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Full text: Berliner Leben Issue 17.1914

Das Erbbegräbnis. 
Humoreske von Bruno Köhler. 
(Nachdruck verboten.) 
Ein wunderlicher Ouerkopf war der unbeweibte Herr 
Amtmann Schnars. Ehemals grossherzoglicher Domänen- 
Verwalter, jetzt in einem hübschen Dorfe, auf eigener 
Hufe im Ruhestand sitzend, um hier — wie er zu be 
merken für gut fand — mit Anstand seinen „unausbleib 
lichen Schlaganfall“ zu erwarten. 
„Er hat wohl schon so’n lütten Vogel!“ hiess es bald 
unter den Bauern, während der als Philosoph geltende 
und seiner Gemeinde zugleich als Steuererheber, amt 
licher Fleischbeschauer und Nachtwächter dienende 
Invalide Balke seine Meinung über den Herrn Amtmann 
dahin zusammenfasste, dass er sich nie hätte zur Ruhe 
setzen sollen. „Das kann eben nicht jeder vertragen!“ 
führte er dann weiter aus. „Denn genau so, wie der 
Herr Amtmann vordem von früh bis spät ununter 
brochen gearbeitet hat, beschäftigt er sich jetzt den 
ganzen Tag über unausgesetzt mit dem Nichtstun. Dabei 
kommt man dann auf die dümmsten Sachen, zumal, 
wenn man nur noch „gesundheitsgemäss“ leben soll 
und auf dem Lande „neumodische“ Reinlichkeit ein 
führen will.“ 
Diese Bemerkungen bezogen sich darauf, dass sich 
der Herr Amtmann in seinem Obstgarten ein Luftbad 
eingerichtet hatte und es im Gemeinderate durchzusetzen 
versuchte, dass die Bauern im Dorf wenigstens alle 
Sonnabend einmal die Fenster öffnen sollten. Auch 
hatte er an die schmutzige Dorfjugend unentgeltlich 
Veilchenseife verteilt und war schon höchlichst erfreut 
über die zunehmende Kultur, als zum Maifest die Seifen 
nachfrage gewaltige Dimensionen annahm. Leider erfuhr 
er dann hinterher, dass die duftigen Stückchen nur 
dazu gedient hatten — den Kletterbaum recht fett ein 
zureiben. 
Trotz dieser krassen Verhöhnung seiner erzieherischen 
Bestrebungen — die natürlicherweise jeder weiteren 
Seifenabgabe einen Riegel vorschob — hatte der Herr 
Amtmann damals kein Wort des Unmutes laut werden 
lassen. Im Dorf wurde nur bemerkt, dass er ein paar 
Tage lang den Mund noch etwas schiefer herabhängen 
liess, als gewöhnlich. Diesen Umstand wusste wiederum 
Herr Balke zu erklären. „Da hättet Ihr eben gleich den 
grossen Zwiespalt erkennen können, der in seinem Innern 
wohnt!“ redete er auf die Bauern ein. „Der Herr Amtmann 
soll sich nicht mehr ärgern! Das ist ihm vorgeschrieben 
worden. Und das ärgert ihn! — Und besonders ärgert 
es ihn noch, dass wir alle im Dorf wissen, dass er sich 
nicht ärgern soll! — Dabei war der Aerger ja bisher 
sein Lebenselement! Sein Hauptvergnügen! —- Und nun 
soll er mit einem Male „weise“ sein und über alles — 
lachen! — Gerade das Lachen wird ihm ja so schwer!“ 
Damit hatte allerdings der Sprecher recht. Deshalb 
behalf sich der Herr Amtmann auch vorläufig nur da 
durch, dass er sich über alles lustig zu machen suchte. 
Seine knurrige Art stand dem wenigstens nicht entgegen. 
Weil man sich über ihn lustig gemacht hatte, wollte er 
hinfort andere zum Narren halten. Mit seinem Geld im 
Kasten, brauchte er sich um keinen Menschen zu scheren. 
Er hatte keinerlei verwandtschaftlichen Anhang, seinen 
Hausstand hatte er einem allen stummen Knecht und 
dessem noch älteren tauben Weibe anvertraut. Dazu 
hielt er sich eine bildhübsche Wirtschafterin. „Leider 
nur zum Ansehen!“ Diese Bemerkung pflegte er immer 
gleich selber zu machen, damit ihm kein anderer damit 
zuvorkam. —■ „Aber für andere ist sie auch nicht da!“ 
Dieser Zusatz blieb ebenfalls nicht aus; er machte die 
Zornesader auf der Stirn des Herrn Amtmanns schwellen 
und liess den kurzbeinigen Mann stets eine Art Kamples- 
slellung einnehmen. 
Es ging eben nicht anders; ab und zu musste er 
seinen kleinen Hausbedarf an Aerger haben. Eine zeit- 
lang hatte ein stramm gewachsener Schlächter aus dem 
nahen Städtchen dafür gesorgt. Er brachte alle Sonnabend 
Fleisch ins Dorf und wusste dabei der schmucken Wirt 
schalterin jedesmal höchst energisch nachzusteigeh, bis 
der Herr Amtmann, der seinen „Augenstern“, wie die 
hübsche Wirtschafterin im Dorfe allgemein hiess, nie un 
beobachtet liess — ihn unter ihrem Fenster in einem 
„wattierten“ Fuchseisen fing. Der Freibeuter verschwand 
hierauf aus dem Dorf mitsamt seinem minderwertigen 
Fleisch, sodass sich der Herr Amtmann notgedrungen 
nach einem neuen Aerger umsehen musste. Glücklicher 
weise lieferten ihm den in reichstem Masse - - seine Hühner. 
Sein Hof lag mitten im Dorf, der Kirche und dem 
wegen Ueberfüllung beinahe geschlossenen Kirchhof 
schräg gegenüber. Es war nun scheinbar eine geheiligte 
Ueberlieferung bei seinen Hühnern, dass sie nie auf 
dem Hofe blieben, ja nicht einmal den bereitwillig geöff 
neten Garten mit ihrem Besuch beehrten, sondern stets 
über die Dorfstrasse hinüber auf den Kirchhof wanderten. 
Die durchlöcherte Hecke desselben gestattete ihnen leider 
den Eintritt auf allen Seiten. Dagegen half dem Herrn 
Amtmann kein Türschliessen und kein noch so hoher Zaun. 
Den Küken war dieser Abwanderungstrieb scheinbar gleich 
erblich überkommen. Auf dem Kirchhof schien den 
Hühnern eitel Milch und Honig zu fliessen. Dabei hatte 
der Kirchenrat dem Amtmann schon wiederholt „anheira- 
gegeben“, diesem „Unfug“ zu steuern, da es doch zum 
mindesten einen höchst unästhetischen Anblick gewähre, 
wenn sein Haushahn auf dem Grabkreuz des entschlafenen 
Gemeindevorstehers thronend, seine misstönende Stimme 
erschallen Hesse, und die Hennen sich auf dem Grabhügel 
der ehemaligen Ortshebamme zum Brüten anschickten. 
Die Hühnerangelegenheit spitzte sich im Laufe der 
Zeit immer mehr zu. Jeder im Dorfe wusste von einer 
neuen Pietätlosigkeit der unsauberen Hühner zu berichten, 
sodass endlich ein Kirchenratsbeschluss dahinzielend er 
schien: „Der Herr Amtmann Schnars habe schleunigst, 
zur Vermeidung weiteren Aergernisses, seine Hühner ab 
zuschaffen!“ 
Oho! Das konnte sich der Herr Amtmann nicht be 
fehlen lassen. Vorher hatte er diesen Entschluss wohl 
schon selbst erwogen, jetzt wies er ihn aber weit von 
sich. —• Nein, da kam man bei ihm an den Unrechten. 
Er stellte ein paar Jungen als „Plühnerwache“ an, musste 
sie aber ständig beobachten, sonst hielten sie schon aus 
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