vernahm er noch, dann schien es ihm einen 
Augenblick, als ob ihn seine Sinne verliessen; aber das 
war nur eine Folge des plötzlichen Erschreckens und 
des — fürchterlichen Geruches, der ihn da unten umgab. 
Dass der Fall seinen Gliedmassen nicht geschadet hatte, 
konnte er sofort bemerken, als er sich entsetzt zu erheben 
versuchte und dabei fortwährend unter sich ein knirschen 
des, knackendes, krachendes Geräusch vernahm, auch zu 
gleich die Empfindung hatte, dass er sich auf einer zähen, 
schleimigen Masse bewegte, die sich in dicken, klebrigen 
Fladen an seine Kleider heftete. Das Unheimliche seiner 
Umgebung, die fast den Atem raubende, übelduftende 
Luft drangen jetzt derart überwältigend auf ihn ein, dass er 
seiner selbst nicht mehr mächtig, laut stöhnend um Hilfe rief. 
Der frühen Morgenstunde wegen verhallten seine Rufe 
zunächst ungehört. Erst die zur Schule gehenden Kinder 
hörten das dumpfe Gebrüll und trommelten nun flugs 
das ganze Dorf zusammen. Nachdem sich nun auch die 
Nebelschwaden mitleidsvoll zerteilt hatten, erblickten die 
Dorfbewohner den Herrn Amtmann drunten in seiner 
Gruft, wie er sich auf einem Haufen frischer — und 
nicht ganz frischer ■— Eier, die seine fleissigen Hühner 
hier in guter Ordnung aufgespeichert hatten, ingrimmig 
herumwälzte. Einen schier kläglichen Anblick gewährte 
sein sonst nackter, blanker Schädel, der sich jetzt von 
einer Dotterschicht überzogen zeigte, die ringsherum mit 
den Bauchfedern der „rauhenden“ Hühner bespickt war, 
so dass er mit dem Kopfschmuck eines Sioux-Indianers 
geziert erschien. Als der Herr Amtmann endlich, nach 
oftmaligem Abgleiten, auf einer herbeigeholten Leiter 
seinem Eiergrabe entstiegen war, traten alle Umstehenden 
mit energischem Naserümpfen ein paar Schritte von ihm 
zurück. Fast mitleidig klang die Stimme des Philosophen 
Balke aus der Menge: „Igitt, igitt! Haben sich der Herr 
Amtmann aber schmutzig gemacht!“ „Ja, da wäre wohl 
Veilchenseife gut für!“ tönte es von hinten herüber. „Ich 
habe noch ein Stück zu Haus!“ 
„Ich auch!“ Ich auch!“ wiederholte es im Chor, 
wobei schon der Herr Amtmann, von der ihm immer 
drei Schritte fernbleibenden Menge gefolgt, seinem Hofe 
zuschritt, um hier sogleich zu erfahren, dass der stramme 
Schlächter, zur selben Stunde, seine bildhübsche Wirt 
schafterin auf seinem vor dem Dorf bereilgehaltenen 
Wägelchen mit Sack und Pack — entführt hatte. 
Dem Herrn Amtmann war jetzt sein Haus, das Dorf, 
seine Hühnerzucht und — sein Erbbegräbnis total ver 
leidet. Er zog fort und fügte seinem Testament die 
Bestimmung bei, dass er nach seinem Tode unter allen 
Umständen verbrannt zu werden wünsche. 
Sokratine. 
Philosophisch-Humoristische Skizze von Paula Busch. 
(Nachdruck verboten). 
Sokratine hiess eigentlich Else Schmidt. Sokratine 
war ein Name, den niemand ihr gegeben hatte. Sie hatte 
ihn sich selbst erwählt, heimlich, leise, ohne Wissen der 
Welt. Sie nannte sich allein in ihren Gedanken so, allein, 
wenn sie mit sich sprach wie ein Sokrates zu seinen 
Schülern. Mit den Brüdern hatte sie griechisch mitgelernt, 
ohne eigentliches Ziel, ohne einmal recht zu wollen, noch 
zu wissen, wozu und warum sie diese seltsamen Zeichen 
schreiben und lesen lernen wollte. Die Eltern gewährten 
ihr das, wie sie eben ihrer einzigen Tochter keinen Wunsch 
zu versagen vermochten. Else betrieb ihre griechischen 
Studien zuerst ein wenig aus Eitelkeit und — um ein 
ganz modernes Mädchen zu sein. Je mehr sich ihr aber 
die Schönheiten der alten Sprache, die tiefe Weisheit 
eines Sokrates und seiner Schule erschlossen, desto inner 
licher fasste sie ihr Streben auf und zwar mit einer solchen 
Intensität, dass sie nur noch im altgriechischen Gedanken 
kreise lebte. In jener Zeit eben erkor sie sich den Namen 
Sokratine und beschloss des grossen Griechen weibliches 
Ebenbild zu werden. Sie Hess sich zu Mutters grösstem 
Schrecken einen schwarzen Philosophenmantel anfertigen, 
in Schnitt und Art wie sie Sokrates Paletot vermutet 
haben mochte. Dazu trug sie tagein, tagaus einen grossen 
runden schwarzen Hut, tief in die Stirn gedrückt. Der 
Mantel durfte nicht gebürstet, nicht ausgebügelt werden. 
Wenn er einmal geflickt werden sollte, setzte es grosse 
Tänze. Schliesslich Hess es Sokratine geschehen, denn 
die ewigen Vorwürfe und Vorstellungen daheim konnten 
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